"Es war einer jener vollkommenen Morgen, wie es sie nur im Mai geben kann, warm und doch frisch, mit einem Himmel, dessen Blau sonst nur im Malkasten zu finden ist."
So sehnsuchtweckend beginnt die Geschichte um Guarnaccias dreizehnter und vorletzter Ermittlung. Es gilt Abschied zu nehmen von einer leisen Schriftstellerin der sanften Töne und von ihrem etwas unbeholfenen, schwergewichtigen, süditalienischen Antihelden. Über dreißig Jahre arbeitete und lebte Magdalen Nabb mit Hingabe in Florenz und schuf in ihren Büchern einfühlsame Portraits dieser schönen Stadt, in der die Kunst und das noble Handwerk sich selbst feiert, weitab vom Touristengewimmel, wenn das auch häufig den Hintergrund belebte. Letztes Jahr starb die Schriftstellerin, sehr plötzlich, und verlor dadurch alles in dieser Welt, also auch die Erinnerung an zauberhafte Frühlingstage in der stolzen Renaissancestadt am Arno. Ihre Geschichten aber bleiben uns und sind bei Diogenes in Zürich und in unseren Bücherregalen gut aufgehoben.
Der Frühlingsmorgen, den Guarnaccia genießt, wird sich zu einem heißen Tag entwickeln, der einen weiteren ungeklärten Todesfall ins Licht rücken wird. Im Giardino di Boboli, praktisch vor der Tür zur Amtsstube des Maresciallo, wird in einem von Wasserpflanzen überwuchernden Teich die Leiche einer jungen Frau mit schwarzem Haar gefunden. Mord, Unfall, Selbstmord? Kann die Tote darüber Auskunft geben, die außer dem Leben auch ihr Gesicht verloren hat, an die Fische im Becken? Wie so häufig, verlässt sich Guarnaccia eher auf seine Intuition als auf die Gerichtsmedizin. Und dieser Fall setzt ihm besonders zu, scheint doch ein ihm unterstellter junger Offiziersanwärter darin verwickelt zu sein. So begleiten wir den besorgten Guarnaccia auf seinen verschlungenen Wegen durch diesen herrschaftlichen Park, eine grüne Oase in einer alterwürdigen Steinwüste, gleich hinter dem Palazzo Pitti, wo das stets renovierungsbedürftige Polizeirevier unseres Ermittlers untergebracht ist und wo in den herrschaftlichsten Räumen einst die Familie Medici residierte, als sie den Anschein des Bürgerlichen längst hinter sich gelassen hatte. Mühsam und schwitzend folgt er den ansteigenden Wegen, real oder im ständig wiederkehrenden Alptraum, und lässt die Touristen, die sich hier von den Strapazen eines umfangreichen Besichtigungsprogramm erholen, weit hinter sich. Die Lösung des Falls liegt jedoch nicht in diesem abgelegen, etwas vernachlässigten Teil des Parks, sondern im Herzen der Stadt...
Die Geschichte um die Tote, eine junge, begabte Japanerin, die in Florenz lernte, wie man kostbare, handgearbeitete Schuhe fertigt, und der die Liebe zusetzte, bevor sie menschlicher Gier nach Geld und Ansehen zum Opfer fiel, ist viel mehr als ein Kriminalroman. Sie ist eine Studie über Eltern-Kind-Beziehungen, von denen es in diesem Buch auffallend viele gibt. Da ist der Maresciallo, der dem Gefühl, dass seine Söhne ihm unaufhaltsam entgleiten, hilflos gegenüber steht und der alte bärbeißige Schuhmacher, der in seiner verblendeten Liebe zu seinem Sohn nicht wahrhaben will, dass dieser ihn und sein Lebenswerk verachtet. Auch Akiko und ihre große Liebe, beide sterben jung, bleiben von komplexen, schon vor ihrer Geburt sich entwickelnden Schwierigkeiten, in die sie hineingeboren wurden, nicht verschont. Sie müssen sich sogar mit den zwei Seiten der Medaille auseinandersetzen, denn das Leben versucht immer, sich einen Weg zu bahnen, ob es uns passt oder nicht...
Als der Fall gelöst ist, treffen wir den Maresciallo noch einmal, da, wo er sich am wohlsten fühlt, im Kreis seiner Familie. Dieses Buch ist nicht zuletzt auch eines über die Ehe in ihrer besten Form. Eine Ehe, in der man sich gegenseitig Kraft gibt, hilft und stützt und doch bleiben darf, wer man ist. Eine Ehe, die gradlinig gelebt und nicht im Schöner-Wohnen-Ambiente mit unerfüllbaren Ansprüchen zelebriert wird.
Helga Kurz