Um es kurz zu machen, ich halte die Rezension meines Vorschreibers für albern, nicht durchdacht und penälerhaft. Wedekinds Drama des "Fin de Siecle" zeigt klar und deutlich die kulturellen und seelischen Beschränkungen dieser Zeit auf, das Werk selbst ist eindeutig und nachweislich durch Freuds Psychoanalyse geprägt. Nach den Maßstäben der meisten heutigen Menschen, die im übrigen glauben, sie seien ja ach so aufgeklärt, muss uns die verklemmte Sexualmoral des damaligen Bürgertums natürlich absurd vorkommen. Wedekind durchleuchtet den Zustand des Bürgertums, nicht des Proletariats, er will unter gar keinen Umständen Vergleiche anstellen; es handelt sich also um ein Psychogramm einer bedeutenden Gsellschaftsschicht, aus der später noch viel Unheil dräute, nicht um ein gesamtgesellschaftliches Soziogramm. Darüber hinaus ist "Frühlingserwachen" immer auch als Kunstwerk zu betrachten und als solches kann es den Wunsch nach einem "Bravo - Aufklärungsartikel im Sozialkontext" natürlich nicht erfüllen, da sollte mein Vorredner lieber zu Rosamunde Pilcher greifen. Zur Aktualität: Haben Sie überhaupt schon mitbekommen, dass heute die Rate der Teenager-Schwangerschaften immer weiter ansteigt und das auch noch mit Rückendeckung seitens der Politik und der Kirche? Unsere Gesellschaft befindet sich teilweise wieder auf dem Weg "back to the 50's", auch viele meiner Schüler entwickeln langsam aber sicher eine altbackene Sexualmoral. Wedekind sollte in jedem Fall ab der 10. Klasse am Gymnasium wieder gelesen werden!
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