Sobald dieses seltsame Wesen allein war, nahm es ein Licht herauf, trat damit vor den Spiegel an der Wand und betrachtete sich darin aufs Genaueste.
"Gefällt dir der Mensch so besonders?" murmelte er seinem Bilde zu. "Warum solltest Du eine besondere Zuneigung zu einem Menschen haben, der dir ähnlich ist? Du weißt, du hast nichts Liebenswürdiges an dir. Ach, hol dich der Henker, was hast du aus dir gemacht! Ein guter Grund, dich an einen Menschen zu halten, um stets vor Augen zu haben, wie tief du gesunken bis und was du hättest sein können! Wärest du an seiner Stelle gewesen, hätten dich dann jene blauen Augen auch so angeblickt und das aufgeregte Gesicht so bemitleidet? Na, sprich`s nur aus in einfachen Worten: du hassest diesen Kerl."
Er holte sich weiteren Trost aus seiner Flasche Wein, die er in wenigen Minuten austrank; dann schlief er ein, den Kopf auf die Arme gesenkt, während sein Haar über den Tisch fiel und von der Kerze Unschlitt auf ihn herabtropfte.
(Sydney Carton aus der Geschichte zwischen zwei Städten, Seite 113).
Mit diesem Roman hatte sich der englische Romancier Charles Dickens zunächst wohl kaum Freunde gemacht. Viel zu sehr hatte er sein Publikum mit seinen humorvollen Figuren verwöhnt, die den lebhaften Kosmos seiner Romane die besondere Note gaben. Und nun wagt sich dieser Autor an einen historischen Stoff und zieht dabei ernsthaft noch nicht eben schmeichelhafte Vergleiche zwischen seinem Heimatland und dem wilden Frankreich, wo wenig später die berühmte Revolution tobte! Diese Empörung mag so manchen Lesern zu Zeiten des Schriftstellers den Blick auf die wahren Qualitäten dieses Werkes verstellt haben. Zum Glück kann der Betrachter heute den Roman aus einer etwas anderen Perspektive betrachten und sehr viel Freude an den virtuosen Beschreibungen des englischen Meisters haben!
Wäre es tatsächlich möglich, die oben beschriebene Person zuletzt als großen Helden zu empfinden? Hält man dies eher für unwahrscheinlich, wird man von Dickens eines besseren belehrt. Er behält sich jedoch zunächst das Recht vor, einige Rätselhaftigkeiten in die eigentliche Geschichte einzubauen, was man als eifriger Leser von Dickens Werken auch erwarten dürfte. Da ist zunächst einmal der Titel des Romans, der etwas seltsam erscheint. Fest steht jedoch, dass die Geschichte sich auf zwei Kontinenten, besser gesagt zwei Ländern, nämlich England und Frankreich und noch genauer gesagt, in zwei Städten, nämlich London und Paris, abspielt.
Ein Reisender zwischen diesen Städten ist der bemerkenswerte Charles Darnay, ein Franzose von adliger Herkunft, wie man irgendwann erfährt, jedoch von seinem Stand abgestoßen, und so nach einem einfachen Leben strebend, steuert er die Küste Englands an. Doch in diesen gefährlichen Zeiten, in denen Rebellion und Feindschaft bereits in der Luft liegt, läuft so mancher, der ein recht harmloses Geheimnis trägt Gefahr, als Spion verdächtigt zu werden. So ergeht es denn auch dem jungen Charles, der sich in London wegen Hochverrats zu verteidigen hat. Im Zeugenstand steht ein recht ungewöhnliches Paar, welches mit dem jetzt Gefangenen nach England übersetzte. Es handelt sich um Dr. Manette und dessen Tochter Lucie. Der französische Doktor ist bereits zu trauriger Berühmtheit gelangt, da er 18 Jahre unschuldig in der Bastille einsaß. Die lange Zeit hat dem Seelenleben des Doktors schwer zugesetzt und nur der liebevolle Beistand seiner jungen Tochter und der Zuspruch des Bankangestellten Mr. Lorry halten ihn aufrecht. Obwohl die sanfte Lucie, die eine Zuneigung zu dem schönen Charles gefasst hat, im Zeugenstand die Anwesenden rührt, kann ihr Wort nur wenig helfen. Ein verblüffender Schachzug des Anwaltes verhilft dem Angeklagten jedoch zum Freispruch, wobei die verblüffende Ähnlichkeit des Franzosen mit einem gewissen Herrn Carton von erheblicher Bedeutung ist. Diese schicksalhafte Begegnung der beiden Fremden soll die Geschichte später noch wesentlich beeinflussen, doch zunächst wendet sich alles zum Guten. Charles Darnay heiratet die liebe Lucie, wobei sich die Neuvermählten rührend um Dr. Manette kümmern. Den armen Doktor lassen die Gespenster der Vergangenheit nicht in Ruhe und da sein Gedächtnis brüchig ist, fehlen im die wichtigen Puzzlesteine um das Rätsel seiner Gefangenschaft zu lösen. Auch sein seltsames Unbehagen, welches ihn in Gegenwart seines geliebten Schwiegersohnes ergreift, kann er sich nicht erklären.
Unvermutet wird die Emigrantenfamilie jedoch wieder in französische Angelegenheiten verwickelt. Ein Diener der adligen Familie Darnays bittet in einem Brief um Hilfe. Der edle Emigrant eilt nach Paris, um dort ebenfalls im Gefängnis zu landen. Nur die Popularität von Dr. Manette kann seinen Schwiegersohn vielleicht vor Madame Guillotine bewahren. Aber das blutgierige Volk scheint nicht willens zu sein, einen Unschuldigen so schnell vom Schafott steigen zu lassen...
Man kann wohl davon ausgehen, dass der Autor eine besondere Vorliebe für den jungen Helden Darnay hatte, immerhin hat ihm seinen Vornamen geliehen. Und doch bleibt seine Entwicklung eigentlich langweilig konstant, auch wenn er in aufregende Umstände gerät. Es sind jedoch die anderen Figuren, die zu der Spannung der Geschichte beitragen dürfen. Dickens benutzt hier sehr oft das Mittel der Gegenüberstellung, welches den Roman wie ein roter Faden durchzieht: England und Frankreich, London und Paris, englische und französische Gerichtsbarkeit, das arme Volk hier und dort und schließlich Darnay und Carton. Wobei sich bei den Initialen der letztgenannten Personen sehr viel spekulieren ließe, vor allem da sie auch noch denen von Dickens selbst gleichen.
Im Anhang zum Roman wird vom Verfasser kritisiert, dass Dickens für diesen Roman bei der Auflösung zur Heiligen Schrift gegriffen hat und nennt dabei im gleichen Atemzug Tolstoi, der dies nicht nötig gehabt habe und auf eine elegantere Lösung gekommen sei. Das Romanbeispiel scheint diese These zu beweisen, aber man sollte dabei bedenken, dass Tolstoi selbst, nämlich in seinem letzten Roman selbst die Bergpredigt als Abschluss seines beeindruckenden Werkes wählt. Von daher ist dieser Vergleich also sicher unpassend. Und ob man nun dieses christlich-klassische Ende mag oder für weniger passend hält, beeindruckend ist es auf jeden Fall, welchen dramatischen Schlusspunkt Dickens gewählt hat. Und es beweist einmal mehr, dass der Autor sich als Moralist mit der goldenen Hoffnung treu geblieben ist.