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Aber der Vorzeigeintellektuelle hat in seinen Kritikern kaum je Mitarbeiter zu sehen vermocht. Und ebenso wenig hat er es den Mitarbeitern überlassen wollen, seine Analyseinstrumente gegen ihn selbst zu kehren. Die «schonungslose Analyse» des Meisterdenkers hat der Meisterdenker lieber gleich selbst an die Hand genommen und damit die Kontrolle darüber, wie viel Kritik auf den Kritiker zurückfällt. Dies nicht immer zum Vorteil der vielgerühmten Bourdieu'schen Reflektiertheit. Keine Autobiographie Am 28. März 2001 beendete Bourdieu seine Lehrtätigkeit am Collège de France mit einer Vorlesung, die ihn selbst zum Thema hatte. Ungefähr ein Jahr nach seinem Tod ist nun eine erweiterte Fassung erschienen; auf ausdrücklichen Wunsch Bourdieus zuerst (und bis auf weiteres ausschliesslich) auf Deutsch. Der «soziologische Selbstversuch» (so der Titel) will keine Autobiographie sein das hätte sich schlecht mit Bourdieus Kritik an der «biographischen Illusion» vertragen. «Den Versuch zu unternehmen, ein Leben als eine einzigartige und für sich selbst ausreichende Abfolge aufeinander folgender Ereignisse zu begreifen, ohne andere Bindung als die an ein Subjekt», hat Bourdieu 1986 geschrieben, «ist beinahe genauso absurd, wie zu versuchen, eine Metro-Strecke zu erklären, ohne das Streckennetz in Rechnung zu stellen.» Dementsprechend ist im «soziologischen Selbstversuch» nun wenig über das Subjektive, das Erleben und Empfinden Pierre Bourdieus und viel vom «sozialen Feld», von den Milieus und Stationen seiner Laufbahn zu lesen. Wie um die Differenz zu einer Autobiographie zu markieren, setzt Bourdieu Kindheit und Jugend fast an den Schluss. (Die Passagen über die Herkunft aus einem kleinen Bauerndorf in den Pyrenäen und die von Auflehnung und Widerspruch geprägte Schulzeit sind wohl die eindringlichsten des Buches.)
Die Selbstanalyse setzt mit dem Moment ein, in dem der junge Bourdieu den Gipfel der Hierarchie des französischen Bildungssystems erklimmt: als Philosophiestudent an der Ecole normale supérieure an der Rue d'Ulm. Im heftigen Abstoss von der Geisteshaltung, der Bourdieu hier begegnet, findet er zu seiner eigenen Rolle und zu seinem Selbstverständnis als Soziologe. Exemplarisch für diese «falsche» Intellektualität ein «philosophisches», ein ebenso distanziertes wie vermeintlich allzuständiges Weltverhältnis, welches sich an der «reinen» Theorie orientiert ist Jean-Paul Sartre. Zur entscheidenden Phase in Bourdieus Laufbahn wird sein mehrjähriger Aufenthalt in Algerien. Als Armeeangehöriger dorthin versetzt, bleibt er im Anschluss an seine Dienstzeit noch zwei Jahre Assistent an der Universität Algier. Zunächst steht er auch hier immer noch im Bann der «Weltsicht des französischen Normalienphilosophen». Allabendlich liest er im Hinblick auf eine philosophische Dissertation über Gefühl und Zeitbewusstsein im Werk von Edmund Husserl. Tagsüber aber beginnt er, sich der sozialen Wirklichkeit Algeriens zu öffnen. Geschickt zwischen den Fronten des Algerienkrieges agierend, verfasst Bourdieu seine erste empirische Studie.
Über die Ethnologie findet Bourdieu zur Soziologie. An dieser ist ihm vor allem das wichtig, was sie von der Philosophie des «Pariser Intellektuellentums» unterscheidet. Wenn er der theoretisch-abgehobenen, feinen und kunstsinnigen Haltung die empirisch-handfeste, am Gewöhnlichen orientierte soziologische Feldforschung entgegensetzt, schwingt viel Bodenständigkeitspathos mit. Aber auch viel Abneigung. In Rage schreibt er sich, wenn er nicht näher bezeichnete «Pariser Intellektuelle» angreift, «die dank eines halbmafiosen abgekarteten Spiels über ihre geistigen Verhältnisse leben konnten», dank einem Spiel, «das dem Erschleichen intellektueller Identität» gedient habe. Ob all der Klagen über die Ausgrenzung durch die Intellektuellen, die Nichtbeachtung bzw. Anfeindung durch Fachkollegen und Journalisten würde man es kaum glauben: Bourdieu hat sich auf dem sozialwissenschaftlichen Feld nicht nur glänzend behaupten können. Er hat verdientermassen mehr internationale Resonanz gefunden als irgendein anderer französischer Soziologe der Gegenwart. Gemeinschaft und Charisma Weshalb denn die Rage, die Vorwürfe und Abschätzigkeiten, dieses Sich-verkannt-Fühlen? Man hat von Bourdieus Forschergruppe schon als Sekte gesprochen. Bourdieu kontert nun kühl mit dem Hinweis auf eine soziologische Grundtatsache: Es sei doch ganz selbstverständlich, dass die gemeinsame Arbeit der «Sammlung der Kräfte» durch einen «Animateur» oder «Dirigenten» bedürfe, «dem die Gruppe dann im Gegenzug seine charismatischen Kräfte durch die Gewährung einer gefühlsmässigen Anerkennung zueignet».
Und diese Einung im Zeichen des Charismas sei «untrennbar verbunden mit der gemeinsamen Mobilisierung» gegen bestimmte «Widersacher». Bourdieu sieht seine Forschergruppe als eine Art intellektuelle Guerilla; gleichzeitig aber auch als jene «Beamten der Humanität», von denen Husserl 1936 gesprochen hat. Das sind freilich zwei unterschiedliche Dinge. Zu diesem «Beamtentum» gemeint ist eine Gemeinschaft im Zeichen und zum Ziel der Erkenntnis bedarf es keiner charismatischen Einigung gegen einen gemeinsamen Gegner. In Husserls Worten: «Wechselseitige Korrektur und Kritik» ist hier gefragt, nicht «gefühlsmässige Anerkennung» einer Führerfigur. Die «hocheffiziente Form des Reflektierens», von der Bourdieu in seinen «Méditations pascaliennes» spricht, ist eine intersubjektive Angelegenheit. Sie kann nicht durch Selbstreflexion ersetzt werden. Insofern kann man dem Bourdieu'schen Werk nur wünschen, dass sich Biographen und Kritiker nicht dadurch abschrecken lassen, dass Bourdieu das Thema «Pierre Bourdieu» schon selbst besetzt hat.
Hans Bernhard Schmid
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Auch im "Selbstversuch" rechtfertigt sich Bourdieu wieder eingehend und begreift die Schilderung seines Lebens als eben die Objektivierung des objetivierenden Subjekts, die im Titel dieses Buches schon angekündigt wird. In der Tat ist dies nur konsequent, denn damit lößt er gerade die Selbstreflexion ein, die er bei anderen (insbesondere bei Philosophen) so oft vermisst. Dennoch kann man den "Selbstversuch" als Autobiographie oder besser als Memoiren lesen. Bourdieu spart zwar sein privates Leben aus, seinen beruflichen Lebensweg schildert er jedoch in einer Genauigkeit, die ähnlichen Texten von Bourdieu (etwa die Unpersönlichen Bekenntnisse aus den Meditationen) nicht eigen war.
Bourdieu stellt sein Leben in einem sehr verständlichen Plauderton dar und verzichtet auf die langen, verzweigten Sätze, die seine theoretisch anspruchsvollen Bücher kennzeichnen. Gleichzeitig nimmt er jedoch eine Reihe von Nachteilen in Kauf, die er bisher immer kritisiert hat, insbesondere eine Emotionalität bzw. Sentimentalität, die autobiographischen Texten so leicht anhaftet. Seine Ausführungen zum Algerienaufhält beispielsweise, der ohnehin von seinen Kommentatoren zu einer "legendären" Etappen in Bourdieus Leben erhoben wurde, wird von ihm nun auch selbst weiter mystifiziert, indem er sich die typisch glorifizierende Haltung eines Ethnographen zu seiner lang zurückliegenden Feldforschung zu eigen macht.
Bisher kannten wir Bourdieu gerade als denjenigen, der eine solche romantisierende Haltung zu seinem Text bereits durch die trockene, distanzierte und objektivierte Darstellung so gut wie unmöglich gemacht hat. Für diesen Text hat Bourdieu also tatsächlich einige seiner Bedenken über Bord geworfen und schreibt ungehemmter, direkter und subjektiver als bisher.
Bei aller Kritik darf man jedoch nicht vergessen, dass dieser Text trotz seiner Schwächen und hoffentlich der biographischen Illusion zum Trotz die Kraft besitzt, demjenigen Orientierung zu bieten, der sich Bourdieus Werk über sein Leben nähern möchte - ein Versuch, der im Zusammenhang der selbtreflexiven Theorie Bourdieus durchaus möglich erscheint.
In diesem Sinne kann der "Selbstversuch" als eine biographische Einführung von Bourdieu in Bourdieu dienen und stellt eine nützliche Ergänzung zu all seinen theoretisch und praktisch anspruchsvollen Werken dar.
Das Buch enthält übrigens auch ein lesenswertes Nachwort, das nicht nur über die skandalösen Umstände der Erstveröffentlichung dieses Textes informiert, sondern auch sehr gekonnt auf wenigen Seiten einige Hauptideen des Theoriegebäudes von Bourdieu einführt. (Wer jedoch eine theoretische Einführung sucht, sollte bei M. Schwingel/Junius beginnen.)
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