Eschbach versteht es, Elemente der Phantasie mit realen Vorgängen und mit Ideen und Gedanken anderer - oft auch (populär)wissenschaftlichen - Autoren zu gut lesbaren Büchern zu komponieren, die durchaus auch "normalen" Lesern Freude bereiten. Eher liegt eine Einschränkung der Zielgruppe in der notwendigen Bereitschaft des Lesers, sich in aller Härte und Deutlichkeit mit den existenziellen Fragen der Menschheit auseinanderzusetzen und dabei auch unangenehme Wahrheiten zu akzeptieren.
Sein Roman zum Beginn unseres Jahrtausends, "Eine Billion Dollar" (gemeint sind 1000 Milliarden Dollar, wozu unsere amerikanischen Freunde "1 Trillion Dollar" sagen würden), lässt John Salvatore Fontanelli, einen jungen amerikanischen Loser italienischer Herkunft, zum Erbe eben dieser Summe werden. Doch mit dem Erbe ist eine Prophezeiung, ein rechtlich nicht verpflichtender, aber dennoch durchaus brennender Anspruch der Erblasser verbunden, die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren.
Das Buch - so empfinden offenbar die meisten Leser - beginnt außerordentlich spannend. Liebevoll werden - grob im ersten Drittel -(fast) alle Aspekte einer solchen Situation szenisch bearbeitet, im zweiten Drittel geht es um die Dialektik der äußerst umstrittenen Fragen, woran die Menschheit letztlich scheitern wird und wie man das - wenn überhaupt - verhindern könnte. Letzteres wird in einer diametralen Gegenüberstellung des etwas naiv gezeichneten John zum ausgeschlafenen McCaine, einem Maniac, verdeutlicht, der eine klare Vorstellung davon besitzt, welches der richtige Weg sein muss.
Die Situation eines wirklich grenzenlos reichen Menschen wird im ersten Drittel erlebbar, in welchem John bei den Florentiner Anwälten lebt, die das Vermögen über die Jahrhunderte verwaltet hatten. Hier ist Eschbach offensichtlich in seinem Element. Die Verführung des Reichtums wird ebenso erfahrbar wie die schleichende Korrumpierung, die damit einhergeht. In dieser Umsetzung für den Leser liegt die Stärke des Buchs, ob es nun um eher persönliche oder eher wirtschaftlich-politische Zusammenhänge geht.
Der dritte Teil führt schließlich durch ein Gemenge von Thrillerelementen, einer Liebesgeschichte und einer etwas versponnenen Philosophie zu einem nicht ganz befriedigenden Ende. Wie in so vielen gut begonnenen Romanen - ich denke gerade an Schätzings "limit" - wird schließlich doch der Druck, das Ganze zu Ende zu bringen, unter Einbußen an Qualität spürbar - aber auch der Drang, alle Entwürfe, die im Laufe der Zeit zusammenkamen, doch noch irgendwie einzubauen. Sozusagen kann Eschbach das Niveau nicht halten, das er selbst vorgegeben hat. Zudem schaut er im Sinne des Wortes dem Volk aufs Maul, ignorierend, dass Probleme, welche die Menschheit als Masse hervorgerufen hat, ganz sicher nicht ohne massives Umdenken eben dieser Masse gelöst werden können.
Solches lässt manchen unbefriedigt zurück - aber auf welchem Niveau! Natürlich ist Eschbach kein Philosoph und Literat wie ein Houellebecq, da sind Welten dazwischen, aber man darf ihm durchaus Qualitäten bescheinigen, die fast an beispielsweise einen Crichton heranreichen. Gute Liebesgeschichten bedürfen nun mal entsprechender Erfahrung, da ist ein 42-jähriger ja wohl noch nicht am Ende aller Chancen. In Fachfragen sollte er vielleicht noch mehr die Auseinandersetzung mit hoch intelligenten Querdenkern als mit durchschnittlich begabten Spezialisten suchen - dann kommen auch die Themen eine Treppe höher.
Für Leser mit Freude an der Diskussion großer Themen bietet der Roman jedenfalls ohne Zweifel nette Anstöße für hitzige Debatten - oder auch zur ganz privaten Reflexion. Während man sich durch für heutige Menschen weitgehend bedeutungsarmes Geschreibe von Pasternak bis Pamuk wochenlang durchkämpfen muss, saugt man die 887 Seiten eines solches Buches mühelos in 2-3 Tagen ein. Das sagt mehr als 1000 zweifelhafte Nobelpreise.
Apropos Preise: Eschbach erhielt für dieses Buch 2004 den Grand Prix de l'Imaginaire (französischer Literaturpreis) in der Kategorie Prix européen.
jury 5* A0419 22.12.2010eg