Ich bin ein positiver Mensch und bis ich behaupte, ein Buch wäre furchtbar, muss einiges passieren. Das erste Kapitel ist ist echt spannend, dort wird beschrieben, wie der (geheim gehaltene) Täter nach einem Mord sein eigenwilliges Ritual verübt (Kleidung verbrennen, Fotos vom Opfer entwickeln, etc.). Es scheint also spannend zu werden, da Leser wie ich darauf hoffen, dass Erzählungen aus der Sicht des Täters des öfteren in die Handlung eingeflochten werden und so Nervenkitzel versprechen. Leider handelt es sich hierbei jedoch nur um eine relativ isolierte Vorgeschichte. Der Mörder tritt in dieser Form erst wieder im letzten Drittel in Erscheinung. Bis dahin bleibt die Handlung weitgehend uninteressant, um nicht zu sagen öde.
Auf der Rückseite ist folgendes Zitat aus der Zeitschrift "freundin" abgedruckt: "Caroline Llewellyn beschreibt in ihrem atmosphärisch dichten Krimi die Entwicklung einer Landidylle hin zu einem klaustrophobischen Alptraum. Hochspannung mit viel Poesie."
Nun, bis auf das irreführende Wörtchen "Hochspannung", dass hier wirklich fehl am Platze ist, könnte ich dem fast zustimmen. Gut, die versprochene Hochspannung tritt tasächlich ein, jedoch baut sie sich erst auf Seite 375 von 415 Seiten (ja, das ist kein Tippfehler!) langsam auf. Der Anteil von Hochspannung zu gähnender Langeweile ist demnach verschwindend gering. Vielmehr fühlte ich mich in weiten Strecken in einen Roman von Rosamunde Pilcher hineinversetzt. Langatmige Beschreibungen englischer Landschaft und die hochdramatischen Vorgeschichten diverser Charaktere, die so in den Handlungsstrang eingewunden werden sollten haben mich genervt und auch streckenweise verwirrt. Die "freundin" interpretiert das dagegen "atmosphärisch dicht". Soll mir Recht sein.
Unzählige Beziehungsgeflechte und Seifenoper-Gefühle in schönster Groschenroman-Manier (ich habe nie einen gelesen, aber so stelle ich mir sie vor), lassen ganze Passagen unerträglich werden.
Was mich aber am meisten störte, waren diese ständigen Anspielungen auf das ach, so furchtbare Schicksal um das Medium Marianna, ihre Denkweise, das Geheimnis ihres Wirkens und ihres Todes und diverser Fotos ihrer Person. Der Leser bekommt alle Nase lang einen neuen geheimnisvollen Apptithappen über Marianna vorgeworfen, die mich persönlich dazu verleitet haben, das Buch nicht endlich beiseite zu legen, sondern zu Ende zu lesen. Ihre Existenz wird als immer mysteriöser dargestellt und es kommen immer mehr Puzzle-Stücke zur Lösung des Rätsels hinzu und wir das Rätesel am Ende aufgelöst? Ja. Ist es auch nur annähernd so spannend, wie es angedeutet wird? Nein!
Ich hätte das Buch beinahe wutentbrannt in die Ecke geworfen, als Mariannas großes Rästel gelöst wurde. Da ich dann aber immer noch auf die Identität des Mörders und seine Motive aus war, sammelte ich meine letzten Fetzen Engelsgeduld zusammen und las weiter. Siehe da, plötzlich wurde es wirklich aufregend und ich freute mich, obgleich die Spannung, objektiv betrachtet, immer noch auf dem Niveau eines Sat1-Liebesfilms köchelte.
Auf den allerletzten Seiten wird es schließlich noch richtig dramatisch und man fühlt sich wie in einem schönen Hollywood-Film und dann... Ja, dann gibt es natürlich ein Happy End und meine inzwischen halbwegs positive Attitüde zu dem Werk, die sich gerade erst wieder gebessert hatte, wurde sofort wieder zunichte gemacht. Der letzte kleine Abschnitt ist schnulziger als alle Groschenromane zusammen und natürlich wird in diesem schmalzigen Geblubber auch noch das wirklich Wesentliche an der Tätigkeit des Mediums Marianna enthüllt und damit starb auch der letzte Hauch einer positiven Meinung meinerseits.