Joanna Russ' "The Female Man" (hier vorliegend in einer ambitionierten Übersetzung) ist ein Klassiker eines hochspeziellen Genres: feministische Science-Fiction. In unserer spaßorientierten Gesellschaft wird mit dem Begriff "Feminismus" normalerweise zunächst Verbitterung, Verbissenheit und Humorlosigkeit verbunden. "Eine Weile entfernt" belehrt eines Besseren: es handelt sich hier um einen kompromißlos avantgardistischen, ungeheuer vielschichtigen Roman, dem es immer wieder gelingt, den Leser zu überraschen. Russ ist der Tradition des "stream of consciousness" verpflichtet, begnügt sich jedoch nicht mit der Innensicht einer einzigen Person. Janet, Joanna und Jeannine sind die drei Hauptakteurinnen des Romans. Sie entstammen nicht etwa bloss verschiedenen Zeitaltern, sondern gleich verschiedenen Raum-Zeit-Kontinuen, parallelen Universen. Joanna, die kaum verhohlen auf der Autorin selbst basiert, lebt im New York "unserer" siebziger Jahre. Sie ist Professorin und versucht, mehr oder weniger erfolgreich in der männerdominierten akademischen Welt zurechtzukommen. Janet ist aus Whileaway, einer zukünftigen Version der Erde, auf der die Männer seit Jahrhunderten ausgestorben sind. Jeannine ist aus einem New York der vierziger Jahre, in dem die grosse Depression nie aufgehört, der zweite Weltkrieg nie stattgefunden hat. In ihrem Kontinuum werden Frauen noch weitaus mehr unterdrückt als in Joannas Welt. Russ lässt diese drei Charaktere (die, so ist zu mutmaßen, möglicherweise alle ein und dieselbe J-Person in verschiedenen Alternativen sind) aufeinandertreffen. Die Verstrickungen und Mißverständnisse, die sich aus dieser Zusammenkunft ergeben, sind originell und humorvoll beschrieben und verdeutlichem dem Leser das Anliegen der Autorin auf unterhaltsame Weise. Joanna Russ, dies wird insbesondere in den Schilderungen des männerlosen Whileaway deutlich, steht nicht für die Ansicht, dass Frauen einfach die besseren Menschen seien. Sie will vielmehr verdeutlichen, wie ungeheuer willkürlich und, von Ferne betrachtet, lächerlich die Bedeutung ist, die wir dem kleinen Unterschied im gesellschaftlichen Umgang miteinander beimessen. Nicht jedermanns Sache ist "Eine Weile entfernt" nicht seines Inhalts oder seiner Intention wegen, sondern weil der Roman literarisch ungeheuer komplex ist. Erzählperspektiven werden, häufig ohne besondere Zuordnung oder Kennzeichnung, gewechselt, von einem stringenten Plot kann kaum die Rede sein. Dies ist zwar, wie zum Schluss deutlich wird, integraler Bestandtteil dieser ganz besonderen Leseerfahrung, mag auf den einen oder anderen jedoch abschreckend wirken. Ein Buch für Leute, die gerne nachdenken!