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Erzählungen und Essays von Imre Kertész
In seiner epochalen «Trilogie» «Roman eines Schicksallosen», «Fiasko» und «Kaddisch für ein ungeborenes Kind» hat Imre Kertész seinen Themenkreis abgesteckt: Er umfasst die Erfahrungen eines ungarischen Juden, der als Jugendlicher Auschwitz und Buchenwald erlitten und überlebt hat, um anschliessend unter kommunistischer Diktatur zum Opfer eines andern Totalitarismus zu werden. Erst dieser, bescheinigt Kertész vielfach, habe ihm die Augen für die Greuel des Nazismus geöffnet, habe ihn zum Analytiker der Menschenverachtung und zum Mahner für freiheitlich-humane Zustände gemacht. Ein doppeltes Expertentum, dessen Verantwortung Kertész mit Würde und künstlerischer Konsequenz trägt, die jedem Leser den grössten Respekt abnötigt.
Auch in seinen Erzählungen bewegt sich Kertész auf vertrautem Terrain. Fokussierter noch als in seinen Romanwerken nimmt er einzelne Probleme ins Visier: die Situation Ungarns zwischen Schauprozessen und Aufstand; die Wiederbegegnung eines ehemaligen Lagerhäftlings mit den Stätten seines Leids; und in dem Reisebericht «Protokoll» die Schikanen, denen ein Bürger der «Restdiktatur» Ungarn noch 1990 ausgesetzt war. Meist spricht der Autor ungeschützt und unmaskiert in Ich-Form. Der autobiographische Impuls wird aber nicht weniger eindringlich in der dritten Person spürbar.
Selbstfindung eines Schriftstellers
«Die englische Flagge» handelt von der Selbstfindung eines Schriftstellers im Budapest der frühen fünfziger Jahre und handelt zugleich von der hoffnungsvoll begonnenen, dann alleingelassenen, schliesslich brutal niedergeschlagenen ungarischen Revolution. Zwischen den beiden Themen besteht eine enge Verbindung, die etwa auf die Formel zu bringen wäre, Zeugenschaft sei alles und «Moral möglicherweise nichts anderes als Beständigkeit».
Der Ich-Erzähler, mit Kertész mehr als nur verwandt, schildert seinen Werdegang von einem Jungjournalisten, der das Schreiben unbefangen von der Schmach des Alltags, der Politik trennt, zu einem zunehmend reflektierten Wortmenschen, der über den Umweg des Fabrikarbeiters zum «Abenteuer des Erzählens» findet. Die Entwicklung vollzieht sich vor der Folie täglicher Repressionen, mit dem Leitspruch eines einst angesehenen Autors: «Ich war Ernö Szép.» Das scheinbar deprimierende Statement wird vom Ich-Erzähler paradox umgedeutet, bis hin zur Konklusion, «dass in der hiesigen Welt die einzig mögliche Leistung die Selbstverleugnung als schöpferische Leistung sei». Was heisst das? Mit dem von Kertész zitierten Wilhelm Dilthey, dass «das Verstehen aus der Enge und Subjektivität des Erlebens hinauszuführen habe in die Region des Ganzen und Allgemeinen»; und dass der «Schicksallose» berufen sei, Zeugnis abzulegen.
In der Zeugenschaft verbinden sich Poetik und Ethik, Leidenschaft des Schreibens und Gottgefälligkeit. Es ist auffallend, dass Kertész auf dieses biblisch-religiöse Moment rekurriert, während ihm das Diesseits als schiere «Katastrophenwelt», bestehend aus «Kriegs- und Friedensruinen», erscheint. Nirgends der Hinweis auf Rettung und Sinn, auf Fortschritt und Ziel, nur diese unbedingte Forderung nach beständiger Zeugenschaft. Und die Oasen ästhetischen Scheins, etwa in Gestalt von Richard Wagners «Walküre»? Sie sind jenes süsse Gift, jener «metaphysische Trost», ohne die der Schreibende seinen Weg durch das Dickicht der sogenannten Wirklichkeit schwerlich gefunden hätte.
Doch was hat es mit der leitmotivisch wiederkehrenden englischen Flagge auf sich? In einer der dichtesten narrativen Passagen schildert der Ich-Erzähler den Tumult des Aufstandes von 1956 und jene flüchtige Szene, als ein jeepartiges Auto mit den britischen Farben Blau-Weiss-Rot vorbeirast: aus ihm grüsst eine handschuhumhüllte Hand und verschwindet. Das Winken enthält vorbehaltlose Zustimmung, nebenbei aber auch «etwas von dem sicheren Bewusstsein, dass diese (. . .) Hand bald das Geländer der von einem Flugzeug herabgelassenen Treppe berühren würde, bei der Heimkehr in das ferne Inselreich». Tatsache ist, «dass in derselben Strassenbiegung, in der die englische Flagge verschwunden war, nur aus der genau entgegengesetzten Richtung, wenige Tage später Panzer auftauchten». So schnell kann Hoffnung und Siegesgewissheit in Niederlage umschlagen. Oder anders: auf nichts und niemand ist Verlass. Dem Erzähler bleibt nur, seinen jüngeren Freunden vom Erlebten Zeugnis abzulegen.
Orte des Martyriums
Von Zeugenschaft handelt auch die fast hundert Seiten lange Erzählung «Der Spurensucher». Ein «Abgesandter», auch Beauftragter genannt, kehrt zu den Orten seines Martyriums zurück, hinter denen der Leser unschwer Buchenwald und Zeitz erkennt. Überall lauert eine «trügerische Gegenwart» mit ihren «optischen Fallen», die sich erst allmählich dem entlarvenden Blick des Spurensuchers beugt, bis dieser vor dem Lagertor Buchenwalds nicht mehr zum Beweissammler, sondern selbst zum Beweis wird, «zum reuigen, dennoch unerbittlichen Zeugen des als Gewissheit peinigenden Triumphes». Triumph meint die Feier des Daseins, während beim Überlebenden «das heimatlose Gefühl von Unwirklichkeit» zunimmt und die Überzeugung, dass seine Sendung ein Irrtum sei. Beharrlich umkreist er sein Trauma, das sich als «zehrende Leere» erweist. Und leidet an der Diskrepanz zwischen Erinnerung und realer Wirklichkeit, zwischen «seiner Wahrheit» und dem «alltäglichen Grauen». Trotz seiner kafkaesk anmutenden Mission bekennt er gegenüber einer Frau mit Trauerflor: «Ich bin hier, um zu versuchen, dieses Unrecht wiedergutzumachen. (. . .) Dadurch, dass ich Zeugnis ablege von allem, was ich gesehen habe.» Der gewichtigen Lakonie dieses Satzes steht der kurz darauf erfolgte Selbstmord der rätselhaften Unbekannten gegenüber und die seltsame Gleichgültigkeit, mit welcher der Spurensucher die entsprechende Zeitungsnotiz zur Kenntnis nimmt, um sich alsbald dem Kostenvorschlag einer bevorstehenden Ferienreise zu widmen.
Der Holocaust-Überlebende Kertész gewährt im «Spurensucher» Einblick in seine eigenen Erfahrungen mit der wiederaufgesuchten Vergangenheit. Sein herbes Fazit: «Die Dinge legen über nichts Rechenschaft ab. (. . .) Diese Dinge hier schwiegen, verschlossenen Fremden gleich, sie waren vollkommen und genügten sich selbst, sie würden seine Existenz nicht bestätigen.» Zeugenschaft aber bleibt Gebot, mag die eigene Existenz noch so bezweifelbar scheinen. An dieser simplen Tatsache kommt der Abgesandte nicht vorbei. Sie macht ihn zum Abgesandten. Vielleicht zu einem Abgesandten von Gott.
Sosehr der Text in Geheimnis gehüllt ist: wo er sich an den Schauplätzen abarbeitet, entfaltet er eine gleichsam surreale Anschaulichkeit, ja groteske Angriffigkeit. Etwa wenn Kertész die weiten Hänge des Ettersbergs schildert und «vor dem gleissend hellen Hintergrund» die uniformierte Gestalt einer Touristenführerin, «unverhülltes Bild von Verrat und Abtrünnigkeit». Kritik an der Kommerzialisierung der Holocaust-Gedenkstätten mischt sich hier in jenen selbstanalytischen Diskurs, der sich über Fragen und Zweifel an das Unsagbare herantastet.
Auch seine Essays bezeichnet Kertész als Annäherungen: «Sie versuchen sich demselben zu nähern wie meine erzählerischen Texte: etwas Unnahbarem.» So nachzulesen im Vorwort zur Essaysammlung «Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschiessungskommando neu lädt», einem ungemein anregenden, provokativen, profund zeitdiagnostischen Band, der den Autor einmal mehr als gänzlich unideologischen Verfechter der Erfahrung zeigt. «Weit höher als jeden theoretischen Ernst schätze ich die Erfahrung», bekennt Kertész mit unverhohlen polemischer Note im Essay «Der überflüssige Intellektuelle». Erfahrung als persönlicher Ernstfall, Erfahrung als nicht zu vereinnahmender individueller Schatz und Existenzbeweis. Soll der Mensch nicht «als ausgemustertes Ersatzstück in der Geschichte verschwinden», ist er angehalten, seine Erfahrung zu verstehen und zu bezeugen, ist er dazu aufgerufen, «selbst zu benennen, statt benannt zu werden». Aus solchem Impuls ist eines der beeindruckendsten dichterischen uvres unserer Tage entstanden, welches exemplarisch bestätigt, dass «der Holocaust eine Kultur hervorgebracht hat» «auf dass der nicht wiedergutzumachenden Realität Wiedergutmachung entspriesse: der Geist, die Katharsis».
Ilma Rakusa
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ethik und Moral angesichts unseres Herkommens,
Von
Rezension bezieht sich auf: Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt (Taschenbuch)
Man könnte sich fragen, warum dieses Buch überhaupt ins Deutsche übersetzt worden ist. Oder fragen, warum es gerade ins Deutsche übersetzt wurde. Oder fragen, in welche Sprachen es überhaupt übersetzt werden sollte. Denn als Deutscher hat man es schwer, dieses Buch zu lesen und gelten zu lassen. Oder sollte man es gerade deshalb besonders herausstellen? Denn wenn Kertesz, der im veröffentlichen Bewusstsein bereits schon wieder vergessen scheint, über den Holocaust spricht und darüber, wie das Bewusstsein der Menschheit mit diesem schrecklichen Erbe umgeht, wie Politik, Gesellschaft und Publizistik seit dieser Zeit die Gefühle Gequälter behandelt und zur negierten Folie eigenen geschichtsvergessenen Handelns macht, öffnet sich der ganze Bogen vermeintlich geschuldeter politischer und gesellschaftlicher Pragmatik, Sachzwänge und Macht-Haben-Wollens seither in seinem wahren Sein. So ist Kertesz Buch eine stille Anklage, ein Seismograph verkannter Gefühle, die das Herkommen europäischer Geschichte und ihr Weitergehen zusammendenkt. Denn er weiß: Seit wir durch Nietzsche wissen, dass Gott tot ist, stellt sich die schwierige Frage, wer den Menschen im Auge hat; direkt gesagt, in wessen Angesicht wir leben, wem der Mensch Rechenschaft schuldet, im ethischen und, man möge mir verzeihen, sehr wohl auch transzendentalen Sinne des Wortes. Und stellt damit eine Frage zur praktischen Vernunft, die noch über Immanuel Kant, Hegel und Marx hinausgeht, und über all die Humanisten, begonnen bei Schiller und Goethe, die von diesem Betriebsunfall der europäischen Aufklärungsgeschichte im 20. Jahrhundert nichts ahnten, gleich drüben, sozusagen nebenan in Buchenwald. Ein sehr sehr empfehlenswertes Buch, das fundamentale Fragen nach Ethik und Moral stellt nach uns, nach allen, als "quo vadis" im Angesicht dieser Geschichte. Absolut lesenswert!
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11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Mythos des nicht Aufgearbeiteten,
Von Timon Jakli (Eisenstadt, Österreich) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Eine Gedankenlänge Stille, während das Erschießungskommando neu lädt (Taschenbuch)
„Das Leid hat kein Maß, die Ungerechtigkeit keinen Gradmesser" - so beschreibt der 1929 in Budapest geborene Imre Kertesz, der Auschwitz überlebte und 40 Jahre lang im stalinistischen Ungarn verbrachte, seine fast ein halbes Jahrhundert andauernden Erfahrungen mit nazistischem und bolschewistischem Terror.Kertesz, der 2002 den Nobelpreis für Literatur erhielt, beschäftigt sich in vorliegenden Essays und Reden mit dem Jahrhundert des Holocausts und des stalinistischen Terrors; seine Beschreibungen erweisen sich weniger deskriptiv, als viel mehr den Umgang mit dem Holocaust erforschend. So untersucht Kertesz das Verhältnis der Gesellschaft zum „Mythos Auschwitz", der für ihn universelles Synonym für totalitären Terror ist. Ihm zufolge ist das „nicht Aufgearbeitete" für unser Jahrhundert charakteristisch, da mit Auschwitz jegliche Logik versagt habe, jegliche Kultur vernichtet worden sei, und ein „Vakuum der Kultur" entstanden sei. Auschwitz, das nicht Begreifbare, sei verdrängt worden - mit Thomas Mann gesprochen - in den „Geist der Erzählung" übergegangen, womit es aber auch der Gefahr einer gleichzeitigen Stilisierung, einer bloßen Darstellung des „Selbstmitleids" erliege. Kertesz nähert sich dem Problem mit der Frage, ob der Holocaust Werte schaffen könne. Er geht von der Spannung zwischen dem grausamen Geschehen des Holocaust und einer daraus entstandenen gesamteuropäischen Kultur aus, die den Mythos Auschwitz zum Teil ihrer „großen Erzählung" hat. Kertesz' Lösungsansatz - den er auch in seinen Büchern verfolgt (wobei das Bekannteste wohl „Roman eines Schicksalslosen" ist, für das er den Nobelpreis erhielt) - ist „die negative Erfahrung in positives Tun zu verwandeln", dem „Vakuum der Kultur" durch Kunst zu begegnen und zu versuchen, das Geschehen aus der „Erzählung" hinein in den „Mythos" zu überführen, in einen gesamteuropäischen Wert zu tradieren. Nicht nur, dass die gesammelten Essays ein eindrucksvolles Dokument eines Überlebenden der wohl schlimmsten Epoche des 20. Jahrhunderts sind, werfen sie auch Fragen auf, die gerade im Zuge von „Wiedergutmachungsdebatten" neue Brisanz gewinnen, und mit denen es sich auseinanderzusetzen gilt. Sie eignen sich wahrscheinlich eher für den Leser, der sich mit aktuellen Fragen des Holocaust beschäftigt, als für jemanden, der lediglich nach einer historischen Darstellung sucht. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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