Die hilfreichsten Kundenrezensionen
13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein "Buch der Bücher", 9. Dezember 1999
Von Ein Kunde
"Letztlich ist die wahre Geschichte des Lesens wohl die eines jeden Lesers". So stellt Manguel am Ende des autobiographischen Einleitungskapitels zu seinem Buch fest, das dementsprechend auch im weiteren Verlauf von einer sehr persönlichen Sichtweise seines Autors geprägt ist. Er erzählt aus der Geschichte des Buches, vor allem natürlich der Leser, aber auch der Autoren, Hersteller, etc. diejenigen Episoden, die ihn selbst am meisten berührt oder beeinflußt haben. Der Hauptteil des Buches besteht aus zwei großen Abteilungen, "AKTE DES LESENS" und "DIE MACHT DES LESERS". Das Anfangskapitel der ersten Abteilung beschäftigt sich mit dem rein physikalischen Vorgang des Lesens; ein Stichwort lautet etwa Neurolinguistik, also die Erforschung der Beziehung zwischen Gehirn und Sprache. In weiteren Kapiteln geht es beispielsweise um Notizen beim Lesen oder das Auswendiglernen, aber auch um das Gutenberg-Projekt (Literatur im Internet). Die verschiedenen Themen werden dabei immer an historischen lesenden Persönlichkeiten festgemacht wobei natürlich auch viele kurzweilige Anekdoten anfallen. Sie tragen mit dazu bei, daß die Lektüre dieses Buches nie langweilig wird. Etwas aus den übrigen Themen dieses Abschnittes heraus fällt vielleicht das Kapitel "Die Gestalt des Buches", in dem es um die historische Entwicklung des Buches an sich geht; also im Gegensatz zu den sonst behandelten "Innerlichkeiten" ganz einfach um "Äußerlichkeiten": eben die Gestalt des Buches quer durch Zeiten und Kulturen, um seine Materialien, Herstellung, Aufbewahrung oder um den Buchhandel. Der zweite Teil ist inhaltlich etwas tiefgründiger angelegt, als der erste. Er beschäftigt sich des öfteren mit den Vorgängen, die quasi "hinter" den Büchern oder auch im Leser stattfinden. So handelt etwa das Kapitel "Das Lesen der Zukunft" nicht von dem, was man im ersten Moment dahinter vermuten könnte, sondern von Weissagungen und Wahrsagerei. Andererseits sind aber auch hier wieder eindeutige Kapitelüberschriften zu finden: "Verbotenes Lesen", "Bücher stehlen" oder "Der Autor als Leser"; weitere Stichworte sind Bücherverbrennungen und Zensur. Der Anmerkungsapparat mit Quellenangaben und ein Register machen das Buch im übrigen auch als Nachschlagewerk nutzbar. Trotz der persönlichen Herangehensweise des Autors oder vielleicht gerade deshalb handelt es sich um ein sehr schönes Buch. Jeder Versuch, bei einem Thema wie diesem eine wie auch immer geartete Universalität anzustreben, müßte dagegen wahrscheinlich zwangsläufig scheitern (vgl. die imaginäre "Geschichte des Lesens" im Kapitel "Nachsatz"). Vielmehr regt das Buch dazu an, eine ebenso persönliche Sicht zu entwickeln und das Abenteuer "Lesen" immer wieder von neuem zu erleben. Um es in einem Satz zu sagen: Die mittlerweile vielfachen Lobgesänge der Rezensenten haben ihre volle Berechtigung. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
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14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Begleiter für lange Zeit, 28. Mai 2005
Ein Begleiter für lange Zeit Um es gleich vorwegzunehmen: „Eine Geschichte des Lesens" von Alberto Manguel zieht mit der Flutwelle amüsanter und spannender Fakten den Lesenden in ein Meer des Wissens, in das er viele Male eintauchen muss, wenn er sich Teile davon zu eigen machen will. Ich lese es gerade zum zweiten Male und stelle fest, wie sich mein Bewusstsein für die Möglichkeiten des Lesens schärft und der Genuss steigt. Kein Wunder, dass der polyglotte in Buenos Aires geborene Manguel dem Akt des Lesens so viele Aspekte abgewinnen konnte, wirkte er doch als Verlagslektor, Literaturdozent und Übersetzer in Städten, wie Paris, Mailand, London und Toronto, die für ihre Bibliotheken berühmt sind. Die Welt, „ein grandioses Buch", in allen ihren Erscheinungsformen zu lesen, einschließlich der Menschen, die selber Bücher sind, auf kein geringeres Ziel richtet sich die Leidenschaft besessener Leser wie Manguel. Dieser hat seine „Geschichte des Lesens" nicht fortlaufend diachron wie ein Geschichtsbuch angelegt. In dem Kreis von Autor, Buch und Leser stellen seine Kapitel Segmente dar, die nur in der jüngsten Gegenwart spielen könnten, zum Beispiel „Die stillen Leser", „Bilder lesen", „Vorlesen", aber durch Rückblicke bis zu den Anfängen des Lesens Tiefendimension gewinnen. Alle denkbaren Methoden des Lesens, immer wieder angereichert mit Skizzen, Bildern und Beispielen von Lesern aus allen Teilen der Welt, führt Manguel vor Augen. Nur einige seien hier erwähnt: · das Lesen als physische Aktivität, die sich zwischen Zeichen, Augen und Gehirn ereignet, · die Aufgabe des Lesens, sichtbar zu machen, „was die Schrift nur in Andeutungen und Schatten zu benennen weiß" (Al Haytham), · das laute und stille Lesen, · das Buch als Gedächtnis, mit dessen Hilfe der interpretierende Leser einen neuen Text hervorbringt (Petrarca), · das Erlernen noch unbekannter Kodierungen, · das Erschließen eines Textes auf unterschiedlichen Ebenen, praktiziert zum Beispiel durch Talmudgelehrte, · die Auffassung literarischer Texte als Gleichnisse in der Manier Kafkas, die voraussetzen, dass die in Dichtung gespiegelte Welt unfassbar ist, · das Lesen der Zukunft, das von der „überzeitlichen Strahlkraft" von Dichtung handelt, · das Dekodieren von Bildern, · das Vorlesen am Arbeitsplatz zum Zwecke der Unterhaltung und Bildung, das 1866 in kubanischen Tabakfabriken begann, · der symbolische Leser, der den Symbolgehalt des von ihm gelesenen Buches verkörpert. So differenziert wie die Arten zu lesen sind auch die von Manguel dargestellten symbolträchtigen Orte des Lesens, etwa Babylon als Ursprungsland des Buches, die lesewütige Stadt Alexandria, die fatimidische Bibliothek von Kairo, die Räume des Lesens und Körperhaltungen bei der Lektüre, zum Beispiel das einsame Lesen in der Natur oder im Bett, zerstreut oder konzentriert, das Lesen hinter Mauern [besonders fesselnd der Bericht über die bedeutenden literarischen Werke japanischer Hofdamen mit der von ihnen entwickelten Schriftsprache „kanbungaku" (794-1185)], das weltvergessene Lesen, öffentliche Verkehrsmittel als Leseorte, das Lesen vor Publikum, Liebespaare bei gemeinsamer Lektüre, verbotenes Lesen. Gelungene Visualisierungen spiegeln die Mannigfaltigkeit von Leserinnen und Lesern, von Schauplätzen der Lektüre, von Materialien, mit denen Botschaften transportiert wurden: Abbildungen aus einer Islamschule des 16. Jahrhunderts und anderer Schulszenen des europäischen Mittelalters, Dante mit der Göttlichen Komödie, Zeichen einer erfundenen Schrift, eine Seite aus der Heidelberger Armenbibel, die Darstellung eines Fabrikvorlesers, die Lesemaschine von Ramellis, das Mammutalbum von Vögeln Amerikas und das kleinste Buch der Welt, die lesende Eleonore von Aquitanien, abgebildet auf ihrem Sarkophag, eine lesende Sklavin, ein fünftausendjähriger Leser, Leserinnen mit „Verbotenen Früchten" (verbotener Literatur), Kardinal Hugo de Saint Cher, der erste Brillenträger, der sich in einer längeren Exposition über die Erfindung und Bedeutung der Brille findet, sind wahllos herausgegriffene Beispiele. In dem Kapitel „Das geordnete Universum" berichtet Manguel über die Versuche berühmter Bibliotheken ihre immensen Bestände zu katalogisieren, eine Aufgabe, die schon bei der Ordnung kleiner Privatbibliotheken schwierig genug ist. Wie sehr unsere heutige Lesekultur auf Lesegewohnheiten der Antike, der Kirchenväter, der Mönche des Mittelalters und der Gelehrten der Renaissance fußt, wird immer wieder mit Verweisen auf Aristoteles, Plinius den Jüngeren, Vergil, Konstantin den Großen, Augustinus, Dante und Petrarca dargelegt. Manguel ist aber alles andere als rückwärts gewandt. Dass mit der Erfindung des Computers der Absatz von Büchern gestiegen und eine andere Lesekultur entstanden ist, führt er gegen Kulturpessimisten ins Feld. Angesichts der Exkurse in amerikanische, russische, englische, französische, italienische, arabische und japanische Weltliteratur könnte man Manguel verdächtigen als Bildungsbürger für eben solche geschrieben zu haben. Er ist aber selber ein ‚Büchernarr' im positiven Sinne (Die Scheingelehrten führt er im letzten Kapitel seines Buches mit dem Holzschnitt von Dürer für die erste Ausgabe des Narrenschiffs (1494) von Sebastian Brant vor). In dieser Eigenschaft interessiert ihn selbstverständlich der subversive Leser und die Furcht der Diktatoren aller Epochen vor diesem, das heimlich heroische Lesen von Sklaven, die Geschichte der Bücherverbrennungen und die vom Vatikan verdammten Werke, der Leser, der sich seiner Macht bewusst ist, der symbolische Botschaften als Konterbande entdeckt, der als Leser ebenso wie der Autor Meister sein kann, der für seine Leidenschaft stiehlt, weil er „eine intime, körperliche Beziehung zum Buch" mit niemandem teilen will, und der Leser, der den Reiz verbotener Lektüre auskostet. Hat Manguels Buch eine erhebliche Schwäche? Vielleicht stößt sich jemand daran, dass ein großer Teil seiner Beispiele aus der Zeit vor der Aufklärung stammt. Andere mögen gerade eine Stärke darin sehen, dass er Lesehaltungen bis zu den Ursprüngen zurückverfolgt. Sein immenses Wissen, unterhaltsam vorgetragen, ganz das Gegenteil von Kathedergelehrsamkeit, wird die meisten Leser lange Zeit fesseln. Wer nach Anregungen für kreatives Lesen sucht, wird von Manguel inspiriert.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Vom Lesen schreiben, 17. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Eine Geschichte des Lesens (Gebundene Ausgabe)
Um es gleich vorweg zu nehmen. Es ist ein schöngeistiges, wundervolles Buch, das sich mit dem Zweck aller Literatur, dem Lesen selbst befasst. Die Edition - Verlag Alfred A. Knopf, Kanada (in Deutschland: Verlag Volk und Welt, Berlin) - dringt in reizend gefühlvoller Schlichtheit ins Herz des Lesers. Im Rahmen einer kleinen Bildergalerie von Lesenden, gleich zu Beginn des Buches "Die Geschichte des Lesens", (darunter auch der blinde Jorge Luis Borges, dessen Vorleser der junge Autor Alberto Manguel im Argentinien der 1960er Jahre war), erkennen wir, dass es nicht nur Frauen-die-lesen-sind-gefährlich gibt, sondern auch Männer aller Zeiten und Kulturen sich der Sehnsucht Lesen (Virginia Woolf) gerne hingegeben haben: der junge Aristoteles, Vergil, der heilige Dominikus, Jesus und die Schriftgelehrten, der heilige Hieronymus, Erasmus von Rotterdam (in seiner Studierstube), Charles Dickens, zwei unbekannte Islamschüler sowie ein ebenfalls unbekannter Moguldichter sind - neben dem schon erwähnten Borges - nur einige der Protagonisten männlichen Geschlechts, für die diese Gymnastik des Geistes nicht weniger bedeutend war, als eine durchaus auch nicht unwichtige körperliche Ertüchtigung. Es ist die letzte Seite, mit der Alberto Manguel beginnt. So nämlich - "Die Letzte Seite" - überschreibt der Autor sein erstes Kapitel. "Lies um zu leben!", schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts der Schriftsteller Gustave Flaubert in einem Brief. Lies um zu lesen, und du fällst in jene Welten (und lebst infolgedessen in jenen Welten), von denen Alberto Manguel zu berichten weiß. Ganz von hochmütiger - wie er schreibt - Sehnsucht durchdrungen, identifizierte er sich restlos z.B. mit den Versen von Robert Louis Stevenson: "König in meinem Reich war ich, / Die Bienen summten nur für mich / der Schwalbe Flug galt mir." Wir lernen kennen: den Schattenleser, den stillen Leser, das Buch der Erinnerung, das Lesen lernen, um uns plötzlich - nachdem der Einstieg wie erwähnt die letzte Seite war - auf der fehlenden ersten Seite wiederzufinden. Auch Bilder lesen will gelernt sein. Und das Vorlesen ist ein Akt des Lesens mit ganz eigener Bedeutung. Die Buchgestaltung als Handwerk ist eine Kunst ganz besonderer Art - eine Tatsache, der uns zwischenzeitlich auch der Hamburger Buchgestalter, Formfinder und Sinneswandler Rainer Groothuis mit seiner Frage, wie denn Bücher auf die Erde kommen, näherbrachte. Das einsame Lesen - in Sonderheit das Lesen im Bett ["Auch ich lese im Bett" (Manguel)] - ist ein Lesen, bei dem Ort und Zeit sowie auch die entsprechende Körperhaltung, gemeinsam mit dem auszuwählenden Lesestoff in Synthese und Harmonie zueinander finden müssen. Über Walter Whitman, den großen amerikanischen Dichter des vorletzten Jahrhunderts, Begründer der modernen amerikanischen Dichtung, - "Schließt euere Türen nicht vor mir, ihr stolzen Bibliotheken" - führt uns Alberto Manguel zu den Metaphern des Lesens. Die Macht des Lesens - "Um gut zu Lesen muss man ein Erfinder sein." (Ralph Waldo Emerson) - führt uns über babylonische und sumerische Anfänge, direkt in das geordnete Universum, ins Bibliothekswesen: beginnend mit einer der ersten großen Universalleistungen, der Bibliothek von Alexandria, deren Werke in so großer Zahl gesammelt werden mussten, weil sie "den grandiosen Anspruch erhob, das gesamte Wissen der Menschheit zu umschließen." In der Zukunft des Lesens sah Alberto Manguel - "Die Geschichte des Lesens" erschien im Jahre 1996 - noch nicht die damals erst in Ansätzen zu ahnenden Veränderungen, die das Internet und der rasant exponentielle Anstieg, was das Thema Speicherkapazitäten in der Informationstechnologie betrifft, inzwischen mit sich brachte. [Google scannt und speichert zurzeit im Silicon Valley die gesamte Literatur der Menschheit; alles was bisher erschien, zumindest alles von Allem, was denen in die Hände fällt. Und das ist fast alles.] Es gibt noch vieles Entdeckenswerte, was Alberto Manguel uns unterbreitet. Ein Kapitel heißt "Bücher stehlen". Wir lernen kennen: den symbolischen Leser, den Autor als Leser, den Übersetzer als Leser - Umberto Eco braucht für den Übersetzer als Übersetzer, quasi dasselbe mit anderen Worten, hierfür ein ganzes Buch ("Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen") - sowie den Büchernarr. Am Ende erfahren wir allerdings, dass die Geschichte des Lesens kein Ende hat. Gemeint ist jedoch nicht die Geschichte des Lesens, sondern "Die Geschichte des Lesens", das uns vorliegende Buch. Es hat kein Ende. (Ganz klar: die letzte Seite war ja schon am Anfang.) Es hat kein Ende, und das zu unserem großen Glück. Das aber - so gilt es festzuhalten - sind nicht meine Worte.
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