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5.0 von 5 Sternen
Ein wertvolles Jugendbuch für jedes Alter - Ein Prachett anderen Stils, 15. September 2009
Eingefleischte Pratchett Fans müssen sich im Klaren sein, dass es sich bei "Eine Insel" nicht um das humoristische Feuerwerk der skurillen Scheibenweltabsurditäten handelt, sondern sich Terry Pratchett mit einem anderen Stil präsentiert, der deutlich weniger Humor enthält, aber trotzdem locker zu lesen und fesselnd geschrieben ist, ohne dabei flach oder dünn zu werden.
Weiter möchte ich vorweg schicken, dass die deutsche Übersetzung (P. Brehnkamm, Manhattan, Hardcover) insgesamt sehr gut gelungen ist. Ich habe das englische Original (noch) nicht gelesen, denke aber, dass ich das hier so behaupten kann. Pratchett Fans wird's wohl noch an die Erinnerung der vor Tippfehlern starrenden, lausigen Übersetzungen der Heyne Paperback-Versionen kalt den Rücken runterlaufen (Ich war schon manches mal echt kurz davor, 'nen Rotstift zu nehmen, und das Buch dem Verlag zurück zu schicken.) - wieviele potentielle Fans mögen da wohl abgeschreckt worden sein?
Das ist hier ganz klar nicht der Fall. Bis auf zwei mir aufgefallene, reine Tippfehler eine insgesamt sehr glatte und geglückte Übersetzung, wie ich finde.
Die Handlung spielt auf einer kleinen Insel im südlichen Pelagischen Ozean. Der Leser reimt sich schnell zusammen, dass die Handlung einem kleinen, polynesisch-indigenem Volk im Südpazifik während der britischen Kolonialisierung Mitte des 19. Jahrhundert angelehnt wird. T. Pratchett distanziert sich von dieser Aussage aber deutlich (Mit drei Ausrufezeichen!). In seinem Nachwort schreibt er, dass er die Geschichte in einem Paralleluniversum spielen lässt. Das gibt ihm die Freiheit die reale historische Zeit für seine Geschichte abzuändern, um den Hauptkern seines Buches herauszuarbeiten: Die Abgrenzungen zwischen Glauben und Wissen.
So nutzt er zum Beispiel Funkruf während der Segelschiffära oder erfindet glaubwürdig sehr interessante Tiere - Ich geb's zu, ich habe nachgesehen, dass es weder ein Segelflossenkrokodil noch einen Baumkraken gibt - zumindest nicht in unserem Universum ;-)
Aber das ist für die Geschichte auch gar nicht relevant. Relevant ist, dass zwei junge, unterschiedliche Menschen aus konträren Welt nach einer verheerenden Naturkatastrophe als einzige Überlebende auf einer kleinen Insel gegenüberstehen und ein neues Leben starten - weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt.
Mau ist schätzungsweise 15 oder 16 Jahre alt und hat als einziger Überlebender eines sehr esoterischen Inselvolkes, dass zwischen dem irdischen und einem überirdischem Dasein keine strengen Grenzen gezogen hat, seinen Glauben völlig verloren und sucht nach Antworten. Daphne, ca. 13 oder 14 aus einer englischen Adelsfamilie stammend, ist schiffbrüchig auf die Insel gelangt. Sie steht im Zwiespalt zwischen der biederen Erziehung ihrer omnipräsenten Grossmutter zur Dame der edleren Gesellschaft und ihrem Wunsch eine Wissenschaftlerin zu werden.
Wer jetzt irgendwelche lauwarmen Gedanken a'la "Blaue Lagune" hegt möge sich in genau diese begeben. Dieses Buch ist 100%ig knisterfrei. Wer Pratchett kennt weiss, dass er höchsten andeutet, dass dieses Thema nicht erwähnenswert ist. Die unterschiedlichen Geschlechter dienen hier wiederum zu einer weiteren Differenzierung zwischen den beiden.
Schon bald kommen weitere Leute auf die Insel.
Die beiden Kulturen werden vorurteilsfrei gegenübergestellt und nähern sich gleichberechtigt durch gegenseitiges voneinander lernen und respektieren aneinander an.
Vorurteile den anderen gegenüber werden von Alten reingebracht. Diese lernen entweder aber auch dazu und denken um. Oder sie sterben, wobei sie aber über ihre abschätzige Haltung anderen Menschen generell gegenüber zu Fall kommen.
Ferner stellen beide Hauptcharaktere immer wieder das traditionelle Wissen in Frage, suchen die Wahrheit und Alternativen, so dass sich letzlich eine neue Mischkultur mit dem Besten aus beidem plus Neuem ergibt.
Terry Pratchett gelingt es in einer leicht, aber nie banalen Erzählart eines Jugendbuches zu fesseln und regt die Blickwinkelrichtungswechselfähigkeit seines Lesers an, agiler zu werden, um schliesslich das ganze Weltbild auf den Kopf stellend komplett herumzudrehen.
Meiner Meinung nach hat T.Pratchetts "Eine Insel" den Wert eines zeitlosen Bestsellers.
Ich möchte mir hier nicht anmassen "Eine Insel" auf das gleiche Niveau wie z.B. "Tom Sawyer" zu stellen - das sollen andere mal beurteilen.
Aber auf jeden Fall ist es wertvoller, "Eine Insel" gelesen zu haben, als jeder "Harry Potter".
Ein absolut empfehlenswertes Buchgeschenk für junge Leute ab 12, älter und sich selbst.
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Der Tsunami und die Theodizee, 20. Juli 2009
Nachdem der gewaltige Tsunami im Jahr 2004 mehr als zweihunderttausend Menschen getötet hatte, gab es viele Gottesdienste. Es gab aber außerdem sehr viele Gläubige, die sich (wieder einmal) fragten, wie ein allmächtiger und allgütiger Gott etwas wie diese Katastrophe zulassen konnte. Mit dieser - bis heute unbeantworteten - Frage befassen sich Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten; sie ist so berühmt, dass sie einen eigenen Namen bekommen hat: Man bezeichnet dieses Problem als die "Theodizee".
Der junge Mau muss einen Monat auf einer einsamen Insel verbringen, sich in dieser Zeit selbst ernähren und schließlich ein Kanu bauen, um zu seiner Heimatinsel, der "Nation", zurückkehren zu können. Das ist der Initiationsritus. Erst danach wird er eine Seele besitzen - und ein Mann sein.
Als er gerade auf dem Heimweg ist, kommt die Welle. Sie vernichtet alles, auch fast den jungen Mau, aber er schafft es doch noch, die Insel zu erreichen. Nur ist von seinem Zuhause nicht mehr viel übrig - vor allem aber kein anderer Mensch mehr. Seine ehemalige "Nation" besteht nur noch aus ihm selbst und vielen, vielen Leichen. Mau bestattet seine ehemaligen Mitmenschen wie in Trance, und während er das Ritual stundenlang wiederholt, merkt er nicht einmal, dass er doch nicht ganz alleine ist: Die Welle hat außerdem ein Schiff angespült, und einzige Überlebende der Besatzung ist ein junges britisches Mädchen. Die schließlich stattfindende Begegnung ist zunächst von Erschrecken und Erstaunen geprägt, aber schließlich nähern sich die beiden an, bilden eine Zweckgemeinschaft, lernen voneinander. Als nach und nach andere Opfer, schwer verletzt und unterernährt, von den Nachbarinseln auf der "Nation" eintreffen, übernehmen Mau und das "Geistermädchen" Daphne die Verantwortung. Mau hört zwar die Stimmen im Kopf, die ihn ermahnen, die "Gottesanker" wieder aufzustellen, jene weißen Steine am Ufer, die ins Meer gespült worden sind, und all die anderen religiösen Regeln zu beachten, die seine Gemeinschaft zuvor geprägt haben, aber andere Dinge sind wichtiger, nicht zuletzt das Überleben selbst. Und davon abgesehen hat der Junge ja keine Seele.
Der Fantasyautor Terry Pratchett hat mit dieser Parabel seinen Beitrag zur "Theodizee" vorgelegt. Der Moment der Vernichtung ist eine gute Gelegenheit, um all die Regeln, Mythen und Rituale zu hinterfragen. Mau und Daphne entscheiden sich, pragmatisch vorzugehen, und, siehe da: Es funktioniert. Sogar besser als vorher. Schließlich entdecken sie auch noch das große Geheimnis der Insel, finden heraus, dass die "Gottesanker" ganz andere Ursprünge haben, als jahrhundertelang vermutet wurde. Die vergleichsweise simple, aber kunstvoll vorgetragene Botschaft lautet: Wenn man sich traut, die Dinge zu hinterfragen, muss man sich nicht mehr den Kopf zerbrechen, um Mythen aufrechtzuerhalten.
Am Ende trägt Pratchett etwas zu dick auf, und es wäre sicher nicht nötig gewesen, Richard Dawkins noch zu erwähnen, um die Intention hervorzuheben. Davon abgesehen aber bietet "Die Insel" spannende, spektakuläre, lustige, traurige, fesselnde und erhellende Lektüre. Eine schöne Parabel über den Glauben, die Theodizee, Selbstbewusstsein und die wirklich wichtigen Dinge im Leben.
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Ein lesenswerter und anderer Pratchett, 19. April 2009
Zur Geschichte: Eine riesige Welle überspült ein Inselparadies und lässt Mau, der genau zwischen der Zeit seiner Jugend und seiner Mannwerdung steht, und Daphne, ein Mädchen aus den Kreisen der englischen Oberschicht, (zunächst) alleine auf der Insel zurück. Die beiden ringen nun darum, aus ihren verschiedenen Kulturen über alle Barrieren hinweg einen Weg zueinander zu finden. Nach und nach treffen weitere Gestrandete ein und so machen sich Mau und Daphne daran, aus diesem zusammengewürfelten Haufen eine neue Nation zu bilden. Dabei sind sie aber auch immer im Kampf mit sich selbst, mit ihren eigenen Vorurteilen und mit anderen Gefahren gefangen.
"Eine Insel" ist kein typischer Pratchett-Roman. Soweit ich sehe, lässt der Roman sich nur schwer mit den anderen Büchern Pratchetts vergleichen. Am ehesten kann man ihn vielleicht dem Magischen Realismus zuordnen, auch wenn auch dies nur bedingt zutreffend ist. Elfen, Hexen und Zauberer sucht man in dieser Geschichte vergebens, doch ganz ohne Übernatürliches kommt auch "Eine Insel" nicht aus. Aber in diesem Buch ist das Übernatürliche in den Protagonisten selbst zu finden und steht ihnen nicht Auge in Auge gegenüber.
"Eine Insel" ist ein schönes und sehr lesenswertes Buch, in dem Pratchett eine gelungene Geschichte erzählt. Weder Humor noch Spannung kommen zu kurz, auch wenn der etwas andere Stil dieses Buches den einen oder anderen Pratchett-Fan überraschen dürfte.
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