Verdammte, Engel, Parasiten
Drei schwarze Thriller aus Frankreich
Das Wort Unterhaltungsliteratur weckt die Vorstellung von Belustigung und Zeitvertreib. Dabei hat die so bezeichnete Literatur oft nichts Belustigendes an sich. Im schlechteren Fall bebt sie vor melodramatischem Ernst. Im besseren Fall führt sie uns mit Lakonie und kritischem Blick auf eine Reise ans Ende der Nacht. Im Bereich des Krimis und Thrillers hat diese dunkle Seite des Genres einen eigenen Namen: Roman noir. Die Herkunft der Bezeichnung deutet schon an, dass Frankreich eine Hochburg des schwarzen Thrillers bildet. Im Folgenden werden drei französische Beispiele aus den neunziger Jahren vorgestellt.
Jean-Claude Izzo, geboren 1945, begann erst mit fünfzig Jahren, Kriminalromane zu schreiben. Seine Karriere als Krimiautor war kurz, aber nachhaltig. Als er am 26. Januar dieses Jahres in Marseille an Lungenkrebs starb, ehrte ihn «Le Monde» mit einer ganzen Seite. Während Izzo durch die Achtundsechziger-Bewegung beeinflusst war, gehören Laurence Démonio und Tonino Benacquista, Jahrgang 1960 und 1962, einer jüngeren Generation von Noir-Autoren an.
Banlieue und Nobelszene
Die Protagonisten des Roman noir sind keine glatten Helden wie James Bond oder Commissario Brunetti, sondern gebrochene Figuren. Fast unvermeidlich befinden sie sich in einer Opferrolle. Nicht dass sie unbedingt Verbrechen zum Opfer fallen, wohl aber Verhältnissen, die ihrer Kontrolle entgleiten. Fabio Montale, die Hauptfigur in Izzos «Total Cheops», wird als Polizist in den Einwanderervororten von Marseille eingesetzt. Schon bald beginnt er, wie seine Kollegen sagen, «abzugleiten». Er versteht sich weniger als Polizist denn als Sozialarbeiter, was dazu führt, dass er sich, frustriert und erfolglos, bei der Polizei in die Isolation manövriert. Als zwei Jugendfreunde Montales gewaltsam umkommen und eine junge Frau, die er liebte, brutal vergewaltigt und ermordet wird, geraten seine Aufklärungsversuche an den Rand einer persönlichen Rache. Ohne offizielle Rückendeckung verfängt er sich in einem undurchdringlichen Gestrüpp von Polizeifallen, Mafiakämpfen und rechtsextremen Umtrieben. Eindringlich und genau schildert Izzo dabei das Leben in den Einwanderervierteln und die Spirale aus Armut, Ausgrenzung und Gewalt.
Schreibt Izzo über die «Wut der Verdammten» von Marseille, so Tonino Benacquista über den Witz der Parasiten von Paris. Seine jugendlichen Helden in «Die Absacker» sind Nachtschwärmer, Aussenseiter mit Abitur, aber ohne Beruf, die ihr erstes Arbeitslosengeld in einen Smoking investieren, um sich bis in die frühen Morgenstunden durch die Partys der Pariser Nobelszene zu schnorren. Als ein merkwürdiger älterer Herr die beiden Freunde zwingt, einen Kollegen von ihnen aufzuspüren, einen echten Profiparasiten, verwandeln sich die nächtlichen Trips in einen Albtraum.
Auch Laurence Démonios Thrillerdébut «Eine Art Engel» erzählt von einem jugendlichen Protagonisten. Vom Alter her ist er fast noch ein Kind, von der Erfahrung her ein abgebrühter Mann. Seit seinem zehnten Jahr wird der inzwischen sechzehnjährige Ange von einem Unterweltboss zur Prostitution genötigt. Als er aus dem Milieu auszubrechen versucht, wollen die Gangster ihn totschlagen. Ange überlebt den Anschlag schwer verletzt. Démonio zeigt das Missbrauchsopfer als kampfgewohnte Überlebensmaschine. Unfreiwillig, weil Ange gelegentlich nur seine Freundin aus den Händen des Schlepperrings befreien will, verwandelt sich der «schöne Engel» des Zuhälters in einen Racheengel.
Démonio überzeugt zunächst durch ihren lakonischen Stil. Anders als «Die Absacker» und «Total Cheops» ist «Eine Art Engel» kein Krimi mit einer Geheimniskonstruktion, sondern ein offen erzählter, temporeicher Thriller. Auch die Idee, dass sich die Folgen des Missbrauchs paradoxerweise in einer äusseren Stärke, dem Überlebenswillen, niederschlagen, spricht für den Roman. Démonio verwendet das Bild der Körpermaschine, die allen Widrigkeiten zum Trotz weiterläuft; um den Preis freilich, dass Ange seine Empfindsamkeit eingebüsst hat. Leider erweist sich der Handlungsverlauf als ziemlich vorhersehbar, und dadurch, dass Ange gleich drei Frauen beigesellt werden, die seine Fähigkeit zu tieferen Gefühlen wieder anregen, droht der Roman ins Melodramatische abzurutschen.
Zweierlei Melancholie
Der Polizist Montale in Izzos «Total Cheops» ist ebenfalls von einem ganzen Tross Frauen umgeben, die seinen Weltschmerz lindern. Dieses Klischee der weiblichen Rolle scheint unverwüstlich. Bei Izzo fällt es weniger störend ins Gewicht, weil ein engagierter und scharfsichtiger Sozialrealismus die Darstellung dominiert. Fragt man aber, was der Roman darüber hinaus ästhetisch aufzuweisen hat, so stösst man auf jenen melancholischen Humanismus, bei dem die Sozialkritik und die Schwermut des Protagonisten sich ineinander spiegeln und dieser, verzweifelt auf der Suche nach dem «richtigen Leben», nur in kurzen Momenten sinnlichen Glücks und in der Erinnerung ans Vergangene vorübergehenden Trost findet. Das ist kein gerade neues oder aufregendes Konzept. Benacquistas «Absacker» sind demgegenüber frecher und origineller. Während Démonio die Allegorie und Izzo die Milieuschilderung bevorzugt, mischt Benacquista beide Verfahren. Seine Darstellung des Pariser Nachtlebens steckt voller Details, und die Parasiten liefern ihre Soziologie gleich selbstironisch mit. Andererseits werden die Nachtgeschöpfe von etwas befallen, das der Erzähler «die Krankheit» nennt: einer «Angst vor dem anbrechenden Tag» und dem täglichen Leben. Diese Krankheit, die dazu verdammt, durch die Nacht zu streifen, wird mit dem Motiv des Vampirismus assoziiert. Tatsächlich trifft der Protagonist auf Parasiten, die anderen an die Kehle gehen. Aus der Milieubeschreibung erwächst bei Benacquista durch anregende Bildkombinationen eine eigene poetische Welt, die Witz und Schwermut in der Waage hält. Izzo mag man des spannenden Sozialreports wegen lesen, aber ästhetische Impulse bietet eher Benacquistas Roman.
Lutz Krützfeldt