David Grossmanns Roman wird erzählt aus der Sicht einer Frau, die vor der Nachricht flieht, dass ihr Sohn im Krieg gefallen sein könnte. Diese Frau hat in ihrem Leben zwei Männer geliebt, von beiden je einen Sohn bekommen, einen geheiratet und den anderen verlassen und steht jetzt vor den Trümmern von Ehe und Familie. Es wird darüber erzählt, wie es für eine Frau ist, zwei Söhne groß zu ziehen, sie wachsen und gedeihen zu sehen und sie dann doch an ein Erwachsenen- und Männerleben zu verlieren.
Gleichzeitig entsteht auch ein eindringliches Bild des Lebens in Israel, das den Leser (und die Leserin) so schnell nicht wieder los wird. Es wird von palästinensischen Menschen in Israel erzählt, die eine Existenz im Verborgenen leben, ähnlich wie illegale Menschen in Deutschland. Es entsteht ein Bild der israelischen Gesellschaft, die durch die seit so vielen Jahren andauernde Kriegssituation, umgeben von Feinden, die sie vernichten wollen, unwiederbringlich verändert, verkrüppelt wurde. Beeindruckend wird das gezeigt, als die Hauptfigur einige Zeit lang jeden Tag wie unter Zwang Bus fährt. Die Angst und Beklemmung, die die Bedrohung durch Selbstmordattentäter verursacht, lässt diese für uns in Deutschland so triviale Alltagstätigkeit zu einem Albtraum werden. Oder es geht darum, dass der Sohn während der Militärzeit Schuld auf sich lädt, weil er Befehlen gehorchte. Dabei geht es keinesfalls darum, die Israelis oder die Palästinenser als die Bösen darzustellen. Statt dessen gelingt es Grossmann, die Zerstörung in den Seelen der Menschen zu zeigen, ohne parteiisch zu werden. Beim Lesen wird klar, wie unermesslich hoch der Preis nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die Israelis ist, den sie zahlen für ihren Willen, in diesem Land bleiben zu wollen.
Gleichzeitig erzählt das Buch aber auch über die Kraft, die aus der Liebe zweier Menschen füreinander erwachsen kann. Die Frau und der Mann, der der Vater ihres zweiten Sohnes ist, den sie nicht geheiratet hat, der, nachdem er in Ägypten in Kriegsgefangenschaft war und schwer gefoltert wurde, nur noch ein Schatten seiner selbst war, finden auf einer langen Wanderung wieder zueinander. Am Ende könnte es sein, dass sie dauerhaft wieder zusammen finden - und es könnte sein, dass die Nachricht, vor der die Frau fliehen wollte, vielleicht doch nicht eintrifft.
Das Buch erzählt in einer wunderbar lebendigen Sprache und lässt vor dem Leser eine ganze Welt entstehen. Wenn man nachdenkt, erinnert man sich immer wieder an neue, beeindruckende Szenen, die in ihrer Eindringlichkeit dieses ganze Leben mit all der Liebe und Trauer, den Verlusten und den Ängsten, der Lebensfreude und der Hoffnung wahrnehmbar machen.