Ich habe dieses Buch paradoxerweise gleichzeitig mit Betroffenheit, als auch mit Distanz gelesen, und es fällt mir überhaupt erstmals schwer dieser Chronik hier eine Bewertung zu geben, da ich es nicht an den üblichen Massstäben für meine Bewertungen messen kann. Als tagebuchartiger Roman bekäme es bei mir 3 Sterne, Als Chronik, die verdienten 5 Sterne, deshalb unterm Strich 4 Sterne.
Ein Gefühl der Betroffenheit darüber, was diese Frau, die unerkannt bleiben möchte, in den letzten Tagen des Krieges durchgemacht hat und beschreibt. Über das, was auch Millionen anderer Frauen mitgemacht und durchlitten hatten, und über das ich bisher nur wenig gelesen habe. Zuerst das Überleben in den Trümmern Berlins, dann die Rache der Sieger insbesondere durch sexuelle Gewalt und Übergriffe an Frauen, schließlich der Hunger und das verzweifelte Suchen nach Nahrung. So direkt und unverblümt habe ich das bisher noch nie gelesen und es hat mich nicht nur betroffen gemacht, sondern auch schockiert und z.T. angeekelt z.b. wenn beschrieben wird, wie verheerend es für die Frauen war, wenn gerade in der Zeit die Milch versiegt und sonstige Babynahrung nicht zu bekommen war, wenn einem zusammengebrochenen Ackergaul noch bevor er tatsächlich tot ist, aus purem Überlebenskampf das Fleisch von den Rippen geschnitten wird, wenn Frauen sich unter den Eroberern einen Leitwolf suchen, der ihnen die anderen Wölfe vom Hals hält, nach dem Motto: "Augen zu und durch!" oder: " Was mich nicht umbringt, macht mich stärker." Ein Leitwolf, der aber auch hilft zu überleben, indem er Nahrungsmittel beschafft. Das Gefühl, der Frau, sich prostituieren zu müssen, nur damit sie überleben kann.....Wirklich ein harter Tobak!
Distanz zu dem Buch habe ich empfunden, weil die Autorin die schlimmsten Erfahrungen, die eine Frau nur machen kann, scheinbar unberührt, schonungslos und kaltblütig beschreibt, jede Vergewaltigung wird mit einen Synonym "VW" registriert. Da, wo mir z.b. beim Lesen des Buches von Martin Doerry über das Leben der Lilly Jahn und deren Briefe aus dem KZ an ihre Kinder die Tränen kamen, stockt mir hier der Atmen und ich bekomme eine Gänsehaut. Trotzdem, oder auch gerade deshalb bringe ich dieser Autorin meinen grössten Respekt entgegen. Sie ist frei von jeglichem Selbstmitleid und ihre "Kaltblütigkeit" nur Selbstschutz, dabei beschreibt sie Realitäten und " unfassbare Ungeheuerlichkeiten" mit einer fast gläsernen Klarheit, illusionslos und weder beschönigend noch übertreibend. Ein wichtiges Dokument, eine Chronik aus einer Zeit, die bisher nur weitgehend aus der Sicht von Männern beschreiben wurde, aber beileibe kein angenehmes Buch bei dem man sich entspannt im Sessel zurücklehnen kann!