Aus der Amazon.de-Redaktion
Samuel ist gerade mal Anfang 70. Aber so alt, wie er sich fühlt, will er gar nicht werden. Die Maschine läuft noch leidlich, aber wozu. Das Spiel ist aus. Alle Schlachten sind geschlagen. Was bleibt, ist Resümieren.
Yasmina Rezas Roman ist aus der Perspektive eben dieses alten Mannes erzählt, der sich über die Eitelkeit anderer belustigt und sich doch selbst die Haare färben lässt, aber eben nur etwas schwächer -- mit dem Ergebnis, dass ein Unterschied zu vorher nicht zu sehen ist. "Kurzum, wenn du gefärbt bist, siehst du aus wie gefärbt, und wenn du nicht aussiehst wie gefärbt, bist du überhaupt nicht gefärbt."
Von seinem Sohn will sich Samuel das Wort "glücklich" erklären lassen, voller Unverständnis für das Glück des Jungen, das dieser an fernen Badestränden zu genießen vorgibt. Aber ist er überhaupt anwesend? Oder braucht der alte Räsoneur nur einen Adressaten für seine Schimpfrede über Gott und die Menschheit, um die eigene Verzweiflung zu tarnen -- und sei es ein Phantom.
Die schönste der drei Geschichten, aus denen sich Eine Verzweiflung zusammensetzt -- und die zarteste -- ist Samuels späte Begegnung mit Geneviève, die früher einmal die Geliebte eines Freundes war. Was die beiden da nach ihrem Tänzchen im Wohnzimmer erleben, soll hier nicht verraten werden.
Yasmina Reza kann ihre Herkunft vom Theater nicht verleugnen. Warum auch? Ihr Roman liest sich wie eine Komödie, ein Stück Rollenprosa. Rezas Empathie für die Vaterfigur lässt bei aller Nähe auch ironische Distanz zu. Und den Charme ihrer Schreibkunst macht nicht zuletzt auch aus, dass die Regeln der Rollenprosa mitunter leichthin verabschiedet werden, wenn sich ein Gesprächsbeitrag, den Adressaten vergessend, unversehens zu kleinen Erzählungen verselbstständigt -- was mit Vorliebe geschieht, wenn es um Liebesgeschichten geht. Ob im Rampenlicht oder unter der Leselampe: Yasmina Reza versteht es, ihr Publikum zu verzaubern. --Graenitz -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Neue Zürcher Zeitung
Yasmina Rezas Romandébut «Eine Verzweiflung»
Gerne würde man berichten, dieser Roman sei so gut gar nicht, wie es einem die französische Presse glauben machen will. Zu einhellig war die Begeisterung der Kritik, als der schmale Band vorletzten Herbst bei Albin Michel herauskam: Als eines der «heftigsten und schönsten Bücher» der Saison gepriesen, wurde es sofort in den Dienst des medialen Hypes um eine Autorin gestellt, deren Erfolg seit ihrem Theaterstück «Kunst» nicht mehr abbricht. Es schien, als habe die Kritik nur darauf gewartet, Reza die höheren Weihen einer «Schriftstellerin» zu verleihen, die Verfassern von Komödien gewöhnlich verwehrt bleiben. War ihr autobiographisches Buch «Hammerklavier» noch allzu episodisch und eigenwillig konzipiert, hatte man hier endlich einen leibhaftigen Roman, an dem sich der ganze Jargon feuilletonistischer Verzückung festmachen liess.
Zu effektvoll aber wirkte daneben die Zurückhaltung Yasmina Rezas selber: Mit einem ausgeprägten Sinn fürs Understatement absolvierte sie das Pflichtprogramm aus Interviews und Talkshows, immer freundlich, immer entspannt, wie es einer femme de lettres ansteht, der das Schreiben nicht mehr als ein aufwendiges Hobby ist. Das Leben, so ihr Fazit, sei zu kurz, um das Schreiben übermässig ernst zu nehmen. Und überhaupt sei Geschwätzigkeit ihre Sache nicht.
Natürlich ist bei so viel Lob auf der einen und einer derart höflichen Nonchalance auf der andern Seite Vorsicht geboten. Zu sehr erinnert dies an die wohlbekannte Inszenierung dichterischer Unbedarftheit, die vor dem Erfolg naturgemäss zu erröten hat. Auch der Titel «Eine Verzweiflung» ist, um das Mass voll zu machen, verdächtig: Die unselige Komplizenschaft aus Innerlichkeit und Wut, die darin anklingt, ist sattsam bekannt. Wieder einmal, denkt man, soll hier dem Leser das Gefühl für die eigene Verlorenheit vermittelt werden, gewürzt, je nachdem, mit ein wenig Exklusivität oder Melancholie. Ein weiteres Stück Konfektionsware für den grüblerischen Mittelstand scheint sich hier anzukündigen, hergestellt nach dem üblichen Rezept und, als Zugabe, «leicht und witzig» erzählt.
Aber schon nach wenigen Seiten muss man sich eingestehen, dass «Eine Verzweiflung» ein grossartiges Buch ist. Unweigerlich gerät man in den Sog dieser meisterhaft erzählten Schmährede, die nichts am Hut hat mit der vagen Betrübtheit, die der Titel vermuten lässt. Hier sind wirkliche Wut und wirkliches Begehren am Werk, hier hat sich einer gegen die Welt gestellt und rechnet mit ihr ab. Nicht nur, dass ein elementarer Weltschmerz in Duras'scher Manier gepackt und beschworen wird diese romanlange Beschwörung ist desto gescheiter und kurzweiliger, je erbitterter und ungezähmter sie wütet.
In «Eine Verzweiflung» schlägt Yasmina Reza wieder jenen halb komischen, halb tragischen Ton an, der ihr seit ihrem ersten Theaterstück «Conversations après un enterrement» eigen ist. Einem arroganten Greis leiht sie diesmal ihre Stimme, einem Greis, der mit allen Wassern jüdischen Bildungsbürgertums gewaschen ist. Gleichzeitig kleinlich und verdreht metaphysisch sind seine Vorwürfe, die sich an seinen abwesenden einzigen Sohn richten. Dieser nämlich, obwohl bald vierzig, hat nichts Besseres zu tun, als seine Zeit an ostafrikanischen und malaysischen Stränden zu vertun. Ein derartiger Mangel an «Wille» nämlich die Welt zu besuchen, anstatt sie, in der Einbildung, zu erobern, das Glück der Erfüllung dem ungestillten Begehren vorzuziehen , dafür gibt es in den Augen dieses wahrhaft monströsen Greises keine Entschuldigung. Jede Ausfälligkeit, jede Anschuldigung ist ihm recht, wenn es um die Verteidigung des Verlangens gegen die verhasste «humanistische Geschäftigkeit» geht, von der er nach und nach seine ganze Lebenswelt angesteckt sieht: «Die trostlose Mischung aus Nüchternheit und Mittelmässigkeit» ortet er nicht nur bei seinem Sohn, sondern nach und nach auch bei seiner Frau, die sich, manisch gut gelaunt, aus «Mitleid» seiner unfähigen portugiesischen Haushälterin «unterwirft», bei seiner Tochter und schliesslich bei seinen engsten Freunden. Mit offener Wut begegnet er diesen Menschen, die sich, und sei es nur durch ein Mindestmass an Toleranz, «die Persönlichkeit eines modernen Menschen, diese leidenschaftliche geistige Offenheit» zugelegt haben. Unfähig zur Mässigung, hält er an seiner Wut fest mit der Kraft eines Sterbenden: «Ich habe nur einen einzigen Wunsch, den Planeten mit Krieg zu überziehen.»
Yasmina Reza begnügt sich aber nicht mit dieser Darstellung eines Misanthropen, der die Menschen hasst, weil sie keine Helden sind: Das oft herrlich elisabethanische, manchmal grausam nietzscheanische Vokabular des vom Tod gezeichneten Alten ist von gestochen scharfen Momentaufnahmen durchsetzt. Wie in «Kunst» das labile Gleichgewicht einer Männerfreundschaft durch eine nebensächliche Frage des guten Geschmacks ins Wanken gerät, so entzündet sich auch hier der Monolog immer von neuem an den kleinen Dingen des Alltags. Eine Wohnungseinrichtung, ein Musikstück, ein achtlos hingeworfenes Wort, sie alle werden dem Greis zu Zeichen einer Menschheit, die «sich in gemütlichen Nischen einrichtet, in denen sie auf die Auslöschung wartet». Und nach und nach, in Andeutungen und kurzen Rückblenden, gibt der Text die Biographie des Alten preis, verwandelt die Erzählung von der Lächerlichkeit der andern in eine des eigenen Sterbens: die Kindheit «in den menschenleeren Steppen Asiens»; die Deportation im Zweiten Weltkrieg; eine gescheiterte Affäre im Nachkriegsfrankreich; wilde Anekdoten von Liebe, Verrat und Leidenschaft; schliesslich das Sterben der Freunde, der eigene Zerfall. Leitmotivisch kehrt dabei das Bild seines Gartens wieder, den der Alte liebevoll mit einem ganzen Arsenal von Heckenscheren pflegt: gleichzeitig Kristallisationspunkt des anarchischen Lebenswillens und absurder Höhepunkt der eigenen Lächerlichkeit. Hier, beim Trimmen des Rasens und bei der Wahl der Blumen, kommt das Begehren zum Stillstand: «Der Garten, ganz ich.»
Ein grossartiger Roman in seiner Masslosigkeit der Anklage und des Lebenswillens. Gleichzeitig, in seiner höchsten gestischen Konzentration, über den Roman hinaus ein theatralischer Text: Im Monolog sind die Einwürfe anderer Stimmen noch hörbar in Tempowechseln und Ausweichmanövern des Alten, die anzeigen, dass hier jemand sein Sohn, seine Tochter, seine Frau zu Wort kommen will. Es ist ein Text, den man laut lesen will, voller Konvulsionen des Körpers, voller plötzlicher Wutanfälle und Lachausbrüche. In diesem Sinn ist Rezas Romandébut auch ein grosser dramatischer Text.
Milo Rau -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .