Neue Zürcher Zeitung
Zwei Bücher der israelischen Schriftstellerin Eleonora Lev
Nach einer 15jährigen Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Polen reiste 1983 erstmals wieder eine Gruppe von Israeli nach Polen, um auf Einladung der dortigen Regierung an den Feierlichkeiten anlässlich des 40. Jahrestags des Aufstands im Warschauer Ghetto teilzunehmen. Unter den Reisenden war auch die Tel Aviver Schriftstellerin Eleonora Lev, begleitet von ihrer zehnjährigen Tochter und einem Freund. Es wurde eine Reise zurück in die Vergangenheit auf den Spuren ihrer polnisch-jüdischen Vorfahren, eine Reise zu den Überresten der einst so lebendigen jiddischen Schtetl-Kultur und zu den Stätten der Vernichtung jüdischen Lebens. Das Buch über diese Reise ist nun gleichzeitig mit dem ersten Roman der Autorin auf deutsch erschienen.
Bei der Ankunft auf dem Warschauer Flughafen fällt der Blick Eleonora Levs auf ein Coca-Cola-Plakat mit dem Werbespruch «to jest to». Während sie noch der Bedeutung dieses merkwürdigen Englisch auf die Spur zu kommen sucht, wird ihr plötzlich klar, dass es Polnisch ist und «das ist es» bedeutet. Und mit der Sprache tauchen plötzlich lang versunkene Erinnerungen an die Kindheit auf, die später beim Anblick von Häusern, Strassen und Gärten an Intensität gewinnen.
Eleonora Lev war fast sieben, als ihre Familie kurz nach der Machtübernahme Gomulkas 1957 Polen verliess und nach Israel auswanderte. Nun, 25 Jahre später, sucht sie als erstes ihre Geburtsstadt Szczecin auf und dort die Wohnung, in der sie mit ihren Eltern und Geschwistern gelebt hatte. Die polnische Familie, die nun dort wohnt, ist zunächst abweisend. Doch es stellt sich heraus, dass das nichts mit den Besuchern zu tun hat, sondern mit der Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas durch ein Regime, unter dem der Sohn der polnischen Familie wegen Mitgliedschaft in der «Solidarnosc» seinen Arbeitsplatz verlor und zu fünfjährigem Arbeitsverbot verurteilt wurde. Verzahnungen solcher Art sind charakteristisch für die komplexe Darstellungsweise des Buchs. Beobachtungen über den polnischen Alltag und Informationen über die politischen Verhältnisse vermischen sich mit Erinnerungen an die eigene Kindheit und an die Erzählungen des Vaters.
Nur mehr Gräber
Nach dem deutschen Überfall auf Polen war er der einzige in seiner Familie, der aus der Heimatstadt Lodz floh, der einzige auch, der den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg überlebte. In Krakau von den Deutschen eingeholt, wurde er mit anderen Juden gefangengenommen, musste Kriegstrümmer wegräumen, erhielt nichts zu essen. Nach zehn Tagen warf man den hungrigen Juden Brot vor. Ein deutsches Kamerateam filmte, «wie sie aufsprangen und über das Brot herfielen». So entstanden Propagandafilme für deutsche Wochenschauen, die zeigen sollten, «wie tierisch sich die Juden benahmen». Der Vater konnte nach Sibirien fliehen, überlebte dort als Arbeiter in einer Munitionsfabrik.
Beim Besuch von Lodz findet die Tochter nur noch den jüdischen Friedhof vor. Auch er sollte eingeebnet werden. Doch sorgte die grosszügige Dollarspende eines aus der Stadt stammenden US-amerikanischen Juden dafür, dass dieser riesige Friedhof mit seinen Alleen und alten Grabsteinen erhalten blieb. Nach Warschau war Lodz einst die zweitgrösste jüdische Gemeinde Europas. Doch wie unter einer Viertelmillion Gräbern das der Grossmutter oder anderer Verwandter finden? Und gab es für die im Ghetto Umgekommenen überhaupt Grabsteine?
Zu manchen Geschichten, die der Vater oder andere polnischstämmige Israeli Eleonora Lev erzählt hatten, die jedoch irgendwann abbrachen, weil die Erzählenden wegen ihrer Flucht oder Haft von weiteren Nachrichten abgeschnitten waren, hört die Autorin in Polen die Fortsetzung. Sie hört von Juden, die das Konzentrationslager überlebt hatten, zurückkamen, ihr Haus von Polen besetzt vorfanden und die, als sie Ansprüche auf ihr Eigentum erhoben, einfach umgebracht wurden schwarze Fakten, so Eleonora Lev, die «ich lieber nicht gewusst hätte, um mich nicht an sie erinnern zu müssen, nachdem ich von ihnen erfahren habe». Auf der Suche nach Spuren ihres Onkels Warszawski erfährt sie, dass er zusammen mit neun anderen Juden im November 1939 von deutschen Soldaten auf dem Marktplatz von Zdunska Wola erhängt worden war. Am selben Tag wurden auch zehn Polen erschossen. Nur ihre Namen stehen auf dem Gedenkstein an der heute «Freiheitsplatz» genannten Richtstätte. «Die Deutschen», so die Nichte, «haben Warszawski das Leben genommen, die Polen haben ihm den Tod geraubt.»
Am eindringlichsten ist das letzte und siebte Kapitel, die Schilderung der Eindrücke der kleinen Reisegruppe um Eleonora Lev beim Besuch der Konzentrationslager Treblinka, Majdanek und Auschwitz. Von dem einstigen Arbeitslager Treblinka, das Ende des Krieges von den deutschen Bewachern zerstört wurde, steht nur noch die Bahnhofskulisse mit der gemalten Uhr, die über den wahren Charakter dieser Vernichtungsstätte hinwegtäuschen sollte. Auf einer Lichtung zwischen hohen dunklen Kiefern in grosser Stille lange Reihen weisser unbehauener Steine, etwas kleiner als menschliche Gestalten, so hoch wie Grabsteine. An der Stelle, wo die Gaskammern standen, ein riesiges Loch, in dem sich geschmolzene, verbogene Eisenträger türmen.
Als Angehörige der Generation der Nachgeborenen begreift die Reisende: Je mehr man über das Entsetzliche erfährt, desto monströser wird es. Noch die eigene Kindheit hat ihre Unschuld verloren, weil sie nur vor der Folie der Vernichtungsmaschinerie gesehen werden kann, der der Vater nur durch Zufall entronnen ist. Das Trauma der zweiten Generation spiegelt sich in dem schmerzlichen Versuch, etwas über die ermordeten Verwandten zu erfahren, auf Grund des wenigen, was über sie in Erfahrung zu bringen ist, etwas von ihnen wieder lebendig werden zu lassen.
Das Gift der Heimlichkeit
Eine Angehörige dieser zweiten Generation ist auch die Protagonistin von Eleonora Levs voluminösem Roman «Der erste Morgen im Garten Eden». Eine Frau, Ende Dreissig, erzählt ihrem noch ungeborenen Sohn ihr Leben: schonungslos gegenüber sich selbst, dabei nicht ohne Selbstironie. Ihre Eltern, nach Israel eingewanderte Juden, hatten ihr nie von den Verfolgungen und Leiden erzählt, die ihr Leben vergiftet hatten. Verbitterung und Scham über ihr Schicksal bestimmten die Beziehung zur einzigen Tochter, die manchmal in Tränen ausbrach, wenn sie sich etwa vorstellte, ihre Eltern können sterben und sie als Waise zurücklassen. Da der Vater das in seinen Augen grundlose Weinen hasst, schlägt er sie, damit sie, wie er sarkastisch meint, wenigstens einen Grund zum Weinen habe. Die Tochter ihrerseits empfindet Scham darüber, dass sie ihm den Schmerz des Zuschlagenmüssens zufügt. Dankbar anerkennt sie die Grossmut seiner Tat, die nur zu ihrem Besten geschieht.
Das Muster der Kindheit prägt alle späteren Beziehungen. Alle Stationen ihres Lebens Schule, Studium, Abbruch des Studiums, Militärdienst, Sekretärin bei der führenden israelischen Tageszeitung «Erew-Erew» sind eng verknüpft mit meist unsteten Liebesbeziehungen zu immer neuen Männern. Auch nach einem fünfzehnjährigen ausserehelichen Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten bei «Erew-Erew» denkt sie nicht an Protest, wenn bei offiziellen Anlässen nicht sie, die Schattenfrau, sondern die von ihm nicht mehr geliebte Ehefrau an seiner Seite steht. Als dieser Schaul, der wie sie selber noch ein halbes Dutzend weitere Liebesbeziehungen unterhält, nach einem Beischlaf mit ihr plötzlich tot zusammenbricht, ist sie so umsichtig, dessen Stellvertreter Yak zu Hilfe zu rufen, damit es zu keinem öffentlichen Skandal kommt und Schauls Familie nichts von den Todesumständen erfährt.
Vom Nachfolger des Chefs zunächst beschlafen, dann von ihm entlassen und durch eine frische Kraft ersetzt, begehrt sie erstmals auf, entscheidet sich gegen eine Abtreibung und besteht auf ihrem Recht als unkündbarer Sozialfall. Den ausufernden Roman ihres Lebens dem ungeborenen Leben in sich erzählend, versucht sie es besser zu machen als ihre Eltern. Alles ist nun einmal gesagt. Was die nächste Generation damit anfängt, ist offen. Das oft Peinigende, zuweilen Peinliche, manchmal Grossartige des Romans zeugt vom Preis, der für den gewonnenen Spielraum zu zahlen ist.
Renate Wiggershaus