Aus der Amazon.de-Redaktion
Eine Sache der Ehre ist es, ein gegebenes Versprechen zu halten. Das gilt ganz besonders für ein gegebenes Schutzversprechen. Und eine Sache der Ehre ist es auch, dass man die übliche Gegenleistung für das Schutzversprechen erbringt, auch wenn man um den Schutz selbst gar nicht ersucht hat, er einem vielmehr in vorsorgender Fürsorglichkeit angetragen wurde. So will es das vornehme Gesetz, nach dem der Staat von seinen Untertanen Gehorsam einfordert für den Schutz, den er ihnen umgekehrt zu gewähren sich verpflichtet. Diese Gegenseitigkeit von Schutz und Gehorsam ist auch die oberste Spielregel der oft als ehrenwerter Gesellschaft verharmlosten Mafia, die die Gefahren, vor denen sie ihre Schäflein zu schützen verspricht, selbst erst erschafft und notfalls auch drastisch vor Augen führt, was es bedeutet, auf die wohlmeinend-wehrhafte Fürsorge zu verzichten.
Andrea Camilleri nimmt in Eine Sache der Ehre einmal mehr die ungeschriebenen Gesetze seiner italienischen und insbesondere sizilianischen Heimat unter die Lupe indem er zeigt, wo diese Gesetze ihre Wurzeln und ihre Parallelen haben. In der dubiosen Geschichte des Ablasshandels etwa, den kirchliche Amtsträger in der ebenso dunklen wie schillernden Vergangenheit der katholischen Kirche im Rahmen einer sublimen Gegenseitigkeitssystematik zum kirchlichen und zum eigenen Wohle betrieben.
Camilleri hat zwei wahre Geschichten unter die gemeinsame Überschrift dieses Bandes gestellt. Zwei im 19. Jahrhundert angesiedelte Erzählungen, vor deren Hintergrund er seine trefflichen Reflexionen über die Menschen und die Gesellschaft (nicht nur) seiner Heimat entfaltet. Und er tut dies auf eine wunderbar sympathische und einnehmende Weise, die Monika Lustig in ihrer Übersetzung dankenswerter Weise erhalten hat. --Andreas Vierecke
Kurzbeschreibung
Der 20jährige Andrea Camilleri ist auf dem Weg nach Palermo, als er von drei finster aussehenden, mit Schrotflinten bewaffneten Männern angehalten wird. »Was wollt ihr heute?« fragt Camilleris Begleiter, Don Vicinzino. »Zwei Steigen Meerbarben, zwei von den Seezungen und zwei von den Zwergkraken«, erwidert einer der drei. Ohne Widerspruch händigt Don Vicinzino die Fische aus. Als man die beiden wieder ziehen läßt und er Camilleris entsetztes Gesicht sieht, lacht er: »Das waren der Bandit Giuliano und seine Leute. Ich gebe ihnen den Fisch, und sie garantieren mir eine sichere Reise.« Eine Abmachung unter Ehrenmännern, sozusagen. In Camilleris Buch über Sizilianer und deren etwas unorthodoxe Methoden wimmelt es von solchen Tauschgeschäften: Richter und Räuber, Politiker und Mafiosi, Sünder und Priester in Sizilien findet jeder irgendwie irgendwann zu einem Kompromiß. Selbst mit Gott läßt sich verhandeln
Mit dem unwiderstehlichen Sprachwitz, der ihn in ganz Europa so berühmt gemacht hat, präsentiert der große sizilianische Autor dem Leser ein Feuerwerk an bunten Gestalten und deftigen Situationen.
Über den Autor
Andrea Camilleri, geboren 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, lebt heute in Rom. Seine eigenwilligen Charaktere, sein Witz und das unnachahmliche sizilianische Lokalkolorit machten ihn in den letzten Jahren neben Umberto Eco zum erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Bei Piper erschienen »Die sizilianische Oper« , »Jagdsaison«, »Das launische Eiland«, »Hahn im Korb« und »Eine Sache der Ehre«.