"Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blicks, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf..."
Annemarie Schwarzenbach gehört zu den wenigen bekannten homosexuellen Schriftstellerinnen in der Literaturlandschaft Europas. Wenngleich diese Bekanntheit sicherlich auch von der Tatsache profitiert hat, dass sie eine wichtige Freundin von Klaus und Erika Mann war, ist ihr literarisches Werk nicht unbedeutend oder veraltet, wie es den Büchern von vielen Schriftstellern aus dieser Epoche zugestoßen ist - nein, vielleicht wird ihr Werk erst jetzt überhaupt interessant geworden; doch, wie bei manch anderem Autor, ist es ihre Biographie, die das fiktive Werk (weiterhin) in den Schatten stellt.
So ist auch diese, aus dem Nachlass erschienene autobiographische Erzählung zu größerem Ruhm gelangt, als wohl alle Teile der neu angebrachten Werkausgabe zusammen. Was ja überhaupt weder schlimm, noch traurig ist, aber bezeichnend.
"Als Zuschauer des Lebens habe ich gelernt, die Wege der Zukunft nicht als etwas Zufälliges zu betrachten, sondern als notwendige Erscheinungen aus langer innerer Bereitung."
Was ist Anziehung? Schon immer war ich selbst der Meinung, dass ein Aufenthalt an einem Ort, wo man selbst, wie der andere, fern von zu Hause ist, eine ganz besondere Stimmung bedeutet; eine Art von Erregung liegt in der Kürze und Freiheit eines Hotelurlaubs, im Gegensatz zu der Gebundenheit an den Fixpunkt, den man mit seinem Zuhause in seiner vertrauten Umgebung hat (natürlich bedingt sich beides). Wenn man dann jemandem begegnet, nur einmal kurz, und sofort eine rätselhafte Wallung spürt - sofort ist man den Rest der Zeit besessen von der Möglichkeit einer erneuten Begegnung, einem Kennen lernen, einer Leidenschaft möglicherweise, von Liebe vielleicht...
"denn was sind Möglichkeiten: Bedeuten sie nicht Verheißung, wenn man nur mutig ist, bedeuten sie nicht eine große Herrlichkeit des Willens..."
Eine Frau zu sehen ist gleich zweierlei: Die Geschichte einer jugendlichen Erweckung und die Geschichte einer scheuen, ersten Obsession. Und dabei ist es ein Meisterwerk einfachster und klarster Prosa. Wenn ein Autor es schafft dir anhand von einfacher, ehrlicher, leicht lyrischer Prosa die Hand zu einem gemeinsamen Gefühl zu reichen (wie ich es ansonsten oft bei Thomas Mann, Hermann Hesse oder Stefan Zweig oder in Rilkes Lyrik erlebt habe), dann ist es möglich durch ein Buch so etwas wie eine Erfahrung zu teilen und es ist für mich gleichsam ein Zeichen für wahre literarische Leiden- und Meisterschaft. Dies habe ich hier ge- und empfunden. Die Essenz eines Gefühls.
"unsagbar schön war ja allein dieses Wort - Frau -, seine Erfüllung war so voll stiller und trauriger Erwartung, so voll gläubigen Glücks, dass die Grenze des Wunderbaren sich dadurch forthob und Raum ließ für eine Tröstung, der ich mich sehnsüchtig zuwandte."
Eine kleines Juwel von Prosa und vielleicht eine der besten Erzählungen zum Thema Liebe.