Nachdem ich "Tinker Taylor Soldier Spy" gelesen hatte, war ich erst mal vom Nachfolger "The Honourable Schoolboy" überrascht, dessen Umfang mit fast 700 engbedruckten Seiten in etwa bei den "Buddenbrooks" liegt. Während "Die Buddenbrooks" jedoch drei Generationen umspannen, erzählt le Carré von wenigen Monaten, in denen George Smiley Karlas chinesischen Top-Maulwurf nach Hongkong locken will, um ihn dort einzukassieren. Dabei muss Smiley notgedrungen nach Bill Haydons Entlarvung auf den unbekannten Gelegenheitsspion Jerry Westerby zurückgreifen, der als Journalist den Fernen Osten wie seine Westentasche kennt. In einem Plot, der an Komplexität kaum zu überbieten ist und von George Smiley aus dem Circus heraus orchestriert wird, reist Jerry von Hongkong aus an jeden Hot Spot, den Indochina damals zu bieten hat (Saigon Tage vor dem Abzug der Amerikaner, an den Mekong, zu den Roten Khmer, Phnom Pen, Vientiane, Battabang etc etc). Dabei gelingt es le Carré unaufdringlich, aber zunehmend deutlich zu zeigen, wie tief durchdrungen der Ferne Osten damals noch von einer stichpunktartigen amerikanischen Präsenz ist, die jedoch überall als schmerzhafter Fremdkörper wirkt. Obwohl die Briten in Hongkong die Oberhand haben, ist Smiley gezwungen, auf seiner Suche nach dem Maulwurf mit den amerikanischen Vettern zusammenzuarbeiten - und die Reibereien zwischen dem steifen Briten Smiley und den hemdsärmligen Amerikanern sind ein Highlight des Romans.
Das umfangreiche Konvolut an Roman lebt für mich vor allem durch le Carrés Sprachgewalt. Die ersten 170 Seiten haben mich erst mal wenig überzeugt, und ich hab das Buch zweimal schon aussortiert gehabt, bis ich mir ein drittes Mal einen Ruck gegeben habe. Dann hat mich der Plot nicht mehr losgelassen, aber noch mehr war es für mich der einzigartige Sprachstil, der dem Buch sein Leben einflößt. Ganz herrlich der trockene Humor, oft nur in einem Satz oder einer Phrase. Smileys superbritische public school Sprechweise des Understatements ist superb eingesetzt. Zum Beispiel: Selbst als sich die Ereignisse auf den allerletzten Seiten in kürzester Zeit überschlagen, verliert Smiley nicht die britische Façon: "Peter," Smiley said quietly. "I see there's a telephone behind you. Perhaps you'd be good enough to hand it to me." Da wundert es wenig, wenn Smileys bodenständige amerikanische Pendants in der Krise ihre Façon verlieren!
Ein cleverer Zug le Carrés ist es, die Handlung im Rückblick zu erzählen - die ersten 4 Seiten deuten schon eine Interpretation der Ereignisse in den folgenden 700 an, die unklar ist, aber doch irgendwie unheilvolle Schatten vorauswirft. Solche immer in Rückblicke gewandeten ominösen Andeutungen fließen ab und zu ein, meist nur als ein Satz, so dass man was ahnt, ohne was zu wissen, z.B.: "It has been laid at Smiley's door more than once since the curtain was rung down on the Dolphin case that now was the moment when George should have gone back to Sam Collins and hit him hard and straight just where it hurt."
Dieses unterschwellige Gefühl von Momenten des Scheiterns pointiert die Ereignisse im Roman gekonnt, so dass immer mehr Spannung erzeugt wird und immer mehr Neugier aufkommt, was wohl am Ende passiert. Und hier enttäuscht le Carré nicht, mehr soll nicht verraten werden!
Eigentlich 5 Sterne, aber da es mir das Buch anfangs über viele Seiten schwer gemacht hat, einen Zugang zu finden, 1 Stern Abzug.