Swann, ein hoch angesehener Großbürger mit Verbindungen zu den allerbesten Kreisen der Pariser Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts bemerkt in seinem entfernten Umfeld Odette de Crecy, eine amouröse Dame von nicht ganz einwandfreiem Ruf, deren Erscheinung ihn anzieht, wenn gleich ihn ihr Äußeres zunächst befremdet. „Ihre Augen waren schön, doch so groß, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht nachgaben, was ihrem übrigen Gesicht etwas Ermattetes und ihr selbst den Anschein von schlechtem Befinden oder schlechter Laune verleihen." (17) Ihre Haut ist unfrisch, die Figur füllig, ihre Kleidung ungünstig, so dass man sich fragt, wie ein erfahrener Gourmet der Erotik wie Swann sich überhaupt in Odette verlieben kann. Der Ausbruch der Liebe tritt dann plötzlich wie eine Selbstinfektion in Swanns Leben, verursacht durch intensive musikalische Erlebnisse, so dass es fast den Anschein hat, als würde die bislang so wenig geschätzte Odette plötzlich nur deswegen zur Erwählten, weil sie im Moment der Selbstentzündung einfach gerade „da" war. Dass die Liebe unwiderruflich ausgebrochen ist, bemerkt Swann selbst an dreierlei: erstens wird die gesamte Welt auf die Existenz der Geliebten fokussiert. Was nichts mit ihr zu tun hat, wird fade und langweilig. Zweitens macht die Liebe vollkommen immun gegen bisher vielleicht monierte Schönhaimängel des geblieben Wesens und drittens wird alle nur denkbare Lust durch den Körper der geliebten Person monopolisiert, so dass es keinerlei Sinn macht, vor der Liebe in die Arme eines andern Partners zu fliehen. Man sieht, die Liebe ist eine „mal sacre", wie Proust selbst schreibt, eine Erkrankung, die unbedingt erstzunehmen ist, und dass auch deswegen, weil diese „mal sacre" die Tendenz aufweist, niemals ohne Komplikationen zu verlaufen. Wer hat nicht schon die erstaunte Festestellung machen müssen, dass sich das geliebte Wesen, das noch vor kurzem jederzeit zuhanden war, wann immer es einen danach verlangte, sich genau in dem Augenblick zu entziehen beginnt, wenn man plötzlich nach eben dieser Zuhandenheit mehr als nach allem anderen auf der Welt verlangt? Statt ihm die „Qualen der Eifersucht" zu ersparen, beginnt sich Odette nun Swann planmäßig zu entziehen. Swann wird aus dem Verdurin Kreis ausgeschlossen, die abendlichen Schmusestunden werden seltener, die gemeinsamen öffentlichen Auftritte enden vollständig Außerdem muss Swann zu seiner Überraschung feststellen, dass Odette vulgär, beschränkt und ein geistiges Wesen ist, das „wie gestaltloses Wasser, das immer dahin rinnt, wo es nach unten geht, ohne Erinnerungsvermögen, mit dem Verstand eines Aquarienfisches, der hundertmal am Tag gegen die Scheibe stößt, die er für Wasser hält." (134). Typisch für Prousts Phänomenologie der Liebe ist nun, dass Swann, anstatt sich augrund dieses Verhaltens einfach zurückzuziehen, in die nächste Krankheitsphase eintritt: der verliebte Swann reorganisiert sein ganzes Leben, all seine öffentlichen Verpflichtungen plötzlich einzig und allein nach der Maxime, immer und überall für Odette verfügbar zu sein, falls es diese irgendwann einmal nach ihm verlangen sollte Vor aller Auge wird der hochgeschätzte Lebemann und Kunstkenner zur lächerlichen Figur, zum Spielball einer Kokotte. Seine Erniedrigung, die er sich jedoch nicht eingestehen will, geht so weit, dass er sich selbst Entschuldigungen für ihr unmögliches Verhalten ausdenkt, während seine Seeelenqual, mit jedem Entzug und jeder Kränkung, die ihm Odette zumutet immer unerträglicher wird. ( S.165, 191, 201). Schließlich beginnt die Eifersucht sein Leben vollständig zu beherrschen, er wird zum Opfer jener Obsession, die auf eine merkwürdige Weise mit dem Streben nach Wissen und Wahrheit verbunden ist, von deren Kenntnis sich Proust aber ganz zu Unrecht eine Linderung seiner Quaylen verspricht. Die vorletzte Phase der Liebe tritt ein, als er seine Augen vor ihrer Gewöhnlichkeit nicht mehr verschließen kann und sie ihm eingestehen muss, dass sie ihn von Anfang hintergangen hat. Diese retentionale Umdeutung und Dekonstruktion ihrer Liebesgeschichte, so schmerzhaft die für Swann auch daherkommt ist das Prolegommena seiner Erlösung. Denn nun wird Swann immer öfter „vor der Flut neuer Leiden" durch „eine ältere und ruhigere Schicht seiner Natur" gerettet, die sich anschickt, seine seelische Deformation „wie ein beschädigtes Gewebe" (225) wieder herzustellen. Völlig frei wird er aber erst wieder, als Odette für ein Jahr zu einer Orientreise mit neuen Adepten entschwindet, womit ihr Zauber endgültig erlischt. Am Ende blickt er schaudernd und erstaunt zurück auf die Jahre seines Lebens, die er sich allein dadurch verdorben hat, dass er eine Frau liebte, die ihm zunächst gar nicht gefiel (247). Was sind die Lehren aus dieser exemplarischen Geschichte der Liebe? Proust Antwort: „Wenn man sich von der Liebe zu einer Frau ergriffen fühlt, sollte man fragen: In welcher Umgebung lebt sie? Wie ist ihr Dasein bisher verlaufen? Alles Glück des Lebens hängt davon ab." (229). Wie wahr.