Ich bin auf das Buch deshalb aufmerksam geworden, weil ich von Shalom Auslander bereits "Vorsicht, bissiger Gott" gelesen hatte und mir das Buch sehr gut gefallen hat. "Eine Vorhaut klagt an" ist umfangreicher, unterscheidet sich aber nicht sonderlich im Inhalt vom Vorbuch. Das Problem, das Auslander mit der Religion hat, stammt aus seiner Kindheit und diese wird in diesem Buch in einer Parallelhandlung neben sein jetziges Leben auch aufgerollt. Wie viel von seiner Biographie erfunden ist, weiß ich nicht. Auslander (geboren 1970) wuchs in einer jüdisch-orthodoxen Familie in New York auf und lebt heute in Brooklyn.
Im Prinzip geht es in diesem Buch darum, dass Auslander sich über die jüdische Gottesvorstellung aufs gröbste beschwert. Er macht sich einen persönlichen Gott, mit dem er ständig streitet. Hauptthemen sind seine Sexualsucht und koscheres Essen. Er verstößt dauernd gegen die Gebote der Bibel bzw. des jüdischen Glaubens. Seine Beziehung zu Gott bringt ihn öfter zur Verzweiflung, weil er eigentlich gar keine haben will aber nicht anders kann. Gott ist für ihn ein Dorn im Auge, eine riesige Neurose. Der Kernpunkt ist, dass Auslander sich von Gott auf den Arm genommen fühlt, er wartet ständig darauf, dass ihm Gott Fallstricke stellt und wenn er es nicht macht, dann hat er trotzdem ständig Angst, in Zukunft könnten die schrecklichsten Dinge ihm und seinen Lieben aus Strafe für seine sexuellen Taten und das Essen unkoscherer Speisen geschehen. Mit seiner Familie hat er überhaupt keinen guten Kontakt. Er erzählt wie seine Frau schwanger ist und er sich die ganze Zeit überlegt, ob er den Jungen beschneiden lassen soll oder nicht. Am Ende wird er beschnitten aber nicht nach religiösen Vorschriften, d.h. nicht am 8. Tag nach der Geburt sondern schon am 2. im Krankenhaus. Ich kann ihm in seinen Ängsten und Zweifel Gott gegenüber gut verstehen. Der Vater war Säufer, die Mutter ständig besorgt und mit dem Tod beschäftigt. Wie soll einer, der so aufgewachsen ist, absolutes Vertrauen haben? Gott wird nicht als Freund sondern als Feind gesehen, als strenges, strafendes Übergewissen. Ich persönlich hab das erste Buch von ihm "Vorsicht, bissiger Gott" deshalb besser gefunden, weil es für mich neu war. Dieses Buch unterscheidet sich nur in der Länge aber nicht im Inhalt vom ersten Buch, im Gegenteil, es ist auch nicht mehr so lustig, sondern wird eher bedrückend. Die Sätze sind sehr einfach gehalten mit viel Wiederholungen, so dass es vom sprachlichen Standpunkt aus, nicht sehr gelungen ist. Nichtsdestotrotz hat mich dieses Buch deshalb beeindruckt, weil Shalom Auslander Gott zur Rede stellt. Er behauptet nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern im Gegenteil, es gibt ihn aber er ist eben nicht der gütige, liebende Gott sondern das Gegenteil davon und die Realität zeigt eigentlich auch kein anderes Bild von ihm. Dass Menschen, die man liebt, sterben, dass man schlechte Gedanken und Gefühle hat, dass man zum Teil große Probleme im Leben hat ist eine Tatsache und das zeigt uns Auslander. Er zeigt uns aber auch, dass er die Hoffnung und den Glauben auf Gott nicht wirklich aufgegeben hat, Gott ist ihm nicht gleichgültig, im Gegenteil. Deshalb finde ich auch den Satz von Maxim Biller in der Zusammenfassung des Romans am Anfang nicht richtig, wenn er behauptet, dass man nach dem Lesen dieses Buch erkennen muss, dass es keinen Gott gibt. Dieses Buch passt auch in die heutige Zeit, wo die Religion ironisch, sarkastisch betrachtet wird. Man denke nur an Bücher wie "Jesus liebt mich" von David Safier, oder "Die Bibel nach Biff" von Christopher Moore, oder "Der verirrte Messias" von Peter Henisch usw. Insgesamt haben mir dieses Buch und auch die andern hier erwähnten Bücher gut gefallen, weil sie dem strengen Dogma, der strengen Sicht der Dinge in religiösen Belangen etwas entgegenwirken und sich doch mit dem Thema beschäftigen.