Die hilfreichsten Kundenrezensionen
8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Psychiatrie in Portugal vor der Nelkenrevolution, 19. April 2003
Die Wirklichkeit ist nicht immer so, wie wir es wünschen. Idylle ist nicht immer Idylle, Ideale zerbrechen. António Lobo Antunes erzählt "Das Meer des Algave ist aus Pappe gemacht wie die Kulissen im Theater, und die Engländer merken es nicht: Sie breiten gewissenhaft die Handtücher auf den Sägespänsand aus, schützen sich mit dunklen Brillen gegen die Papiersonne, spazieren begeistert über die Bühne von Albufeira..." Es ist 1973, Lobo Antunes kehrt aus dem Angolakrieg zurück und beginnt im Hospital Miguel Bombarda in Lissabon zu arbeiten. Psychiater ist er geworden, um die inneren Welten von psychisch Kranken zu verstehen, "ihre Mondsprachen und die gerührten oder haßerfüllten Aquarien ihrer Hirne, in denen sterbend die Fische der Angst zugange sind." Doch zutiefst schockiert über das menschenunwürdige Dahinvegetieren der mit Psychopharmaka, Elektroschock und Insulin-Koma-Therapie behandelten Patienten, die wie gehorsame, willenlose Tiere mit erloschenen Augen auf den Stationsgängen schleichen, erkennt - aus dem Krieg heimkehrend - Antunes, dass er erst jetzt einen "Einblick in die Hölle" bekommt. "Die 5. Station, ganz oben in der Anstalt, zu der man mit einem riesigen Fahrstuhl gelangt, der sich unter panischem Kreischen von Stockwerk zu Stockwerk weint, war...ein trauriges Fegefeuer, das die Psychiater vergebens aufzuheitern versuchten, indem sie die Wände mit Spiegeln pflasterten, die die grauen Gestalten der Kranken, ihre erbärmliche Lage als Gefangene zurückwarfen..." Psychiater bezeichnet Antunes als "Kerkermeister" und Psychoanalytikern gibt er satirisch eins über die Mütze: "Für sie existiert im Universum nichts außer einer Mutter und einen Vater, die beide titanenhaft, riesig, beinahe kosmisch sind, und einem auf den Anus, den Penis und Mund reduzierten Kind, das mit diesen beiden unerträglichen Geschöpfen eine ungewöhnliche Beziehung unterhält, in der Spontaneität und Freude ausgeschlossen sind." Der Autor macht sich schließlich Vorwürfe, nicht den Mut gehabt zu haben, der Psychiatrie den Rücken zu kehren. Entmutigend was der Autor hier schreibt, doch dürfen wir während der Lektüre nicht vergessen, dass Lobo Antunes über die Zustände der Psychiatrie in Potugal schreibt, als das Land noch unter einem diktatorischen Regime lag. Die Psychiatrie hat seither große Fortschritte gemacht. Insulin-Koma-Therapie ist abgeschafft, weil sie mit zuviel Risiken verbunden ist. Elektrokrampftherapie wird in Deutsachland wenig angewandt; nicht jede psychiatrische Klinik hat die dazu nötigen Apparaturen. Inzwischen gibt es sog. 'atypische Neuroleptika' , bei denen unangenehme extrapyramidal - motorische Nebenwirkungen ausbleiben. Dem Roman hätte ein aufklärendes Nachwort hierzu gut getan, denn schließlich gibt es Patienten, die sich aufgrund medikamentöser Therapie zumindest zeitweise von der Hölle der Psychose verabschieden können. Die einzigartigen metaphereichen Landschaftsbeschreibung bieten einen Lichtblick. Auf António Lobo Antunes' Krankenstationen war es zappenduster.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Holpriger innerer Monolog, 24. Juni 2011
Die Rahmenhandlung dieses erstmals 1983 erschienenen Romans ist ein langer, autobiographischer innerer Monolog: der Erzähler hat ärztlich verordnete Sommerferien am Algarve verbracht und reist mit dem Auto zurück, durch den Aletejo und durch Lissabon nach Praia das Macas, in der Nähe von Sintra. Während der Fahrt werden Erinnerungen wach, an das eigene Familienleben, an den Zwangsaufenthalt als Militärarzt im angolanischen Kolonialkrieg, hauptsächlich aber an die Erfahrungen, die er danach, von 1973 an, als Arzt im psychiatrischen Krankenhaus Miguel Bombarda in Lissabon sammelte. Die Erinnerungsfetzen aus dem Krieg sind erwartet drastisch, aber das Übergewicht der Erfahrungen aus der psychiatrischen Praxis macht deutlich: mit der Hölle ist diese gemeint. Der Erzähler leidet an dem gleichgültigen und unmenschlichen Umgang mit den Kranken, er leidet daran, wie er selbst Teil dieses Systems wird, das hauptsächlich danach trachtet, Patienten ruhigzustellen, anstatt sich ihrer anzunehmen. In einzelnen Rückblenden verschwimmt die Grenze zwischen dem Erzähler und den Kranken; geradezu verstörend wirkt eine Episode, in der der Erzähler sich in der Rolle eines gerade eingewiesenen findet und in den zerstörerischen Kreislauf der dauernden Sedierung gerät. Andere Episoden sind mit grimmiger Ironie aufgeladen, bei der die Komik schier erfriert. "Einblick in die Hölle" ist eines der zugänglicheren Bücher von António Lobo Antunes. Dies gilt trotz einiger unübersehbarer formaler Schwächen, die die Lektüre unnötig erschweren. Dazu gehört ein keinem System gehorchender ständiger Wechsel der Erzählperspektive zwischen erster und dritter Person, zusätzlich aber auch eine Metaphorik, die stellenweise sehr bemüht wirkt. Was das Verständnis des Textes aber erleichtert, ist, dass die Geschichte wenigstens in der Rahmenhandlung eine Richtung hat, nämlich die nächtliche Reise durch den Süden Portugals. Entlang dieses Strangs sind die einzelnen Episoden der Erinnerung aufgereiht, wenn auch ohne chronologische Abfolge. Außerdem kann man, wenn man die nötige Kondition dafür aufbringt, die Geschichte fast wie in Echtzeit lesen: die rund 280 Seiten der Rahmenhandlung umfassen eine Zeitspanne von etwa 15 Stunden. Bei allen Qualitäten des Buches: leider keines der ganz großen Werke dieses Autors. Stilistisch noch nicht so ausgereift wie die späteren Romane, in der Erzählperspektive etwas unentschlossen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sehr gut!, 30. Juli 2003
Von Ein Kunde
Das Magazin Plaque bietet neben ausführlichen Interviews mit bekannten Autoren einen sehr guten Überblick über die avantgardistische Comicszene neben dem Mainstream in Italien. Um einen Vergleich zu wagen, qualitativ und inhaltlich steht dieses Magazin der schweizer Zeitschrift Strapazin in nichts nach. Einziger Kritkpunkt ist eventuell das kleine A5-Format und das geplante einmalige Erscheinen pro Jahr. Beides führt aber nicht zu einem "Sternabzug".
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|