Bandrika, ein malerisches, aber rauhes und unzivilisiertes Land in Mitteleuropa in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Inmitten schneebedeckter Berge müssen die Passagiere eines Zuges in einem nicht ganz erstklassigen Hotel übernachten, da eine Lawine den Zug am Weiterfahren hindert. Die junge und verwöhnte Iris (Margaret Lockwood) ist darüber nicht ganz unzufrieden, denn in London wartet ihr Verlobter auf sie, und man gewinnt aus ihren Gesprächen mit ihren Freundinnen den Eindruck, als sei ihr stärkstes Motiv zu heiraten nicht so sehr die Liebe, sondern das Gefühl, das Leben bereits ausgeschöpft zu haben. Die britischen Gentlemen Charters (Basil Radford) und Caldicott (Naunton Wayne) hingegen sind über diese Verzögerung am Boden zerstört, fiebern sie doch dem wichtigen Cricket-Endspiel in Manchester entgegen. Zu allem Überfluß müssen sie sich, da das Hotel überbelegt ist, im Mädchenzimmer einquartieren, und auch als sie in den Speisesaal gehen, haben sie Grund, mit dem Schicksal zu hadern, denn es gibt nichts mehr zu essen. Eine freundliche alte Dame, die sechs Jahre lang als Gouvernante in Bandrika gearbeitet hat, Miss Froy (Dame May Whitty), ist indes so freundlich, ihnen ein Stück Käse zu überlassen, und schwärmt ihnen von der Musikalität und den Bergen in Bandrika vor. Dann geht sie auf ihr Zimmer, um den Klängen eines Gitarrespielers vor ihrem Fenster zu lauschen. Dieser wird jedoch, unbemerkt durch die Musikliebhaberin, von plötzlich aus dem Halbdunkel hervorschnellenden Händen erwürgt. Warum nur? Zugegebenermaßen war seine Musik gewöhnungsbedürftig.
Als es am nächsten Morgen weitergeht, nimmt Miss Froy die junge Iris unter ihre Fittiche, die von einem herabfallenden Blumenkübel getroffen worden ist, der von eben jenen Händen aus einem Fenster geschoben wurde, unter dem Miss Froy nach ihrer Tasche suchte. Iris und die alte Dame freunden sich ein wenig an, doch als die junge Frau nach einem kurzen Nickerchen erwacht, ist Miss Froy verschwunden, und keiner der Mitreisenden will sie gesehen haben. Einzig der Musiker Gilbert (Michael Redgrave), mit dem Iris im Hotel eine Auseinandersetzung hatte, ist bereit ihr zu glauben, während der tschechische Nervenarzt Dr. Hartz (Paul Lukas), ein anderer Mitreisender, nur zu bereitwillig ist, Iris Halluzinationen zu attestieren. Verzweifelt versucht Iris, Miss Froy wiederzufinden, wobei ihr und Gilbert schnell klar wird, daß sie sich mit dieser Suche mächtige Feinde machen.
Hitchcock greift in diesem Meisterwerk aus dem Jahre 1938 eines seiner Lieblingsthemen, den verbissenen Kampf seines Helden um seine Glaubwürdigkeit, auf und bettet ihn in eine Spionagegeschichte ein, wobei der Zuschauer ab der zweiten Hälfte des Filmes immer ein wenig mehr weiß als die Protagonistin. Die spannende Handlung wird garniert mit verschrobenem, echt britischem, weil zum Understatement neigendem Humor, der vor allem von den Herren Charters und Caldicott getragen wird. Als Charters beispielsweise von der bandrikischen Polizei angeschossen wird, reagiert er eher pikiert als schmerzgetrieben und schließt entrüstet die Tür des Abteils - British through and through.
Der vornehmlich auf den überspannten Charakteren basierende Humor und die packende Erzählung machen "Eine Dame verschwindet" zu einem typischen Hitchcock-Juwel, einem stimmungsvollen Mikrokosmos von Verbrechen, Komik und Schein und Sein. Darüber hinaus aber glaube ich, daß Hitchcock in diesem Film, weitaus indirekter als in "Lifeboat" sechs Jahre später, eine politische Botschaft transportieren wollte, nämlich eine Stellungnahme gegen die Appeasement-Politik seiner Regierung gegenüber Hitler. In dem Film geht es um geheime Papiere zu einem Bündnis zweier europäischer Großmächte gegen England, Bandrika und seine Einwohner zeigen typische deutsche (österreichische?) und italienische Züge, und die Schurken tragen deutsche oder italienische Namen. Einer der Mitreisenden, der - obwohl er eine Waffe bei sich trägt - sich weigert, an dem Kampf um freie Ausreise aus Bandrika teilzunehmen und sich ergeben will, - nebenbei bemerkt, ein unsympathischer Geselle, wird gnadenlos von den Bösen erschossen. Die Engländer erscheinen darüber hinaus trotz ihrer schrulligen Eigenarten als verläßliche Draufgänger, die in Situationen der Not Ruhe und Umsicht bewahren, und auch Miss Froys Diktum, man könne ein Land nicht nach seiner Politik beurteilen, schließlich seien die Briten ja eigentlich ehrliche Menschen, mag als Kritik gegen die damalige Regierung aufzufassen sein.
Die Qualität der DVD ist leider in keiner Weise geeignet, diesem herrlichen Film Rechnung zu tragen, denn das Bild ist recht unsauber und auch die englische Tonspur ist - im Gegensatz zur deutschen - nicht sehr klar, doch es handelt sich immerhin um einen Film, der 70 Jahre auf dem Buckel hat. Ich merke die Qualität der DVD nur an, beziehe mich in meiner Bewertung allerdings ausschließlich auf den Inhalt des Filmes.
Alles in allem finde ich die Suche nach Miss Froy auf jeden Fall lohnenswert.