Endlich erscheint Howards Zinns Klassiker "Eine Geschichte des amerikanischen Volkes" auf Deutsch. Warum erst jetzt? Verkaufte sich das 1980 zum ersten Mal erschiene Buch in den USA doch schon knappe 1.5 Millionen Mal und entwickelte sich vom Geheimtipp unter Studenten zum Standardwerk an Universitäten und Schulen.
Insofern muss man dem Verlag Schwarzerfreitag aus Berlin äußerst dankbar sein, dass er sich dieser Aufgabe angenommen hat und das Buch jetzt zum ersten Mal, sorgsam lektoriert und äußerst präzise übersetzt, auf Deutsch veröffentlicht.
Für diejenigen, die sich für die Geschichte der Vereinigten Staaten interessieren und einen Blick über den Tellerrand des historiographischen Mainstreams werfen möchten, ist Zinns "Eine Geschichte des amerikanischen Volkes" Pflichtlektüre. Howard Zinn, neben Noam Chomsky, der wichtigste linksprogressive Intellektuelle der USA, schafft hier, woran viele seiner Historikerkollegen verzweifeln: Er schreibt eingängig und verständlich, jedoch gleichzeitig mit der notwendigen Tiefenschärfe, die eine solch umfassende Materie erfordert und spricht somit sowohl das historische Fachpublikum wie auch den historisch interessierten Laien zugleich an.
Den Anspruch der historischen Objektivität versucht Zinn dabei jedoch erst gar nicht zu erheben und betont dies Anfangs in aller Deutlichkeit: "Angesichts der Unvermeidlichkeit, Partei zu ergreifen, die durch Auswahl und Schwerpunkt in der Geschichtsschreibung entsteht, ziehe ich es deshalb vor, zu versuchen, die Geschichte der Entdeckung Amerikas aus der Perspektive der Arawak zu erzählen, die der Verfassung vom Standpunkt der Sklaven (...) vom ersten Weltkrieg aus der Sicht von Sozialisten, vom zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Pazifisten, vom New Deal aus der Sicht der Schwarzen in Harlem, vom amerikanischen Nachkriegsimperium aus der Sicht der Landarbeiter in Lateinamerika. Und so weiter, so gut eben ein einzelner Mensch, so sehr er oder sie sich auch bemüht, Geschichte "aus der Sicht anderer" betrachten kann (...) Das ist, so offen wie möglich gesagt, meine Herangehensweise an die Geschichte der Vereinigten Staaten. Der Leser sollte dies ruhig gleich zu Beginn wissen. (17-18)"
Schwerer Tobak also für diejenigen, die noch immer an die Objektivität in der (amerikanischen) Geschichtsschreibung glauben. Dabei sollte doch jedem, der sich schon einmal ernsthaft mit Geschichte und Geschichtsschreibung auseinandergesetzt hat, klar sein, dass ein vermeintlich objektiver Anspruch, meist nur der Verschleierung der eigenen Perspektive dient. Gerade bei konservativen Historikern lässt sich dies besonders oft feststellen.
Nicht so bei Zinn. Anstatt einmal mehr die Heldengeschichte der "großen, weißen Männer" zu erzählen, rückt Zinn die Verlierer, die Benachteiligten und die Unterdrückten in den Fokus seiner Geschichtsschreibung: Arbeiter, Frauen, Afro-Amerikaner, Native Americans und Immigranten kommen bei ihm zu Wort. So erzählt er ihre Geschichte von Kolumbus' ersten Schritten auf den Bahamas bis in die Gegenwart (das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Wahl 2000 und dem "Krieg gegen den Terrorismus"). Ein Perspektivenwechsel und historiographisches Korrektiv, welches vor allem bei seiner amerikanischen Leserschaft für manche Offenbarung gesorgt haben sollte.
In einen platten Antiamerikanismus verfällt der Historiker und Politikwissenschaftler Zinn jedoch nie, dafür ist seine Darstellung zu intelligent und differenziert. Vielmehr zeigt er, dass die Vereinigten Staaten schon immer ein Land der Andersdenkenden, der Bürgerrechtler, der Revolutionäre und des Widerstands waren. Eine Tatsache, die in vielen anderen Geschichtsschreibungen zu oft zu kurz kommt.
"Eine Geschichte des amerikanischen Volkes" ist somit ein zwingend notwendiger Perspektivenwechsel und ein Gegennarrativ, das die amerikanische Geschichtsschreibung um eine äußerst wichtige - und äußerst inspirierende - Komponente erweitert. Das Buch ist darüber hinaus Pflichtlektüre für alle, die sich mit der historischen Dimension der amerikanischen Gegenwartspolitik vertraut machen wollen. Begreift man die aktuellen politischen Irrwege der Bush-Administration in diesem Sinne, wird einem schnell klar, dass dieses Buch keine Minute zu früh erschienen ist.