Hilfe, ich habe eine ganz andere Meinung!
Okay, die Geschichte ist wirklich gut. Sie handelt von unerfüllter Liebe, von Verlassen, von Kindheitstraumata und nicht zuletzt von der Macht des Nationalsozialismus, Leben zu zerstören.
Katja Maybach erzählt die Geschichte einer jüdischen und einer arischen Familie, deren Leben voller Liebe beginnt, und deren Schicksal auf grausame Weise und unweigerlich durch den Nationalsozialismus gelenkt wird. Gelungen finde ich, dass sie dabei jede betroffene Person in einem eigenen Kapitel "zu Wort kommen lässt". So wirkt jede einzelne Lebensgeschichte überzeugend, bewegend und zeigt deutlich die tragischen Umstände, die dazu führten, dass alles so kommen musste, wie es kam.
Ich kann schlecht erklären, warum es mir dennoch schwer fiel, dieses Buch zu genießen. Nun, allem voran missfielen mir die Passagen, in denen Sarah, mittlerweile in Paris, Nachforschungen über das Leben der Mutter, die damals die Familie verließ und bis zu ihrem kürzlichen Tod in der französischen Metropole lebte, anstellt. Sarah, gut betucht, soll die marode Kosmetikfirma ihrer toten Mutter übernehmen. Unterstützt wird sie dabei von Serge, dem Anwalt ihrer Mutter. Mich störte, dass die zwei sich direkt ineinander verlieben, oder vielmehr die Art, wie dies beschrieben wird. Es war alles so oberflächlich, so wenig überzeugend, so klischeehaft. Frau fühlt sich überfordert durch all die Neuigkeiten, kämpft gegen Unruhe und Kopfschmerzen, und Mann bietet seine kräftige Schulter zum Anlehnen und erscheint natürlich immer gerade dann, wenn es nötig ist.
Hm, ich habe wirklich schon überzeugendere und bewegendere Darstellungen von Überforderungen, Zweifeln, Ängsten und von Liebe gelesen.
Merkwürdig fand ich dabei, dass ich die Kapitel der anderen Personen wie die der Großmutter, des Vaters, der Mutter und auch der Tante dagegen eigentlich für gelungen hielt, weil sie sich irgendwie weniger Klischees bedienten und weniger stumpf erschienen.
Alles in allem war ich dennoch froh, als das Buch zu Ende war.
Fazit: Gute Geschichte, bewegend, überzeugend, dramatisch, aber für mich zu seichte Umsetzung.