Steve "Ev" Everett ist Kettenraucher, trockener Alkoholiker und ein notorischer Fremdgänger. Doch er hat eine herausragende Eigenschaft: seinen beinahe untrüglichen Riecher, auf den er sich blind verlassen kann. Und genau jener gute Riecher sagt dem Reporter, dass der farbige Mechaniker Frank Beechum, der eine schwangere Tankstellenkassiererin erschossen haben soll und nun in einer Todeszelle in St. Quentin sitzt, unschuldig ist. Die Zeit dies zu beweisen ist äußerst knapp, denn heute um Mitternacht soll Beechum per Giftspritze hingerichtet werden. Für Ev beginnt nun ein schier aussichtsloser, gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit...
Eher durch Zufall bin ich über diesen mir bislang nicht bekannten Film gestolpert. Da mich das kontroverse Thema der Todesstrafe schon immer interessiert hat und Clint Eastwood, der hier wieder mal den Part der Hauptrolle sowie des Regisseurs übernommen hat, eigentlich immer ein Garant für gute Qualität ist, habe ich mir den Streifen ausgeliehen - und es keine einzige Sekunde bereut. Der Film zeichnet all seine Figuren sehr lebensnah, was ihn somit noch eindringlicher und authentischer macht. Die Darsteller sind durchweg brillant und einfach perfekt besetzt - von den fantastischen Kinderdarstellern - die drollige Francesca Fisher-Eastwood überzeugt hier ebenso wie die noch putzigere Penny Bae Bridges als Gall Beechum, deren verzweifeltes Ringen um Verständnis der Situation, die doch so unbegreiflich für sie bleibt, schlicht herzzerreißend ist - über James Woods als schmierigen Zeitungsboss Alan Mann bis hin zu Bernard Hill (Theoden aus "Herr der Ringe") als menschelndem Gefängnisdirektor Luther Plunkitt. Besonders hervorzuheben neben den tollen Nebendarstellern sind hier Isaiah Washington (in erster Linie wohl aus "Grey's Anatomy" bekannt) als zum Tode Verurteilter, der sein Schicksal schon fast stoisch erträgt und durch sein Charisma und seine Glaubwürdigkeit von Anfang an die Sympathien der Zuschauer auf seiner Seite hat, sowie Lisa Gay Hamilton als seine Frau Bonnie, die bis zuletzt an seine Unschuld sowie die Gerechtigkeit glaubt. Neben der sehr mitreißenden und bewegenden Dramaturgie begeistert "Ein wahres Verbrechen" auch durch seine vielen sozialkritischen Untertöne, die dezent gesetzt werden und sehr zum eigenen Nachdenken anregen. Unterschiedliche zwischenmenschliche Beziehungen (wobei hier Evs zunehmend zerbrechende Familie und Beechums starker Familienzusammenhalt als Art Kontrastprogramm fungieren) werden dabei ebenso thematisiert wie die Scheinheiligkeit der Religion (wobei der verbohrte, verblendete Reverend Shillerman - gespielt von Michael McKean - ein nicht allzu gutes Licht auf die christliche Religion wirft) und der Gesellschaft (was sich in den rassistischen Vorurteilen, vor allem in Bezug auf Beechum, zeigt) sowie die ewig kontroverse Diskussion um den Sinn der Todesstrafe als adäquates Mittel der amerikanischen Justiz.
Wer nach dem packenden Filmgenuss noch mehr erfahren will, findet auch noch diverses Bonusmaterial. Neben einem stimmungsvollen Musikvideo von Diana Krall, die den Titeltrack "Why Should I Care?" gibt, und dem USA- Kinotrailer finden sich noch ein hochinteressantes Interview mit dem Pulitzerpreisträger Ray Herdon ("True Crimes: True Stories"; 22 min.; dessen detaillierter Bericht über ein ähnliches wahres Schicksal zwar nicht die Basis für den Film darstellt, dennoch aber ähnlich bewegend ist) und die weniger spannende Dokumentation "The Scene of the Crime" (9:30; die eher einer Anordnung von Interviewschnipseln gleicht und viel Lobhudelei, aber leider nur wenig Informationsgehalt oder Substanz bietet). Beide Featurettes lassen sich mehrfach untertiteln (Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch, Italienisch), der Film zudem in zahlreichen weiteren Sprachen (neben den fünf bereits genannten noch insgesamt 14 weitere, darunter Norwegisch, Dänisch, Türkisch und Tschechisch sowie zusätzlich Englisch und Deutsch für Hörgeschädigte).
"Ein wahres Verbrechen" fesselt mühelos für zwei Stunden, die wie im Fluge vergehen und in denen man eine emotionale Achterbahnfahrt miterleben kann. Ein packendes, unvergessliches Meisterwerk, das trotz der humorvollen Zwischentöne und dem hohen Unterhaltungswert zum Nachdenken anregt und lange nachwirkt. Gerade auch wegen der passabel ausgestatteten DVD sollte man sich diesen großartigen Film nicht entgehen lassen!