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Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt
 
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Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt [Taschenbuch]

Imre Kertész , György Buda , Christian Polzin , Kristin Schwamm , Christina Viragh , u.a.
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Vom Trauma zur Zeugenschaft

Erzählungen und Essays von Imre Kertész

In seiner epochalen «Trilogie» «Roman eines Schicksallosen», «Fiasko» und «Kaddisch für ein ungeborenes Kind» hat Imre Kertész seinen Themenkreis abgesteckt: Er umfasst die Erfahrungen eines ungarischen Juden, der als Jugendlicher Auschwitz und Buchenwald erlitten und überlebt hat, um anschliessend – unter kommunistischer Diktatur – zum Opfer eines andern Totalitarismus zu werden. Erst dieser, bescheinigt Kertész vielfach, habe ihm die Augen für die Greuel des Nazismus geöffnet, habe ihn zum Analytiker der Menschenverachtung und zum Mahner für freiheitlich-humane Zustände gemacht. Ein doppeltes Expertentum, dessen Verantwortung Kertész mit Würde und künstlerischer Konsequenz trägt, die jedem Leser den grössten Respekt abnötigt.

Auch in seinen Erzählungen bewegt sich Kertész auf vertrautem Terrain. Fokussierter noch als in seinen Romanwerken nimmt er einzelne Probleme ins Visier: die Situation Ungarns zwischen Schauprozessen und Aufstand; die Wiederbegegnung eines ehemaligen Lagerhäftlings mit den Stätten seines Leids; und – in dem Reisebericht «Protokoll» – die Schikanen, denen ein Bürger der «Restdiktatur» Ungarn noch 1990 ausgesetzt war. Meist spricht der Autor – ungeschützt und unmaskiert – in Ich-Form. Der autobiographische Impuls wird aber nicht weniger eindringlich in der dritten Person spürbar.

Selbstfindung eines Schriftstellers

«Die englische Flagge» handelt von der Selbstfindung eines Schriftstellers im Budapest der frühen fünfziger Jahre und handelt zugleich von der hoffnungsvoll begonnenen, dann alleingelassenen, schliesslich brutal niedergeschlagenen ungarischen Revolution. Zwischen den beiden Themen besteht eine enge Verbindung, die etwa auf die Formel zu bringen wäre, Zeugenschaft sei alles und «Moral möglicherweise nichts anderes als Beständigkeit».  

Der Ich-Erzähler, mit Kertész mehr als nur verwandt, schildert seinen Werdegang von einem Jungjournalisten, der das Schreiben unbefangen von der Schmach des Alltags, der Politik trennt, zu einem zunehmend reflektierten Wortmenschen, der über den Umweg des Fabrikarbeiters zum «Abenteuer des Erzählens» findet. Die Entwicklung vollzieht sich vor der Folie täglicher Repressionen, mit dem Leitspruch eines einst angesehenen Autors: «Ich war Ernö Szép.» Das scheinbar deprimierende Statement wird vom Ich-Erzähler paradox umgedeutet, bis hin zur Konklusion, «dass in der hiesigen Welt die einzig mögliche Leistung die Selbstverleugnung als schöpferische Leistung sei». Was heisst das? Mit dem von Kertész zitierten Wilhelm Dilthey, dass «das Verstehen aus der Enge und Subjektivität des Erlebens hinauszuführen habe in die Region des Ganzen und Allgemeinen»; und dass der «Schicksallose» berufen sei, Zeugnis abzulegen.

In der Zeugenschaft verbinden sich Poetik und Ethik, Leidenschaft des Schreibens und – Gottgefälligkeit. Es ist auffallend, dass Kertész auf dieses biblisch-religiöse Moment rekurriert, während ihm das Diesseits als schiere «Katastrophenwelt», bestehend aus «Kriegs- und Friedensruinen», erscheint. Nirgends der Hinweis auf Rettung und Sinn, auf Fortschritt und Ziel, nur diese unbedingte Forderung nach beständiger Zeugenschaft. Und die Oasen ästhetischen Scheins, etwa in Gestalt von Richard Wagners «Walküre»? Sie sind jenes süsse Gift, jener «metaphysische Trost», ohne die der Schreibende seinen Weg durch das Dickicht der sogenannten Wirklichkeit schwerlich gefunden hätte.

Doch was hat es mit der leitmotivisch wiederkehrenden englischen Flagge auf sich? In einer der dichtesten narrativen Passagen schildert der Ich-Erzähler den Tumult des Aufstandes von 1956 und jene flüchtige Szene, als ein jeepartiges Auto mit den britischen Farben Blau-Weiss-Rot vorbeirast: aus ihm grüsst eine handschuhumhüllte Hand – und verschwindet. Das Winken enthält vorbehaltlose Zustimmung, nebenbei aber auch «etwas von dem sicheren Bewusstsein, dass diese (. . .) Hand bald das Geländer der von einem Flugzeug herabgelassenen Treppe berühren würde, bei der Heimkehr in das ferne Inselreich». Tatsache ist, «dass in derselben Strassenbiegung, in der die englische Flagge verschwunden war, nur aus der genau entgegengesetzten Richtung, wenige Tage später Panzer auftauchten». So schnell kann Hoffnung und Siegesgewissheit in Niederlage umschlagen. Oder anders: auf nichts und niemand ist Verlass. Dem Erzähler bleibt nur, seinen jüngeren Freunden vom Erlebten Zeugnis abzulegen.

Orte des Martyriums

Von Zeugenschaft handelt auch die fast hundert Seiten lange Erzählung «Der Spurensucher». Ein «Abgesandter», auch   Beauftragter   genannt, kehrt zu den Orten seines Martyriums zurück, hinter denen der Leser unschwer Buchenwald und Zeitz erkennt. Überall lauert eine «trügerische Gegenwart» mit ihren «optischen Fallen», die sich erst allmählich dem entlarvenden Blick des Spurensuchers beugt, bis dieser – vor dem Lagertor Buchenwalds – nicht mehr zum Beweissammler, sondern selbst zum Beweis wird, «zum reuigen, dennoch unerbittlichen Zeugen des als Gewissheit peinigenden Triumphes». Triumph meint die Feier des Daseins, während beim Überlebenden «das heimatlose Gefühl von Unwirklichkeit» zunimmt und die Überzeugung, dass seine Sendung ein Irrtum sei. Beharrlich umkreist er sein Trauma, das sich als «zehrende Leere» erweist. Und leidet an der Diskrepanz zwischen Erinnerung und realer Wirklichkeit, zwischen «seiner Wahrheit» und dem «alltäglichen Grauen». Trotz seiner kafkaesk anmutenden Mission bekennt er gegenüber einer Frau mit Trauerflor: «Ich bin hier, um zu versuchen, dieses Unrecht wiedergutzumachen. (. . .) Dadurch, dass ich Zeugnis ablege von allem, was ich gesehen habe.» Der gewichtigen Lakonie dieses Satzes steht der kurz darauf erfolgte Selbstmord der rätselhaften Unbekannten gegenüber und die seltsame Gleichgültigkeit, mit welcher der Spurensucher die entsprechende Zeitungsnotiz zur Kenntnis nimmt, um sich alsbald dem Kostenvorschlag einer bevorstehenden Ferienreise zu widmen.

Der Holocaust-Überlebende Kertész gewährt im «Spurensucher» Einblick in seine eigenen Erfahrungen mit der wiederaufgesuchten Vergangenheit. Sein herbes Fazit: «Die Dinge legen über nichts Rechenschaft ab. (. . .) Diese Dinge hier schwiegen, verschlossenen Fremden gleich, sie waren vollkommen und genügten sich selbst, sie würden seine Existenz nicht bestätigen.» Zeugenschaft aber bleibt Gebot, mag die eigene Existenz noch so bezweifelbar scheinen. An dieser simplen Tatsache kommt der Abgesandte nicht vorbei. Sie macht ihn zum Abgesandten. Vielleicht zu einem Abgesandten von Gott.

Sosehr der Text in Geheimnis gehüllt ist: wo er sich an den Schauplätzen abarbeitet, entfaltet er eine gleichsam surreale Anschaulichkeit, ja groteske Angriffigkeit. Etwa wenn Kertész die weiten Hänge des Ettersbergs schildert und – «vor dem gleissend hellen Hintergrund» – die uniformierte Gestalt einer Touristenführerin, «unverhülltes Bild von Verrat und Abtrünnigkeit». Kritik an der Kommerzialisierung der Holocaust-Gedenkstätten mischt sich hier in jenen selbstanalytischen Diskurs, der sich über Fragen und Zweifel an das Unsagbare herantastet.

Auch seine Essays bezeichnet Kertész als Annäherungen: «Sie versuchen sich demselben zu nähern wie meine erzählerischen Texte: etwas Unnahbarem.» So nachzulesen im Vorwort zur Essaysammlung «Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschiessungskommando neu lädt», einem ungemein anregenden, provokativen, profund zeitdiagnostischen Band, der den Autor einmal mehr als gänzlich unideologischen Verfechter der Erfahrung zeigt. «Weit höher als jeden theoretischen Ernst schätze ich die Erfahrung», bekennt Kertész mit unverhohlen polemischer Note im Essay «Der überflüssige Intellektuelle». Erfahrung als persönlicher Ernstfall, Erfahrung als nicht zu vereinnahmender individueller Schatz – und Existenzbeweis. Soll der Mensch nicht «als ausgemustertes Ersatzstück in der Geschichte verschwinden», ist er angehalten, seine Erfahrung zu verstehen und zu bezeugen, ist er dazu aufgerufen, «selbst zu benennen, statt benannt zu werden». Aus solchem Impuls ist eines der beeindruckendsten dichterischen Œuvres unserer Tage entstanden, welches exemplarisch bestätigt, dass «der Holocaust eine Kultur hervorgebracht hat» – «auf dass der nicht wiedergutzumachenden Realität Wiedergutmachung entspriesse: der Geist, die Katharsis».

Ilma Rakusa

Kurzbeschreibung

In kühner Lapidarschrift benennt der Titel, den Imre Kertesz dieser Sammlung seiner Essays gab, die Paradoxien seines Lebens und Schreibens. 1929 in Budapest geboren, 1944 nach Auschwitz deportiert, 1945 in Buchenwald befreit und nach der Rückkehr über vier Jahrzehnte den Schrecken eines anderen Totalitarismus ausgesetzt, hat dieser Autor in fast völliger Zurückgezogenheit nicht allein ein literarisches Werk von Weltgeltung vollbracht, er ist darüber hinaus zu einem der bedeutendsten Interpreten des Holocaust geworden. In Texten von beispielloser, schwer erträglicher Radikalität macht er einem Jahrhundert den Prozeß, das ihm "als ununterbrochen diensttuendes Erschießungskommando" entgegentrat.

Über den Autor

Imre Kertész, am 9. November 1929 in Budapest geboren, wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst als Journalist, seit 1953 dann als freier Schriftsteller und Übersetzer in Budapest. Mit seinem «Roman eines Schicksallosen», 1975 in Ungarn veröffentlicht, gelangte er nach der europäischen Wende zu weltweitem Ruhm. 2002 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.
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