Aufmerksam geworden auf dieses wunderbare Buch bin ich durch den WDR2-Buchtipp am Sonntagmorgen. Die Begeisterung der Redakteurin wirkte ansteckend, und ich bin nicht enttäuscht worden.
Die junge Autorin Aline Sax hat hier einen Roman vorgelegt, der um zwei große Themen kreist.
Der Roman beginnt im Jahr 1910, in dem die belgische Familie De Belder sich entschließt, ihre Heimat zu verlassen und wie so viele nach Amerika auszuwandern (erster Themenkomplex). Im Zentrum des Romans steht der 18jährige Adrian, aus dessen Sicht das ganze Buch verfasst ist. Der Autorin gelingt es auf geniale Weise die Aufbruchstimmung der Zeit um die Jahrhundertwende nachzuzeichnen, all die Hoffnungen, die an das Leben in der neuen Welt geknüpft wurden, vor allem aber auch die Schwierigkeiten vom Verkauf des alten Besitzes und Verlassen der Verwandten, Freunde und Bekannten über die Probleme der Auswanderungswilligen mit Behörden und Gaunern diesseits und jenseits des Atlantiks. Am Ende kommt nur Adrian in Amerika an und muss nun, völlig auf sich allein gestellt, ums Überleben kämpfen. Nichts ist mehr übrig vom ursprünglichen Enthusiasmus: die Trennung von den Eltern und der kleinen Schwester, und mehr noch von seinem Zwillingsbruder Alexander, wiegen so schwer wie das zunächst armselige Leben.
In Jack findet Adrian schließlich einen Freund, der ihm hilft, sich in der Neuen Welt zurechtzufinden. Damit hebt das zweite große Thema dieses Buches an. Im Zusammensein und Zusammenleben mit Jack entdeckt Adrian seine Homosexualität. Für Adrian öffnet sich hier nochmals eine völlig neue Welt, "eine Welt dazwischen", denn im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts ist Homosexualität eine Schande und wird in Kellerbars und geheimen Hinterhöfen ausgelebt.
Als schließlich Adrians Zwillingsbruder Alexander im zweiten Anlauf doch noch nach Amerika gelangt, muss er sich entscheiden: für seine Liebe, für Jack, für seine sexuelle Identität, für New York oder für seinen Kindheitstraum, die Farm im Westen, für Alexander.
Das Buch ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Das Ende ist offen - doch bekommt der aufmerksame Leser eine Ahnung (vielleicht ist es sogar eine Hoffnung...?), wofür der Protagonist sich entscheien wird. Was das Buch neben der schonungslosen Entmythifizierung des bedingungslosen Auswandererglücks (von jetzt auf gleich vom Tellwäscher zum Millionär!) so wertvoll macht, sind die ständigen Denkanstöße für das Hier und Heute. Was zählt im Leben wirklich? Wie ist es mit der Toleranz für Andersdenkende und Andershandelnde bestellt?
Es mag auf den ersten Blick etwas irritieren, dass das Buch bei Arena erschienen ist. Denn die Adressaten sind sicher nicht nur Jugendliche; Leser jeden Alters dürften an dem Buch ihre helle Freude haben. In Holland ist "Eine Welt dazwischen" für das beste historische Jugendbuch nominiert worden.
Summa summarum: ein exzellentes Lesevergnügen, das für Stunden oder Tage zu einem spannenden Aufenthalt in der Vergangenheit einlädt, mit liebevoll-sympathischen Charakteren und einem nachhaltig bleibenden Eindruck.