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Produktinformation
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Vorab ein Geständnis: Eine Geschichte des Lesens stand fast fünf Monate in einem kleinen Regal, das Büchern vorbehalten ist, die ich nicht beabsichtige zu lesen. Es erschien mir einfach anmaßend eine Lesegeschichte zu verfassen, zu groß das Vorhaben, zu groß die Wahrscheinlichkeit eines jeden Autors daran zu scheitern. Zumal momentan alles mögliche historiographiert wird. Das Ende der Geschichte mag längst erreicht sein, für den Büchermarkt gilt das nicht. Von der "Geschichte des Reißverschlußes" bis zur "Geschichte der Toilette", alles schon dagewesen und gnadenlos zwischen zwei Buchrücken gepreßt. Noch länger ist die Liste der Bücher, die in ermüdend wohlmeinender Weise das Hohelied auf die Buchkultur singen, die den Untergang des Lesens, den Verlust der Literalität etc. beklagen (eine posititive Ausnahme ist dabei natürlich Daniel Pennacs "Von der Lust am Lesen", das auch an dieser Stelle besprochen wurde). Trotzdem, na klar, griff ich mir irgendwann den schweren mit einem besinnlichen Gemälde von G.A. Henning geschmückten Band und begann zu schmöckern. Aus reinem Oportunismus allerdings. Immer größer wurde die Zahl der hymnischen Elogen; zum Sachbuch des Monats wurde es gewählt, die Kollegen, ansonsten eine beinahe pathologisch uneinige und zwieträchtige Zunft, schrieben von "Sternstunden der Lektüre", von einer "anrührenden Liebesgeschichte zwischen den Menschen und den Büchern." Und? Haben sie recht? Sie haben.
Denn Manguel nimmt sich seines Themas nicht auf eine enzyklopädäische Weise an, er sucht vielmehr das Anekdotische, erzählt, was Autoren und Leser mit und durch Literatur erlebt haben. Sich selbst spart Manguel dabei nicht aus. Überhaupt ist vielleicht Manguel Biographie selbst Ursprung der "Geschichte des Lesens". Die Subjetivität der eigenen Leseerfahrung wird nie unterschlagen: Der Leser, sagt Manguel, das bin ich. Nicht umsonst fehlt dem Buchtitel der bestimmte Artikel. Der polyglotte Manguel arbeitete eine Weile als Vorleser des erblindeten argentinischen Autors von Weltruhm Jorge Luis Borges. Es ist irritierend und spannend zugleich, wie Manguel schildert, wie er lernte "nichts als das Notizbuch zu sein, daß der blinde Mann brauchte, um seine Ideen zusammenzutragen". 1989 fährt Manguel in den Irak, um die Ruinen Babylons und das zu besichtigen, was man für die Reste des Turmbaus zu Babel hält. "Ich hatte eine Penguin Anthologie von Short Stories bei mir, und nachdem ich die Spuren dessen besichtigt hatte, was mir für den abendländischen Leser, der Ursprung aller Bücher war, setzte ich mich in den Schatten eines Oleanderbusches und las."
Das Buch will keine Chronik einer "Kulturtechnik" oder gar der Literatur sein, sondern ein Spaziergang durch "den Park der Lesefreuden", voller faktischer und fiktiver Berichte.
Berichte wie die vom berühmtesten Bücherdieb der Weltgeschichte, den Grafen Guglielmo Libri, der im 19. Jahrhundert ganze Bibliotheken zusammenstahl. Und so ganz nebenbei erfährt der Leser auch etwas über die Rolle der Brille, die sich im Laufe des 14. Jahrhunderts einbürgerte und die für die Etablierung des Buches gewiß keine unwichtige Rolle spielte: So wurde einem lesenden Doktor auf einem Gemälde des Marientodes aus dem 11. Jahrhundert später noch eine Brille aufgemalt, weil sie im 14. und 15. Jahrhundert als Symbol der Gelehrsamkeit galt.
Manguels Buch macht Lust auf die Lektüre der Bücher, die er erwähnt, denn es geht ihm auch um die
intime, körperliche Beziehung zum Buch..., an der alle Sinne teilhaben: Die Augen sammeln die Wörter von der Seite auf, in den Ohren hallen die Geräusche der gelesenen Laute wider, die Nase inhaliert den vertrauten Geruch von Papier, Leim, Tinte, Pappe oder Leder, die Fingerkuppen streichen zärtlich über das rauhe oder glatte Papier....
Natürlich erfährt man auch viel Kluges über die großen Zusammenhänge der Leseentwicklung, der gesellschaftlichen und sozialen Bedeutung des Lesens in den unterschiedlichen Epochen. Aber eben über die Hintertreppe, auf leisen Sohlen, die Anekdote als stiller Motor des Verstehens. Was gibt es dort nicht alles zu bestaunen: die mesopotanische Tontafel, die Schriftrolle in der Bibliothek von Alexandria, dem Roman einer japanischen Hofdame umd das Jahr 1000 bis zum ersten Reclam-Buch. Und was die Geschichte des Lesens mit der Geschichte von Geschlechterdifferenzen zu tun hat, dokumentiert folgende Warnung eines mittlealterlichen Moralisten: "Es schickt sich nicht für Mädchen, Lesen und Schreiben zu lernen, falls sie nicht Nonnen werden wollen, da sie sonst ab einem bestimmten Alter an Liebesbriefe schreiben und empfangen können." Und natürlich widmet sich Manguel auch dem Stellenwert, den das Lesen heute hat: "Es ist interessant, wie oft ein rein technologischer Fortschritt dem Überkommenen, statt es zu verdrängen, eher neue Impulse verleiht und uns Reize bewußt macht, die wir früher übersehen oder nicht für wesentlich erachtet hätten. Wer den Fortschrit der Computertechnik als bücherfeindliches Teufelswerk ansieht, huldigt der Nostalgie auf Kosten der Erfahrung. "Und das ist die zum Programm erhobene Hoffnung in Manguels Buch: Die elektronischen Medien werden das Buch nicht ersetzen können." -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein "Buch der Bücher",
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Eine Geschichte des Lesens. (Broschiert)
"Letztlich ist die wahre Geschichte des Lesens wohl die eines jeden Lesers". So stellt Manguel am Ende des autobiographischen Einleitungskapitels zu seinem Buch fest, das dementsprechend auch im weiteren Verlauf von einer sehr persönlichen Sichtweise seines Autors geprägt ist. Er erzählt aus der Geschichte des Buches, vor allem natürlich der Leser, aber auch der Autoren, Hersteller, etc. diejenigen Episoden, die ihn selbst am meisten berührt oder beeinflußt haben. Der Hauptteil des Buches besteht aus zwei großen Abteilungen, "AKTE DES LESENS" und "DIE MACHT DES LESERS". Das Anfangskapitel der ersten Abteilung beschäftigt sich mit dem rein physikalischen Vorgang des Lesens; ein Stichwort lautet etwa Neurolinguistik, also die Erforschung der Beziehung zwischen Gehirn und Sprache. In weiteren Kapiteln geht es beispielsweise um Notizen beim Lesen oder das Auswendiglernen, aber auch um das Gutenberg-Projekt (Literatur im Internet). Die verschiedenen Themen werden dabei immer an historischen lesenden Persönlichkeiten festgemacht wobei natürlich auch viele kurzweilige Anekdoten anfallen. Sie tragen mit dazu bei, daß die Lektüre dieses Buches nie langweilig wird. Etwas aus den übrigen Themen dieses Abschnittes heraus fällt vielleicht das Kapitel "Die Gestalt des Buches", in dem es um die historische Entwicklung des Buches an sich geht; also im Gegensatz zu den sonst behandelten "Innerlichkeiten" ganz einfach um "Äußerlichkeiten": eben die Gestalt des Buches quer durch Zeiten und Kulturen, um seine Materialien, Herstellung, Aufbewahrung oder um den Buchhandel. Der zweite Teil ist inhaltlich etwas tiefgründiger angelegt, als der erste. Er beschäftigt sich des öfteren mit den Vorgängen, die quasi "hinter" den Büchern oder auch im Leser stattfinden. So handelt etwa das Kapitel "Das Lesen der Zukunft" nicht von dem, was man im ersten Moment dahinter vermuten könnte, sondern von Weissagungen und Wahrsagerei. Andererseits sind aber auch hier wieder eindeutige Kapitelüberschriften zu finden: "Verbotenes Lesen", "Bücher stehlen" oder "Der Autor als Leser"; weitere Stichworte sind Bücherverbrennungen und Zensur. Der Anmerkungsapparat mit Quellenangaben und ein Register machen das Buch im übrigen auch als Nachschlagewerk nutzbar. Trotz der persönlichen Herangehensweise des Autors oder vielleicht gerade deshalb handelt es sich um ein sehr schönes Buch. Jeder Versuch, bei einem Thema wie diesem eine wie auch immer geartete Universalität anzustreben, müßte dagegen wahrscheinlich zwangsläufig scheitern (vgl. die imaginäre "Geschichte des Lesens" im Kapitel "Nachsatz"). Vielmehr regt das Buch dazu an, eine ebenso persönliche Sicht zu entwickeln und das Abenteuer "Lesen" immer wieder von neuem zu erleben. Um es in einem Satz zu sagen: Die mittlerweile vielfachen Lobgesänge der Rezensenten haben ihre volle Berechtigung. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.) Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Begleiter für lange Zeit,
Von Ekkehart Mittelberg "ekkehart mittelberg" (Homberg (Ohm)) - Alle meine Rezensionen ansehen (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Eine Geschichte des Lesens. (Taschenbuch)
Ein Begleiter für lange ZeitUm es gleich vorwegzunehmen: „Eine Geschichte des Lesens" von Alberto Manguel zieht mit der Flutwelle amüsanter und spannender Fakten den Lesenden in ein Meer des Wissens, Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Vom Lesen schreiben,
Von
Rezension bezieht sich auf: Eine Geschichte des Lesens (Gebundene Ausgabe)
Um es gleich vorweg zu nehmen. Es ist ein schöngeistiges, wundervolles Buch, das sich mit dem Zweck aller Literatur, dem Lesen selbst befasst. Die Edition - Verlag Alfred A. Knopf, Kanada (in Deutschland: Verlag Volk und Welt, Berlin) - dringt in reizend gefühlvoller Schlichtheit ins Herz des Lesers.Im Rahmen einer kleinen Bildergalerie von Lesenden, gleich zu Beginn des Buches "Die Geschichte des Lesens", (darunter auch der blinde Jorge Luis Borges, dessen Vorleser der junge Autor Alberto Manguel im Argentinien der 1960er Jahre war), erkennen wir, dass es nicht nur Frauen-die-lesen-sind-gefährlich gibt, sondern auch Männer aller Zeiten und Kulturen sich der Sehnsucht Lesen (Virginia Woolf) gerne hingegeben haben: der junge Aristoteles, Vergil, der heilige Dominikus, Jesus und die Schriftgelehrten, der heilige Hieronymus, Erasmus von Rotterdam (in seiner Studierstube), Charles Dickens, zwei unbekannte Islamschüler sowie ein ebenfalls unbekannter Moguldichter sind - neben dem schon erwähnten Borges - nur einige der Protagonisten männlichen Geschlechts, für die diese Gymnastik des Geistes nicht weniger bedeutend war, als eine durchaus auch nicht unwichtige körperliche Ertüchtigung. Es ist die letzte Seite, mit der Alberto Manguel beginnt. So nämlich - "Die Letzte Seite" - überschreibt der Autor sein erstes Kapitel. "Lies um zu leben!", schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts der Schriftsteller Gustave Flaubert in einem Brief. Lies um zu lesen, und du fällst in jene Welten (und lebst infolgedessen in jenen Welten), von denen Alberto Manguel zu berichten weiß. Ganz von hochmütiger - wie er schreibt - Sehnsucht durchdrungen, identifizierte er sich restlos z.B. mit den Versen von Robert Louis Stevenson: "König in meinem Reich war ich, / Die Bienen summten nur für mich / der Schwalbe Flug galt mir." Wir lernen kennen: den Schattenleser, den stillen Leser, das Buch der Erinnerung, das Lesen lernen, um uns plötzlich - nachdem der Einstieg wie erwähnt die letzte Seite war - auf der fehlenden ersten Seite wiederzufinden. Auch Bilder lesen will gelernt sein. Und das Vorlesen ist ein Akt des Lesens mit ganz eigener Bedeutung. Die Buchgestaltung als Handwerk ist eine Kunst ganz besonderer Art - eine Tatsache, der uns zwischenzeitlich auch der Hamburger Buchgestalter, Formfinder und Sinneswandler Rainer Groothuis mit seiner Frage, wie denn Bücher auf die Erde kommen, näherbrachte. Das einsame Lesen - in Sonderheit das Lesen im Bett ["Auch ich lese im Bett" (Manguel)] - ist ein Lesen, bei dem Ort und Zeit sowie auch die entsprechende Körperhaltung, gemeinsam mit dem auszuwählenden Lesestoff in Synthese und Harmonie zueinander finden müssen. Über Walter Whitman, den großen amerikanischen Dichter des vorletzten Jahrhunderts, Begründer der modernen amerikanischen Dichtung, - "Schließt euere Türen nicht vor mir, ihr stolzen Bibliotheken" - führt uns Alberto Manguel zu den Metaphern des Lesens. Die Macht des Lesens - "Um gut zu Lesen muss man ein Erfinder sein." (Ralph Waldo Emerson) - führt uns über babylonische und sumerische Anfänge, direkt in das geordnete Universum, ins Bibliothekswesen: beginnend mit einer der ersten großen Universalleistungen, der Bibliothek von Alexandria, deren Werke in so großer Zahl gesammelt werden mussten, weil sie "den grandiosen Anspruch erhob, das gesamte Wissen der Menschheit zu umschließen." In der Zukunft des Lesens sah Alberto Manguel - "Die Geschichte des Lesens" erschien im Jahre 1996 - noch nicht die damals erst in Ansätzen zu ahnenden Veränderungen, die das Internet und der rasant exponentielle Anstieg, was das Thema Speicherkapazitäten in der Informationstechnologie betrifft, inzwischen mit sich brachte. [Google scannt und speichert zurzeit im Silicon Valley die gesamte Literatur der Menschheit; alles was bisher erschien, zumindest alles von Allem, was denen in die Hände fällt. Und das ist fast alles.] Es gibt noch vieles Entdeckenswerte, was Alberto Manguel uns unterbreitet. Ein Kapitel heißt "Bücher stehlen". Wir lernen kennen: den symbolischen Leser, den Autor als Leser, den Übersetzer als Leser - Umberto Eco braucht für den Übersetzer als Übersetzer, quasi dasselbe mit anderen Worten, hierfür ein ganzes Buch ("Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen") - sowie den Büchernarr. Am Ende erfahren wir allerdings, dass die Geschichte des Lesens kein Ende hat. Gemeint ist jedoch nicht die Geschichte des Lesens, sondern "Die Geschichte des Lesens", das uns vorliegende Buch. Es hat kein Ende. (Ganz klar: die letzte Seite war ja schon am Anfang.) Es hat kein Ende, und das zu unserem großen Glück. Das aber - so gilt es festzuhalten - sind nicht meine Worte. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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