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20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kraftvoll beginnend, feinfühlig gegen Ende und stets ironisch, 10. Dezember 2007
"Eine Zeit ohne Tod" ist der neuste Roman des Nobelpreisträgers Saramago. Das unerhörte Ereignis zu Beginn dieses Buches besteht darin, dass tod (kleingeschrieben, personifiziert als Frau!) ihre Arbeit niederlegt. Die Gesellschaft altert weiter, Menschen flüchten zum Sterben ins Ausland, die Regierung des nicht näher benannten Landes ist hilflos.
Saramago spielt auf den ersten hundert Seiten mit den aktuellen Debatten des alternden Europa, überzeichnet sie und feuert die ein oder andere Spitze gegen Politiker und Medien, die kein Vertrauen verdienen. Manchmal hat man das Gefühl, der Autor vergesse für ein paar Absätze das eigentliche Thema und ist eher damit beschäftigt sich persönlich Luft zu machen, doch seine kritischen Passagen wirken im Kontext doch zuletzt immer angemessen.
Dass er in Meister darin ist, den Leser zu verwirren, ist bekannt. Der typisch unzuverlässige Erzähler lässt einem das ein oder ander Mal im unklaren, betrachtet das Geschehen nah in einer Familie oder distanziert für die ganze Nation. Saramago zeigt in der ersten Hälfte des Romans, wie unser gesamtes gesellschaftliches Leben auf den Wechsel zwischen Generationen, auf den Tod hin ausgerichtet ist und wie irrsinnig ein Wunsch nach Unsterblichkeit sein kann.
Als tod doch wieder die Arbeit aufnimmt, ändert sich der Tonfall und die Atmosphäre: der Erzähler schaut ihr über die Schulter, verfolgt ihre Wege und es kommt dazu, dass ein Mann nicht sterben will, obwohl alle Welt den normalen Gang der Dinge wieder angetreten hat. Um hier nicht zu viel zu verraten, sei nur gesagt, dass den Leser ein überraschendes und wohl inszeniertes Ende erwartet.
Wer Saramago kennt und zu schätzen weiß, der darf hier bedenklos die Lektüre beginnen, aber auch für alle anderen sei er empfohlen, ist er Neue doch weniger düster und leichter zugänglich als manch andere seiner Werke (z.B. "Das Todesjahr des Ricardo Reis").
Spannend aufgebaut, elegant und temporeich erzählt: sehr gut!
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21 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schluszstück, 2. Oktober 2007
... der Tod ist grosz, ... und zwar so groß, dass am darauf folgenden Tag niemand stirbt! Silvester verstreicht. Wohl geschehen verheerende Unfälle infolge des Feierns, liegen alte Menschen im Sterben, Kranke ringen im Todeskampf, der Tod bleibt am nächsten Tag dennoch aus - und nicht nur am nächsten! Freuen sich die einen, grübeln die anderen ob der demographischen Situation - klagen die Zünfte der Bestatter und jene der Zimmermänner, verzweifeln Krankenhäuser und Altenheime, hadern Versicherungen - nicht zuletzt fürchten Philosophen und die katholische Kirche um ihre Existenzgrundlage. Die Ministerien sitzen zwischen den Stühlen - zu oberst das Gesundheitsministerium.
Bis "tod" - und diese ist weiblich (portugiesisch: morte - fem.) - mit Hilfe eines violetten Briefes für Klärung sorgt und erneut Ordnung und Ruhe in jenem unbenannten Land einkehren.
Himmlisch, komisch, heiter, mystisch, zum Teil liebenswürdig, meist egoistisch und wie immer aus dem Leben gepflückt, gestaltet Saramago in seinem Roman über das "ewige Leben" die Charaktere, die großteils zwar personifiziert aber ohne wahre Persönlichkeit ihren Beitrag leisten. Bekannt die Einsamkeit des Cellisten, der uns im letzten Drittel begegnen wird und der Hund als Gefährte, bekannt auch irgendeine unbenannte Stadt, hilflose Ministerien und Organisationen. Wortwahl und Satzbau wie üblich ein "saramagischer" Genuss, geknüpfte Parabeln ein Zeichen von Weisheit, sehr spartanisch in Auswahl und Verwendung der Satzzeichen (wie üblich).
Nicht nur der Idee gebührt meine allerhöchste Verehrung!
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14 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Schicksal der Hoffnung ist, stets aufs Neue geboren zu werden."(Saramago), 17. Juli 2008
Jose Saramago (1922-), portugiesischer Nobelpreisträger für Literatur seit 1998, ist ein wunderbares Buch gelungen. Fragt man nach Buchanfängen, die Weiterlesen zwingend machen ist es dieser: "Am darauffolgenden Tag starb niemand ". Es ist Neujahr und das Ende des Sterbens suggerierte unüberlegt ein Paradies ausschließlich in einem fiktiven Land und nur innerhalb der Grenzen, so dass die Nachbarn Züge des unerbittlichen Imperialismus zeigten und ebenso sich blind gegenüber der vierfachen Krise, nämlich der demographischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen. In Anbetracht all der Katastrophen sich der Blick zur Hölle veränderte. Verletzte wurde blutüberströmt geborgen, eigentlich tot überlebten sie, weil es so sein musste. Alte und Kranke blieben daheim oder überfüllten die Krankenhäuser und Altenheime. Politscher Druck und Chaos aus der vorhersehbaren Krise wurden größer, Formen der Euthanasie durch Grenzübertritt deutlich und notwendig. Hoffnung, ewig zu leben wich dem Horror, niemals zu sterben.
Vertrauend auf die Weisheit der Zeit, die uns versichert, "dass es immer ein Morgen geben wird, das die Probleme löst, die heute noch unlösbar erscheinen" lösten Thesen Thesen ab. "Falls wir nicht sterben, haben wir keine Zukunft mehr" war nur eine dieser Thesen bis die Wende kam und der Zug der Zeit auf sein altes Gleis zurückfand. Der Tod tritt auf, eine Sie (portugiesisch: morte, feminin) und nur als persönlicher Tod, es wird wieder gestorben, aufatmen in dem Land, die Normalität kehrt zurück und doch - ein Mensch ist außerhalb der Regel, sein Tod mit 49 tritt nicht ein, seinen 50 Geburtstag erlebt der einsame Cellist, weil, wie der Erzähler berichtet: "Mit kalter Aufmerksamkeit hast du den schlafenden Cellisten beobachtet, diesen Menschen, den du nicht zu töten vermochtest, weil du seiner erst habhaft wurdest, als es bereits zu spät war". So rettet auch hier der Tod die Liebe wie bei Verdi oder Shakespeare allerdings ins Leben.
Tritt anfangs wohlüberlegt und wiederholt die Betrachtung der gesellschaftlichen Nuance aller Ursachen und Folgen des fehlenden Todes in den Vordergrund, findet die spontane Wende im erneuten Sterben und in einer persönlichen Beziehung in D-Dur, der Tonfolge der Freude und der Liebe bei Bach und Beethoven eine gekonnte Interpretation und macht so das Buch zu einem Lesevergnügen, atemlos von der ersten bis zur letzen Seite. Die tod stößt an die eigenen Grenzen und so endet der Roman, wie er begonnen hat: "Am darauffolgenden Tag starb niemand." Die Gründe werden sich verändert haben.
Saramago schreibt ohne orthographische Regel, sein Ineinanderlaufen von Frage und Antwort, von jedem Dialog erschwert das Lesen und macht es wie die Geschichte ist: atemlos. Atemlos in einem Szenario der Überbevölkerung, in dem deutlich wird, wie sich Werte, Moral, Liebe und Pflege verändernd zeigen können, wie notwendig Gesellschaft, Kirche und der Mensch an sich des Todes bedürfen. Diese Hetzte stockt erst im Zuge der Wende. Dass Saramago in der Hast an Neubetrachtungen Desselben nicht vorbeikommen will, zeigt er in der Vielfalt der Blickwinkel, ist doch jede Betrachtung eine von sozialkritischem Ernst oder satirischer Philosophie. "der mit Gleichnissen, getragen von Phantasie, Mitgefühl und Ironie, ständig aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar macht", so der Beginn der Mitteilung der Schwedischen Akademie zum Nobelpreis.
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