"Schicksal der Hoffnung ist, stets aufs Neue geboren zu werden."
(José Saramago)
José Saramago (1922-2010), portugiesischer Nobelpreisträger für Literatur seit 1998, ist ein wunderbares Buch gelungen. Fragt man nach Buchanfängen, die Weiterlesen zwingend machen ist es dieser: "Am darauffolgenden Tag starb niemand ". Es ist Neujahr und das Ende des Sterbens suggerierte unüberlegt ein Paradies ausschließlich in einem fiktiven Land und nur innerhalb der Grenzen, so dass die Nachbarn Züge des unerbittlichen Imperialismus zeigten und ebenso sich blind gegenüber der vierfachen Krise, nämlich der demographischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen. In Anbetracht all der Katastrophen sich der Blick zur Hölle veränderte. Verletzte wurde blutüberströmt geborgen, eigentlich tot überlebten sie, weil es so sein musste. Alte und Kranke blieben daheim oder überfüllten die Krankenhäuser und Altenheime. Politscher Druck und Chaos aus der vorhersehbaren Krise wurden größer, Formen der Euthanasie durch Grenzübertritt deutlich und notwendig. Hoffnung, ewig zu leben wich dem Horror, niemals zu sterben.
Vertrauend auf die Weisheit der Zeit, die uns versichert, "dass es immer ein Morgen geben wird, das die Probleme löst, die heute noch unlösbar erscheinen" lösten Thesen Thesen ab. "Falls wir nicht sterben, haben wir keine Zukunft mehr" war nur eine dieser Thesen bis die Wende kam und der Zug der Zeit auf sein altes Gleis zurückfand. Der Tod tritt auf, eine Sie (portugiesisch: morte, feminin) und nur als persönlicher Tod, es wird wieder gestorben, aufatmen in dem Land, die Normalität kehrt zurück und doch - ein Mensch ist außerhalb der Regel, sein Tod mit 49 tritt nicht ein, seinen 50 Geburtstag erlebt der einsame Cellist, weil, wie der Erzähler berichtet: "Mit kalter Aufmerksamkeit hast du den schlafenden Cellisten beobachtet, diesen Menschen, den du nicht zu töten vermochtest, weil du seiner erst habhaft wurdest, als es bereits zu spät war". So rettet auch hier der Tod die Liebe wie bei Verdi oder Shakespeare - allerdings ins Leben.
Tritt anfangs wohlüberlegt und wiederholt die Betrachtung der gesellschaftlichen Nuance aller Ursachen und Folgen des fehlenden Todes in den Vordergrund, findet die spontane Wende im erneuten Sterben und in einer persönlichen Beziehung in D-Dur, der Tonfolge der Freude und der Liebe bei Bach und Beethoven eine gekonnte Interpretation und macht so das Buch zu einem Lesevergnügen, atemlos von der ersten bis zur letzen Seite. Die Tod stößt an die eigenen Grenzen und so endet der Roman, wie er begonnen hat: "Am darauffolgenden Tag starb niemand." Die Gründe werden sich verändert haben.
Saramago schreibt ohne orthographische Regel, sein Ineinanderlaufen von Frage und Antwort, von jedem Dialog erschwert das Lesen und macht es wie die Geschichte ist: atemlos. Atemlos in einem Szenario der Überbevölkerung, in dem deutlich wird, wie sich Werte, Moral, Liebe und Pflege verändernd zeigen können, wie notwendig Gesellschaft, Kirche und der Mensch an sich des Todes bedürfen. Diese Hetze stockt erst im Zuge der Wende. Dass Saramago in der Hast an Neubetrachtungen desselben nicht vorbeikommen will, zeigt er in der Vielfalt der Blickwinkel, ist doch jede Betrachtung eine von sozialkritischem Ernst oder satirischer Philosophie. Ein Mann, ein Literat, ein Nobelpreisträger ist nicht mehr, einer, "der mit Gleichnissen, getragen von Phantasie, Mitgefühl und Ironie, ständig aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar macht", so der Beginn der Mitteilung der Schwedischen Akademie zum Nobelpreis.
José Saramago ist tot. Am Freitagmittag, gestern, dem 18.06. ist er in seinem Haus auf Lanzarote gestorben. In einem Interview sagte er einmal: "Meine Ruhe und meine Gelassenheit haben mir geholfen, den Tod als etwas ganz Natürliches zu betrachten, gegen den man sich allerdings wehren sollte. Man darf nicht resignieren und die Tatsache des Sterbens einfach akzeptieren." Eine Zeit ohne Tod ist für den großen Portugiesen zu Ende. Seine unentwegte Hoffnung auf den besseren Menschen wird weiterleben. Wie auch seine Bücher: "Die Stadt der Blinden", sein Nobelpreis-Werk, "Die Stadt der Sehenden" und sicher auch seine kleine, jüngst erschienene Autobiographie als
Kleine Erinnerungen, die mit dem 15. Lebensjahr endet, doch Basis ist für einen Mann, dessen Herkunft, Denken und Schreiben bestimmt hat. Nirgends besser formuliert als genau dort: "Lass dich von dem Kinde verführen, das du einmal warst."
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