Sparsame und an Kultur interessierte Leser könnten meine Überschrift so interpretieren, dass ich damit die kostenlosen Besuchsmöglichkeiten anspreche. Doch so schön Gratiseintritte sind, mit der Sammlung und diesem Buch haben sie nichts zu tun. Einzigartig ist das Britische Museum, weil es mit seinen über sieben Millionen Objekten ein besonderer Ort des Wissens und Kulturbewahrung ist. Und weil ein Menschenleben nicht ausreicht, um alles zu sehen, geschweige denn zu verstehen. Daher ist das Konzept dieses Buches stimmig. Denn es ist ein Gang durch die Menschheitsgeschichte, der einigermaßen zu meisten ist.
Möglich gemacht ihn Neil MacGregor, der seit 2002 als Direktor amtet. Auch wenn eine solche Mammutarbeit ohne die Hilfe zahlreichen Kollegen nicht möglich wäre, wie MacGregor ausdrücklich betont. Das Vorwort ist so motivierend, dass ich es am liebsten in seiner ganzen Länge wiedergeben würde. Und danach bringt der ehemalige Direktor der National Gallery in London 100 Objekte so zum Leben, dass man kaum anders kann, als eine persönliche Beziehung zu ihnen aufzubauen. Oder anders gesagt: Zu all den Geschichten aus zwei Millionen Jahren schreibt man als Leser eigene Erzählungen. Und dabei vergisst man sogar, dass die meisten Menschen, von denen die Rede ist, lange vor uns lebten.
Das Buch geht auf eine Sendereihe zurück, die von BBC Radio 4 konzipiert und ausgestrahlt wurde. Das ist deshalb speziell und erwähnenswert, weil ja die Objekte so beschrieben werden mussten, dass sich die Zuhörer die Sammlungsgegenstände möglichst gut vorstellen konnten. Gelungen ist das schließlich so gut, dass man sich am Ende des Buches beim dem Wunsch ertappt, die Bildungspolitiker möchten diese Übungsanlage doch als festen Bestandteil schulischer Ausbildungen einführen.
Dinge haben eine Biographie, schreibt Neil MacGregor. Und damit meint er auch, dass sich Dinge im Laufe der Zeit verändern oder verändert werden, was oft zu Bedeutungen führt, die sich am Anfang niemand vorstellen konnte. Objekte berichten aber auch auf verstörend materielle Weise vom Scheitern, von Untergängen und von wechselnden Loyalitäten. Davon und wie man am Globus drehen und gleichzeitig die ganze Welt in den Blick nehmen kann, will Neil MacGregor berichten. Er möchte daher auch Stimmen der Gemeinschaften oder Länder wiedergeben, in denen die Objekte entstanden sind. Denn "nur ein Hawaianer weiß, welche Bedeutung der Federhelm, den man Captain Cook und seinen Mitstreitern überreicht hat, nach 250 Jahren europäischer und amerikanischer Einmischung, für die Inselbewohner besitzt." Konnte man den Gründern des Britischen Museums noch kolonialistisches Denken vorwerfen, ist dieses Buch erstaunlich frei von einer Haltung intellektueller Machtausübung.
So wenig wie sich die Einleitung zitieren lässt, so unmöglich ist es, den Inhalt der zwanzig Teil wiederzugeben. Aber am aktuellen Zeitgeschehen Interessierten kann ich immerhin die gute Nachricht überbringen, dass zu den 100 Objekten auch eine Kreditkarte und eine Solarlampe inkl. Lademodul gehören.
Bevor ich zum Fazit komme, möchte ich noch auf einige technische, bzw. formalen Dinge eingehen. Übersetzt wurde das englische Original von Waltraud Götting, Andreas Wirthensohn und Annabel Zettel, die ihre schwierige Aufgabe hervorragend meisterten. Die Qualität des Drucks ist so gut, dass der Betrachter der farbigen Bilder jedes Detail erkennen kann, was in diesem Fall besonders wichtig ist. Jedes der 100 Objekte wird im Inhaltsverzeichnis bereits aufgeführt und sowohl historisch als auch thematisch eingeordnet. Im gut sechzig Seiten umfassenden Anhang finden wir das Kartenmaterial, eine Liste der Objekte mit Maßangaben und Inventarnummer, die Bibliographie zu jedem Objekt, Text- und Bildnachweise sowie Personen-, Orts- und Sachregister. Schade finde ich eigentlich nur, dass offenbar alles in einem Band Platz haben musste, da dies die Lesefreundlichkeit unnötig erschwert.
Mein Fazit: Ein Buch, das so einzigartig ist wie das Museum, aus dem die 100 beschriebenen Objekte stammen. Einzigartig, weil es auf einem Konzept beruht, das Dinge als Zeitzeugen zum Leben erweckt, eine bildhafte Sprache bedingt, überraschende Zusammenhänge aufzeigt, Lust an Bildungswissen weckt und das Publikum in diese Inszenierung der Menschheitsgeschichte einbezieht.