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Eine Handvoll Datteln: Erzählungen aus dem Sudan
 
 
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Eine Handvoll Datteln: Erzählungen aus dem Sudan [Gebundene Ausgabe]

Tajjib Salich , Regina Karachouli

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Meister der Kargheit

Erzählungen des Sudanesen Tajjib Salich

Von Ludwig Ammann

Heute berichtet er am liebsten von seinen Reisen und nennt das nüchtern literarischen Journalismus. Trotzdem ist Tajjib Salich ein Star. Ein einziges Buch machte ihn 1966 über Nacht berühmt, «Zeit der Nordwanderung». Das Seelendrama des Kolonisierten, der sich zum Eroberer aufschwingt, wurde ein Klassiker der postkolonialen Literatur, den seither jede Generation neu entdeckt. Zumindest in der arabischen und englischen Welt – das deutsche Publikum musste sich bis 1998 gedulden. Nun ist ein Band Erzählungen Salichs auf deutsch erschienen, «Eine Handvoll Datteln», und damit bis auf den denkbar kurzen Roman «Bandarschah» fast das gesamte Erzählwerk: Tajjib Salich ist ein Meister der Verknappung. Schnörkel, der ganze Prunk der klassischen arabischen Prosa sind ihm fremd. So führt der eine Band in Regina Karachoulis kunstvoller Übertragung im Grunde den ganzen Erzählkosmos vor, entfaltet in vielen Stimmen das eine grosse Thema des Autors, der 1953 selbst aus dem Sudan in den kühlen Norden Englands wanderte: den Verlust der Heimat.

Der aber kennt mehrere Stufen. Die Konfrontation des Migranten mit dem Westen, als deren Dichter Salich verehrt wird, kommt zuletzt. Die Titelgeschichte beginnt mit dem Abschied von der Kindheit. Ich, sagt der Erzähler, und erinnert sich an einen Tag in jenem Dorf am Nil, in dem fast alle Geschichten beginnen oder enden. Es ist der Tag der Dattelernte eines Nachbarn; es ist der Tag, an dem die Liebe zum Grossvater endet, weil der den Nachbarn verachtet und um sein Gut bringt. Die heile Welt, sie ist nicht mehr, noch bevor ein Fremder das Dorf betrat.

Die Erinnerung ist hier, so gern sie's auch wäre, mitnichten das Paradies, aus dem uns keiner vertreiben kann. Sie zwingt uns vielmehr, der Vertreibung ins Gesicht zu sehen. Schon der Greis in Salichs allererster Kurzgeschichte von 1953 steht sinnend vor den Trümmern seines einstigen Glücks. Seine letzte Palme soll er opfern, der Sohn, ein Arbeitsmigrant in Ägypten, lässt nicht von sich hören. Noch gönnt die Schlusspointe dem Vater Hoffnung auf die Heimkehr des verlorenen Sohns. Ihm, nicht uns. Denn Salich ist ein grosser Skeptiker vor dem Herrn. So verführerisch er das subjektive Erleben einer Figur auch nachempfindet, die Brechung durch eine andere Perspektive, eine andere Erfahrung lässt nie lang auf sich warten: In der übernächsten Geschichte entdeckt ein tatsächlich Heimgekehrter, dass er für die Seinen zum Fremden wurde.

«Wadd Hâmids Dumpalme» perspektiviert noch tückischer. Erst erzählt ein Redeschwall dem durchreisenden Ich schelmisch, wie alle Modernisierungsversuche von Regierungen am Widerstand der Mücken und Dörfler scheitern. Die Palme, an der sich die Städter jedes Mal vergreifen wollen, ist das Symbol heimatlicher Verwurzelung. Sie verkörpert das Selbstideal traditionaler Gesellschaften: Unveränderlichkeit. Der Reisende hat nur eine Frage. Doch die macht der Selbsttäuschung des Redners den Garaus: Der Sohn hat sich längst in die Stadt abgesetzt. Das ist keine Antwort auf die Frage, wer recht hat. Statt dessen entlässt uns der Autor mit der traurigen Ahnung, dass allenfalls die Symbole von Fortschrittsglauben und Traditionalismus, Pumpe und Palme, koexistieren können, aber nicht die konträren Ziele selbst.

Die teils elegische, teils satirische Distanz zu parteiischen Perspektiven verlieh Salichs Werk ungewöhnliche Weitsicht. «Zeit der Nordwanderung», zu der es hier ein Seitenstück gibt, nahm Edward Saids spektakuläre Orientalismus-Kritik nicht nur um ein Jahrzehnt vorweg, der Romanautor dachte auch gründlicher als der Essayist. Denn wo Said vom grausamen Spiel wechselseitiger Exotisierung des Anderen nur die Herabsetzung des Orients durch den Okzident wahrhaben wollte, erkannte Salich auch dessen Vergötzung und den nicht minder zwiespältigen Okzidentalismus vieler Araber. Es ist das Zusammenspiel zweier Zerrspiegel, das der Verstrickung in Liebe und Hass mit tragischem Ausgang Vorschub leistet.

Sieht man von den gesellschaftlichen Bedingungen ab, entdeckt man den dunklen Kern von Salichs Schaffen abseits revanchistischer Erwartungen jedweder Couleur im Ringen von Eros und Thanatos. Die grossartige letzte Erzählung, «Der Zypriot», von 1976 inszeniert das «Spiel des Todes» halluzinatorisch als Verführungskunst eines obszönen Zyprioten. Er wechselt das Alter, er wechselt die Gestalt, er ist der Tod in Person und der wiederum nichts anderes als die Versuchung zur Selbstüberhebung. Das Geheimnis des «langen Lebens» ist in dieser allegorischen Horrorstory letztlich die Fähigkeit, sich für andere zu opfern und dabei über sich und die Welt zu lachen. Tajjib Salich hat dieses Lachen. Sein Understatement macht ihn gross.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2000
Salich sei ein Autor, der zumindest in der arabischen und englischsprachigen Welt von jeder Generation neu entdeckt werde, schreibt Ludwig Ammann in einer sehr kenntnisreichen Kritik des Buchs. Nur im deutschsprachigen Bereich sei Salichs klassischer Roman "Zeit der Nordwanderung" von 1966 erst 1998 übersetzt worden. Ammann schreibt in seiner Kritik, dass der sudanesische, heute in Nordengland lebende Salich als einer der wichtigsten Literaten der Entkolonialisierung gelten müsse und macht das auch an den jetzt in deutsch erscheinenden Erzählungen deutlich, in denen die Motive der Migration, aber auch der Erinnerung an den Zustand vor der "Entdeckung" durch die Weißen eine wichtige Rolle spielten. Ammann würdigt besonders, dass Salich diesen Ursprungszustand keineswegs beschönigt. Darum stellt ihn der Rezensent auch über den palästinensischen Intellektuellen Edward Said, der in seiner Orientalismuskritik die Fehler nur bei der westlichen Seite suche. Salich zeige unter anderem, dass es auch einen arabischen "Okzidentalismus" gebe und dass das Verhältnis der beiden Kulturen als ein "Zusammenspiel zweier Zerrspiegel" zu verstehen sei. An Salichs Erzählungen gefällt Ammann die Knappheit und Pointierung. Die letzte Erzählung des Bandes "Der Zypriot", nennt er "großartig".

© Perlentaucher Medien GmbH

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