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Eine Frau: Novelle [Taschenbuch]

Marcel Möring , Helga van Beuningen
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

„Das spektakuläre Debüt des niederländischen Schriftstellers ... famos erzählt. Entdecken Sie diesen Autor.“ (rtv über "Mendel" )

Kurzbeschreibung

Über den Weg einer Frau zu sich selbst

Laura besitzt ein Gourmetrestaurant mit kleinem Hotel an der holländischen Küste. Mit ihren sechzig Jahren meistert sie jedes Chaos – bis sie eines Tages, als zwischen Chefkoch und Maître in der Küche wieder mal die Fetzen fliegen, merkt, dass sie nicht mehr wie gewohnt funktionieren kann. Dass sie innerlich wie versteinert ist, und zwar seit fünfundzwanzig Jahren, seit der großen Tragödie ihres Lebens, die sie überwunden glaubte. Und Laura wird klar, dass sie sich den Erinnerungen, an Liebe wie an Leid, stellen muss, wenn sie weiterleben will.

Klappentext

"Das spektakuläre Debüt des niederländischen Schriftstellers ... famos erzählt. Entdecken Sie diesen Autor." rtv über "Mendel"

Über den Autor

Marcel Möring, geboren 1957 in Enschede, gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Literaten der Niederlande. Für seinen ersten Roman „Mendel" erhielt er 1991 den wichtigsten Debütpreis des Landes, den Geertjan-Lubberhuizen-Preis, und weitere Romane wurden mit dem AKO-Literaturpreis, der Goldenen Eule und dem Flämischen Literaturpreis ausgezeichnet. Sein neuestes Werk „Der nächtige Ort“ wurde 2007 mit dem Ferdinand-Bordewijk-Preis zum besten niederländischen Roman des Jahres gekürt. Möring lebt mit seiner Familie in Rotterdam.

Helga van Beuningen ist die Übersetzerin von u.a. A.F.Th. van der Heijden, Margriet de Moor, Marcel Möring und Cees Nooteboom und wurde ausgezeichnet mit u.a. dem "Martinus-Nijhoff-Preis", dem "Helmut-M.-Braem-Preis" und dem "Else-Otten-Preis".

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Als ich in die Küche kam, konnte ich gerade noch dem nassen Geschirrtuch des Küchenchefs ausweichen. Der Maitre, der neben der Tür stand, bekam es voll ins Gesicht. Es folgte ein Moment der Stille, in dem nahezu die vollzählige weiße Brigade auf den kopflosen Mann starrte. Niemand rührte sich. Dann hörte man einen ergebenen Seufzer. Der Maitre nahm das Tuch von seinem Gesicht, legte es auf einen Tisch, zog die Augenbraue hoch und bedachte den Chef de cuisine mit dem Blick, den Biologen für eine interessante Schneckenart reservieren.
"Du", schrie der Chef, unbeeindruckt von so viel Phlegma, "verdienst es nicht, zu leben! Wenn du deinen pockennarbigen Scheißkopf heute abend noch ein einziges Mal in der Küche zeigst, hack ich ihn eigenhändig ab."
"Leo", sagte ich, während ich in den Raum trat, der die beiden Männer voneinander trennte, "spüre ich da einen leichten Unfrieden?"
Der Koch starrte mich an, als hätte er keine Ahnung, wer ich war. Dann nickte er wild in Richtung des Maitre. "Vier Lachs! Versaut! Weil sie die Teller zu lang haben stehenlassen! Amateure! Hinterwäldler!" Er griff nach einem Stieltopf und hob ihn hoch. Dann ging ihm auf, daß ich zwischen ihm und dem Maitre de service stand. Er ließ den Topf sinken und schüttelte mutlos den Kopf.
"Meine Herren", sagte ich. "Ich habe weder Zeit noch Lust für bilaterale Gespräche. Wir haben die Bude voll, und da hauen ein paar Typen australischen Wein weg, als ob es Cola wär." Ich sah den Maitre an. "Ich möchte, daß sie die restlichen Gänge im Eiltempo bekommen. Schneiden, Rasieren, ein Pfefferminz - und ab die Post, Herr Appelmans. Und zwar ein bißchen dalli."
Der Maitre öffnete den Mund ungefähr fünf Millimeter weit und schien etwas sagen zu wollen, schloß ihn aber wieder, als er meinen Blick sah. Er nickte knapp und verschwand durch die Schwingtür. Der Koch drehte sich brüsk um, schnappte sich einen Topf und schlappte nach hinten. Die Küche erwachte wieder zum Leben. Töpfe wurden auf Herde geknallt, Butter begann zu zischen, und irgendwo hackte jemand mit einem Beil auf eine Lende ein.
Ich verließ die Küche und begab mich nach oben, in den zweiten Stock, wo sich ein Gast über die Rezeption beschwert hatte. Ich drückte die schwere braune Tür zum Treppenhaus auf und stieg zum x-tenmal an diesem Tag nach oben.
Hotel-Restaurant De Witte Bergen hat zwölf Zimmer, verteilt auf zwei Etagen. Der oberste Stock, unter dem Dach, beherbergt das Appartement, in dem ich wohne. Meine Aufgabe als Besitzerin und Direktorin von De Witte Bergen scheint manchmal in erster Linie aus Treppensteigen zu bestehen. Die Zimmermädchen müssen kontrolliert, Zimmer überprüft werden. Es gibt Gäste, die persönliche Betreuung brauchen, und wenn jemand auscheckt, überprüfe ich selbst, ob in dem betreffenden Zimmer neue Glühbirnen nötig sind, die Tapete beschädigt ist oder ob es sonst etwas gibt, worum ich mich kümmern muß. Und dann gibt es noch mein eigenes Appartement, in dem ich wohne, schlafe und esse. Wir haben einen ausgezeichneten Koch, und ich sitze gern an seinem Tisch, bestehe aber darauf, mich an vier Tagen pro Woche selbst zu versorgen. Und so gehe ich täglich unzählige Male von oben nach unten und von unten nach oben.
Nachdem ich kurz bei dem Gast vorbeigeschaut hatte, der sich nicht beschweren, sondern nur wissen wollte, ob er auf seinem Fernseher BBC empfangen könne, ging ich weiter in meine Wohnung, in der die untergehende Sonne eine sanfte orangefarbene Glut auf die Wände legte. Ich machte die Balkontüren weit auf, und eine sanfte Brise wehte den klaren, salzigen Geruch nach Strand und Meerwasser herein.
Ich machte mich im Badezimmer frisch. Obwohl noch früh in der Saison, war es ein warmer Tag gewesen, sogar außerordentlich warm, und wenn mir etwas zuwider ist, dann die Klebrigkeit, die man am Ende eines langen Arbeitstags an sich spürt. Ich wusch mir das Gesicht, puderte die Wangen, fuhr noch einmal mit der Mascarabürste über meine Wimpern und zog mir die Lippen nach. Als ich mir Handgelenke und Hals parfümierte, sah ich mich plötzlich im Spiegel.
"Wirst du es schaffen heute, Liebste?"
"Natürlich. Ich schaff es immer. Weißt du doch."
"Es ist ein harter Tag, warm, lang und hektisch ..."
"Es ist ein hartes Leben, warm und ..."
Ich eilte wieder nach unten. Im ersten Stock sah ich den Gast, den ich "den Oberst" nannte, aus dem Zimmer eines anderen Gastes kommen, einer Frau, der ich noch keinen Namen gegeben hatte, wohl aber eine Rolle. Etwas aus einem Tschechow-Stück, eine kränkelnde russische Antiheldin. Vielleicht "Mascha". Ich ging weiter die Treppe hinunter. Als ich gerade die Schwingtür zum Restaurant aufdrücken wollte, sah ich in der Treppenbiegung einen ungefähr achtjährigen Jungen. Er saß auf dem Boden, Beine gekreuzt, Rücken an der Wand, und ordnete etwas, das wie ein Kartenspiel aussah.
"Tag, junger Mann. Gehörst du nicht zu der Hochzeit?"
Seine rechte Hand wanderte durch den Stapel und brachte ein paar Karten in die richtige Reihenfolge. "Wie heißt du?"
"Florian."
Wenn sie nicht Florian heißen, dann Ziv. Oder Maribel. Vor ein paar Wochen hörte ich am Strand eine Mutter ihr Kind rufen: "Bruce! Hol ma Demi un kumm her!"
Ich zeigte mit dem Kinn auf die Karten und fragte, was er da habe.
Der Junge hielt den Packen hoch. "Pokemon", sagte er. Er fing mit einer langen Geschichte an von den Eigenschaften der Tiere, die auf den Karten abgebildet waren, und wie diese sich eventuell weiterentwickeln konnten.
"Weiterentwickeln ..."
Er nickte und wollte gerade damit loslegen, mir die Finessen der Pokémon-Biologie zu erklären, als ich ihm die Hand auf die Schulter legte.
"Hör zu", sagte ich. "Ich würde das gern wissen, aber ich arbeite hier und kann nicht zu lange fortbleiben, und dich vermissen sie auch bei Tisch."
"Ich find das Essen eklig", sagte er.
"Ach ..." Wir standen auf und gingen die paar letzten Stufen hinunter. Er legte wie von selbst seine rechte Hand in meine linke. "Was hattest du denn?"

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