Eine andere Frau von Woody Allen
Wenn Woody Allen in seinen Filmen selbst nicht mitspielt und sich auf den Regiestuhl beschränkt, lässt dies ernstere Töne erwarten. So ist es auch in seinem Psychodrama 'Eine andere Frau', das sich ganz auf das Innenleben der Hauptakteurin Rachel (wie immer beeindruckend: Gena Rowlands) konzentriert. Rachel, eine erfolgreiche Philosophie-Dozentin, hat sich beurlauben lassen, um in der Stille eines gemieteten Appartements ein Buch zu schreiben. Die Wände in ihrem Zimmer sind so dünn, dass sie unfreiwillig Zeugin der Gespräche im Raum nebenan wird, wo ein Psychiater seine Sitzungen abhält.
Als Rachel dabei einer jungen Frau (Mia Farrow) zuhört, die über ihre Selbstzweifel, ihre Unzufriedenheit, ihre Ehe und zwischenmenschlichen Beziehungen redet, kommen ihr Zweifel an ihrer eigenen Lebensführung. Nach und nach werden bei Rachel lange verdrängte Gefühle aufgewühlt. Sie erkennt, dass ihr Leben aus lauter Selbsttäuschungen besteht: Rachel ist mit einem anständigen, wohlsituierten Arzt verheiratet, der aber ein ausgesprochener Spießer und Langweiler ist und ihr lange schon nicht mehr Liebe und Zärtlichkeit entgegenbringen kann. Für ihren Ehemann hat sie vor Jahren dem Schriftsteller Larry (Gene Hackman) den Laufpaß gegeben, obwohl dieser sie aufrichtig liebt und ein wirklich ehrlicher und sensibler Mann ist.
Ihren ersten Mann hat sie nicht einmal am Sterbebett besucht und ein Kind, das dieser sich damals sehnlichst gewünscht hat, zugunsten ihrer Karriere abtreiben lassen.
Immer mehr wird Rachel bewusst, dass sie sich durch ihren Egoismus und ihre Selbstsucht von den Menschen entfernt hat. Dies machen ihr auch Begegnungen mit ihrer Tochter aus ihrer jetzigen Ehe und ihrem Bruder, der immer eifersüchtig auf sie gewesen ist, klar.
Rachel macht erste kleine Schritte, um ihr Leben in Ordnung zu bringen. Sie sucht ihren Bruder auf, schließlich begegnet ihr durch einen Zufall die Frau, die nebenan in der Praxis war. Die beiden sprechen sich aus und gehen in ein Restaurant, in dem Rachel ihren Mann mit einer Freundin händchenhaltend an einem der Nebentische sieht'
Angesichts dieses Betrugs ist Rachel endgültig motiviert, radikale Veränderungen vorzunehmen. Sie trennt sich von ihrem Mann. Am Ende sieht man sie, frei von Depressionen und sichtlich gelöst, mit neuer Energie an ihrem Buch weiterarbeiten. Und sie liest in dem neuen Roman ihres Freundes Larry, der seine weibliche Hauptfigur exakt nach Rachel gezeichnet hat und darin unter anderem sehr treffend seine erste Begegnung mit Rachel schildert. Rachel, die sich von ihren Lebenslügen befreit hat, wirkt optimistisch und zuversichtlich und wird wahrscheinlich den Mut haben, auf Larry zuzugehen'
Allen erzählt diese Geschichte einer Selbstfindung ganz aus der Sicht Rachels, die ihre Empfindungen und Reaktionen aus dem Off in tagebuchartiger Form kommentiert. Innere und äußere Ereignisse, Rückblenden in die Kindheit, Begegnungen mit Menschen, die Rachel nahestanden, Erinnerungen an ihren ersten Mann werden zusammen mit Traumszenen, welche (auch wenn Allen es selbst nicht gerne hört) an Strindberg oder Ingmar Bergman erinnern, vermischt; geschliffene Dialoge und die Gesten Gena Rowlands', die oft schon allein ihre innere Befindlichkeit besser widerspiegeln als manches gesprochene Wort, fügen sich zu einem komplexen Psychogramm einer Frau zusammen, die ihre innere Leere und Einsamkeit erst begreifen muß, um dann erste, zaghafte Schritte zu unternehmen auf dem Weg zu einem glücklicheren Leben.
In diesem 'kleinen', nicht einmal 90 Minuten langen Film, gelingt es Woody Allen wie so oft meisterhaft komprimiert wie unter einem Brennglas Beziehungsgeflechte, Gefühle und innere Befindlichkeiten von Menschen zu verdeutlichen.
Die Stars Rowlands, Hackman und Farrow agieren mit einer authentisch natürlichen Zurückhaltung. Allens Psychiatercouch war seit 'Innenleben' (1976) nicht mehr so ernst, eigentlich erzählt er immer dieselbe Geschichte, doch mit diesem Film beweist er erneut, dass kein anderer amerikanischer Regisseur die Neurosen, Ängste und Probleme unserer Zeit so auf den Punkt bringen kann. Die Sensibilität, mit der Allen seine Figuren 'intim beleuchtet', und die ständige Suche nach Wahrheiten werden scheinbar mit jedem seiner Filme noch intensiver, noch ausgereifter.