Mit der stilistischen Sicherheit des Literaturwissenschaftlers schildert Matthias Wegner die Lebensgeschichte dieser außergewöhnlichen Frau, und er bewegt sich dabei fernab der reißerischen Biographien gegenwärtiger Möchtegern-Stars. Man muss dieses Buch langsam lesen, manchen Absatz auch zweimal, um der Weitläufigkeit der Ausführungen folgen zu können. Der geschichtliche Hintergrund ist nicht neu, aber immer wieder unfassbar in seiner grausamen Radikalität: die Außerkraftsetzung geschriebener Gesetze, Juristische Willkür, die Massenhysterie bei einem Aufmarsch der NSDAP-.
Und mittendrin in dieser verstörenden Zeit Isa Vermehren. Die nach liberalen humanistischen Idealen erzogene Isa trat zwischen 1933 und 1935 als „Mädchen mit der Knautschkommode" im Berliner Kabaretttheater „Katakombe" auf, einem Theater, das sich bis zu seiner erzwungenen Schließung im Mai 1935 haarscharf an der Grenze der damals zulässigen politischen Aussagen bewegte und wiederholt durch Gestapomitarbeiter bespitzelt wurde. Aus einer evangelischen Familie stammend konvertierte Isa noch vor dem Ausbruch des 2.Weltkriegs zum Katholizismus. Sie entschied sich für einen Glauben, der sich als so stark erweisen sollte, dass er auch die Hölle eines Konzentrationslagers überdauerte, und die 33 Jährige schließlich dazu veranlasste, das Ordensgelübde auf Lebenszeit abzulegen, um als Nonne zu leben.
Es gelingt Wegner, deutlich zu machen, dass Isa Vermehren sich in allen Entscheidungen ihres Lebens immer auf eine innere Kraft stützen konnte, noch bevor sie sich endgültig ans Kloster band. Es gab für sie kein unerreichbares Ziel, die Herausforderungen die das Leben ihr-, oder die sie sich selbst stellte, war sie entschlossen zu meistern. Nicht nur im Konzentrationslager sah sie sich mit einer Situation konfrontiert, die manchen Anderen in die Resignation getrieben hätte, auch nach dem Krieg bemühte sie sich mit zäher Beharrlichkeit um eine Aufnahme in den Sacré-C½r-Orden, der sie zunächst aufgrund ihres Alters und ihrer Vergangenheit mehrfach abgelehnt hatte, und als die Aussicht, nach dem Studium als Lehrerin an der Schule des Ordens zu arbeiten sie zunächst überhaupt nicht begeisterte, da sie ihr Studium als „fast vernichtende Herausforderung" empfunden hatte, gewann sie mit der ihr eigenen Ausstrahlung die Sympathie ihrer Schüler letztendlich doch für sich und wurde zu einer hochgeschätzten Pädagogin.
Sehr dicht liest sich die Biographie an jenen Stellen, an denen es um Isa Vermehrens
persönlichen Gedanken und Entscheidungen geht, um ihre Auftritte im Kabarett und die in dieser Zeit aufgeworfenen Fragen nach dem tieferen Sinn im Leben, um ihre Hinwendung zum katholischen Glauben und die späteren Schwierigkeiten des vom Orden geforderten Deutsch- und Englischstudiums. Gerade an diesen persönlichen und authentischen Stellen der Biographie wünscht man sich manchmal, Genaueres zu erfahren, als der Autor in seiner geschichtlichen Betrachtungsweise preis gibt: So bleibt beispielsweise die Schilderung der Jahre im Konzentrationslager knapp, wie aus einer historischer Distanz betrachtet, und auch den 14 Jahren, die Isa Vermehren als Schulleiterin der Sophie-Barat-Schule tätig war, widmet Matthias Wegner nur 23 Seiten des 368 Seiten starken Buches.
Im Bezug auf die KZ-Erfahrung bietet sich dem Leser natürlich die Möglichkeit, Isa Vermehrens im rororo Verlag erschienenes Buch „Reise durch den letzten Akt" zu lesen, in dem sie die Erlebnisse in Ravensbrück, Buchenwald und Dachau thematisiert.
Im Verlauf der Lektüre klingt heraus, dass Matthias Wegner selbst nachhaltig von Isa Vermehren beeindruckt worden ist, insbesondere, da er auf eigene Erfahrungen aus der geschilderten Zeit zurückgreifen kann-, wobei er vielleicht besser daran getan hätte, persönliche Betroffenheit und Begeisterung offen zu äußern, als sie etwas verschämt in Klammern den Zitaten Isa Vermehrens nachzustellen oder den Leser mit ebenfalls in Klammern stehenden Ausrufezeichen auf die Wichtigkeit einer Aussage hinzuweisen.
Am Ende des Buches wird klar, dass die beiden Leben der Isa Vermehren nicht so unvereinbar sind, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Es erscheint vielmehr logisch, dass ein junges Mädchen, das seinen Lebensunterhalt in der wechselhaften Scheinwelt von Kabarett und Film verdient hatte, sich im tiefsten Innern nicht von diesem Leben ausgefüllt fühlte und sich auf die Suche nach einem weiter gehenden Sinn in ihrem Leben begab. Sie fand diesen Sinn im katholischen Glauben mit seinen alten, fest umrissenen Regeln und Ritualen.