Franz Kafkas "Verwandlung" ist mit ihrer beklemmenden Präzision und Einfachheit in der Darstellung des Grotesken einfach unübertroffen. Gregor Samsa ist eigentlich das Lebenselixier seiner Familie, mit ihm steht und fällt alles - scheinbar: Der junge Handlungsreisende bringt das Geld nach Hause, hilft die Schulden des bankrotten Vaters abzutragen, plant die Förderung der hochmusikalischen Schwester Grete, aber plötzlich kann er nicht mehr: Er ist ein Mistkäfer geworden. Vom Vater wird er auch so behandelt. Der schlägt seinen Sohn beim ersten Anblick des "Ungeziefers" mit dem Stock in die Flucht und verletzt ihn später mit einem Apfelwurf. Die Mutter weint die ganze Zeit und ist mit den Nerven am Ende, aber richtig helfen kann sie auch nicht. Die umtriebige Schwester dagegen kümmert sich zunächst liebevoll um den entstellten Bruder und versorgt ihn mit Nahrung. Sie ist merkwürdigerweise aber auch die erste die dazu aufruft, Gregor loszuwerden, nachdem dieser drei im dritten Kapitel neu ins Geschehen eingetretene Untermieter - die Samsas brauchen das Geld - erst zu Ekelattacken und dann zum Auszug getrieben hat, als diese andächtig Gretes Violinspiel lauschen wollten. Nachdem Gregor vernommen hat, dass man ihn loswerden will, erlischt sein Lebensmut und er stirbt. Ausgerechnet die resolute Haushaltshilfe, nicht Vater, Mutter oder Schwester findet ihn tot auf. Die, inzwischen wundersam zu tätigem Geschäftsgeist erwacht und unabhängig von Gregor, trauern kurz, sehen dann aber doch ein, dass es so am besten für alle ist.
Anders als Kafkas große Romane besticht diese kurze Erzählung durch Prägnanz und Geschlossenheit. Jeder Satz wirkt in seiner exakt vermessenen Vollkommenheit wie ein frisch gepelltes Ei. Kritiker bemängeln den Verlust der Gregor-Perspektive nach dessen Tod und sehen darin einen Bruch. Ich finde den plötzlichen Anbruch des hellen Tages und den befreienden Aufbruch der Familie nach draußen bei herrlichem Wetter in seinem krassen Kontrast zu der ansonsten, d.h. zu Gregors Lebzeiten, stets düster-dumpf-muffigen Kammeratmosphäre in seiner erschütternden Folgerichtigkeit makellos. Es könnte gar keinen passenderen und zugleich grausameren Abschluss für diese Tragödie einer Marginalisierung und dadurch bewirkten Entkräftung geben. Gregor fällt einer Kolonie von lethargischen Schmarotzern zum Opfer, die ihn systematisch aussaugen und schließlich leblos zurücklassen. Die bittere Ironie liegt also darin, dass Eltern und Schwester das wahre "Ungeziefer" in dieser Geschichte sind.
So schlicht und so ergreifend kann Weltliteratur sein, hier vorgelegt in einer famosen Schülerausgabe mit den wichtigsten anderen Kafka-Erzählungen (Hungerkünstler, Strafkolonie, Urteil, Brief an den Vater) und einer informativen Bildergalerie, die Kafkas Familie zeigt.