Die Literatur-Szene hatte sehnsüchtig darauf gewartet, wie der Großschriftsteller Grass auf die Wende reagieren würde - und war entsetzt. Reich-Ranicki verriss das Buch gnadenlos, auch die übrigen Pressestimmen waren überwiegend negativ. Warum wohl?
An Grass Skepsis der Wiedervereiingung gegenüber, die in diesem Buch fast auf jeder Seite thematisiert wird, kann es nicht gelegen haben: die war aus seinen Wortmeldungen, Aufsätzen und Reden hinlänglich bekannt. Vielleicht lag es doch eher an der fast hermetisch anmutenden Herangehensweise an das Thema, das die lesende Öffentlichkeit verstört hat.
Hauptperson des Romans ist der Ost-Berliner Bürobote Theo Wuttke, ob seiner Fontane-Obsession Fonty genannt. Sein Leben spiegelt in allen Facetten das Leben von Theodor Fontane wieder, von den Namen und Charakteristika der Kinder an bis zu den sonstigen Beziehungen. Fonty wird meist begleitet von Hoftaller, seinem "Tagundnachtschatten", dem ewigen Spitzel, seinerseits wiederum eine Leihgabe aus Hans Joachim Schädlichs Roman "Tallhover". Diese beiden Zentralfiguren erleben nun im "Weiten Feld" den Mauerfall, die Wiedervereinigung und die "Abwicklung" des DDR-Vermögens durch die Treuhand. Dabei spiegelt Grass die Geschehnisse von 89 und der folgenden Jahre immer wieder an der Biografie Fontanes, stellt Bezüge zur Geschichte Preussens her und lässt ein Panoptikum an Figuren auftreten, die alle in Bezug zu Fontanes Leben und Werk stehen.
Und hier fangen für mich als Leser die Probleme an. Denn ohne eine gründliche Kenntnis von Fontanes Leben und seiner Bücher ist "Ein weites Feld" kaum verständlich und löst über weite Strecken Verwirrung und auch Langeweile aus. Grass geht hier den umgekehrten Weg mancher früheren oder auch späteren Werke. Brachte einem "Der Butt" z.B. die Geschichte der Kaschuben näher oder beleuchtete "Im Krebsgang" den Untergang der "Gustloff", verbanden also das literarische mit dem historischen Erzählen, so setzt hier Grass bei seinen Lesern eine Kenntnis Fontanes voraus, die die wenigsten mitbringen werden. (Auch ich bin nur mit den biograpfischen Eckdaten und "Effi Briest" vertraut, die ich als sehr sperrige Lektüre in Erinnerung habe).
Was die Lektüre auch für den Fontane-Laien geniessbar macht, sind die immer wieder auftauchenden Zeugnisse von Grass erzählerischer Brillianz, als Beispiel seien hier die beiden Hochzeitskapitel ungefähr in der Mitte des Buches genannt. In diesen Stellen ist wieder all das spürbar, was ihn zum wohl größten deutschsprachigen Erzähler des 20. Jahrhunderts macht.
Ansonsten leider: unfassbar toll recherchierte, aber am Leser oft vorbeigehende Brillianz um der Brillianz willen.
Fazit: Der Wende-Roman von Günter Grass entpuppt sich als mühsame Lektüre, die wohl nur von Fontane-Spezialisten genossen werden kann.