"Ein winziger Makel" ist ein sehr empfehlenswertes Buch. Es ist wie eine Sinfonie, sehr stimmig komponiert. Interessante Charaktere, packende Lebensgeschichten, wenn auch nur winzige Ausschnitte davon. Den roten Faden in dieser Generationengeschichte bildet die Beziehung jeder Figur, aus deren Sicht der Ausschnitt jeweils erzählt wird, zu ihrer Mutter: zunächst der jüngste Familienspross Sol, deren Mutter ihm nichts abschlagen kann, ihn derart vergöttert, dass er selbst in Allmachtsfantasien schwelgt und in narzistischer Manier der Gewissheit seiner eigenen Genialität huldigt. Sein Vater Randall, der die Hauptfigur und den Ich-Erzähler der zweiten Geschichte darstellt, leidet unter seiner karrierebesessenen Mutter, die die Leiden jüdischer Kinder im und nach dem zweiten Weltkrieg mehr zu berühren scheinen als diejenigen ihres leibhaftigen Sohnes. Jeden Spaß scheint sie ihm verderben zu wollen, was seine Liebe zu ihr jedoch nicht beeinträchtigt. Die Geschichte eben dieser Mutter ist die dritte der insgesamt vier Geschichten. Statt bei ihrer Mutter wächst diese Figut bei den humorlosen, knöchernen Großeltern auf, die ihr zwar gute Manieren beibringen, ihr jedoch Zätlichkeit und Verständnis gänzlich verweigern. Wie ein Paradiesvogel erscheint dagegen hin und wieder ihre Mutter, die schillernde und berühmte Sängerin, die einen unsteten Lebenswandel führt, aber für jeden Spaß zu haben ist. Wie diese Mutter zu der geworden ist, die sie ist, erfährt der Leser in der letzten Geschichte, in der die Fäden gleichsam zusammenlaufen, in der sich die Andeutungen und offenen Fragen auflösen und die Erzählung sozusagen in der Vergangenheit ihr Ende nimmt.
Es ist ein ernstes Buch, bei dem man auch schmunzeln darf, ein Märchen, welches sich genau so zugetragen haben könnte, eine Generationensaga voller Dramen, aber auch voller glücklicher Momente, eine ebenso moderne wie altmodische Geschichte. Um mit Geschichten über das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit keinen Widerwillen und Überdruss zu erregen, muss eine Autorin eine wunderbare Erzählerin sein. Nancy Huston ist es.