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Ein schnelles Leben
 
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Ein schnelles Leben [Restexemplar] [Gebundene Ausgabe]

Zoe Jenny
2.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (19 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.ch-Redaktion

Ihr erster Roman, Das Blütenstaubzimmer, machte Zoë Jenny über Nacht weltberühmt: Er wurde in fast alle Kultursprachen übersetzt, weil hier eine junge Autorin, Tochter der 68er-Generation, mal frank und frei erzählte, was in ihr vorging und was für einen Blick sie auf das Leben richtete. Die Gefühle und Ansichten einer jungen Frau überraschten nicht nur ein junges Publikum. Während ihr zweiter Roman, Der Ruf des Muschelhorns, Kritik und Leser eher ratlos hinterließ, kehrt Jenny nun mit ihrem dritten Buch wuchtig und brillant auf das literarische Parkett zurück.

In der Geschichte von Ayse und Christian, dem denkbar ungleichsten Liebespaar, das man in deutschen Großstädten finden kann, beschreibt Jenny das Drama einer ersten Liebe. Eine Liebe, die tödlich endet. Ayse lebt wohl behütet in einer türkischen Großbürgerfamilie in Berlin. Christian, in den sie sich auf einer Party verliebt, kommt aus eher zerrütteten Familienverhältnissen und steckt tief im Sumpf einer rechtsradikalen Clique. Damit beide zueinander finden können, müssen sie viele Hindernisse überwinden, müssen sie mit Konventionen brechen und ihre Familien zurücklassen. Beide brechen gemeinsam in den Süden auf und sterben im Tessin; sie werden von einer Schlammlawine begraben.

Was Zoës Roman so außergewöhnlich macht, ist die realistische, ungeschminkte direkte Sprache. Die Dialoge zwischen den Figuren wirken lebensecht. Man merkt, dass sie sich für die Arbeit Zeit genommen und in einem Milieu recherchiert hat, das ihr bislang fremd gewesen ist. Dass die Umsetzung dieser Recherchearbeit in die Fiktion gelingt, liegt an Jennys schriftstellerischem Können. Ihr gelingt es nicht nur, in die Seelentiefe ihrer Figuren zu leuchten und sie glaubwürdig zu porträtieren. Sie entwickelt darüber hinaus eine packend zu lesende Geschichte. Am wichtigsten aber ist die Einbettung ihrer Romeo-und-Julia-Variation ins Berlin der Nachwendezeit. Mithin in eine gesellschaftliche Realität, die nicht mit pastosen Pinselstrichen aufgetragen wird, sondern subtil in die Liebesgeschichte hineinwirkt. So wird der Roman zu einem wichtigen Zeugnis einer zerrissenen Generation auf der Suche nach einem Stück Identität, auf dem sich ein Lebensentwurf aufbauen könnte. --Carlo Bernasconi

Pressestimmen

"Zoe Jennys Sätze sind klar, kommen auf den Punkt. Sie beschreibt. Sie analysiert nicht. Sie kommt ohne Konjunktive, ohne Ironie, ohne jedes Begründen und Kommentieren aus." (Die ZEIT)

Kurzbeschreibung

Es ist das erstemal, dass Ayse auf eine Party gehen darf, und hier trifft sie Christian, zu dem sie sich gleich hingezogen fühlt. Die nächsten Tage kann Ayse nichts anderes tun, als von Christian zu träumen. Doch dann erfährt sie, dass er zu den Rechten gehört, zu jener Gruppe, mit der ihr Bruder Zafir sich prügelt. Als die beiden sich das nächste Mal wiedersehen geschehen Dinge, die beide nicht wollen...
Eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte, erzählt in der klaren, unverwechselbaren Sprache einer jungen Autorin, die schon heute als wichtige Stimme der Gegenwartsliteratur gilt.

Über den Autor

Zoë Jenny, geboren 1974 in Basel, aufgewachsen dort sowie in Carona/Tessin) und Griechenland. Veröffentlichung mehrerer Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Auszeichnung u. a. mit dem 3sat-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung und dem aspekte-Literaturpreis.

Auszug aus Ein schnelles Leben von Zoe Jenny. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich wollte fortkommen, so weit weg wie nur irgend möglich. Aber nicht dorthin, nicht an den Ort, an den man geplant hat, mich hinzuschicken, wenn meine Zeit hier zu Ende geht. Auf keinen Fall werde ich ihnen folgen und tun, was sie verlangen. Das aber werde ich niemandem sagen, auch Matteo nicht. Die Morgendämmerung ist noch nicht hereingebrochen, das Fenster ein schwarzes Rechteck. Die Bettdecke hinter mir ist zurückgeschlagen, die Innenseite warm und feucht. Ich wünschte, ich würde noch darunter liegen und schlafen; nicht hier am Tisch sitzen, nicht wach sein, nicht in diesem Haus. Es ist völlig still, alle schlafen. Aber manchmal denke ich, daß Ata die ganze Nacht wach oben unterm Dach sitzt, wie ein lauerndes Tier mit geöffneten Augen. Ich stelle sie mir wie einen Vogel mit riesigen Schwingen vor. Sie hockt auf ihren roten Kelimkissen vor dem kleinen Fenster, starrt in den Nachthimmel und wartet auf mich. In dem Moment, wenn ich ins Zimmer komme, regen sich ihre Schwingen und falten sich auf. Auf ihrem breiten weißen Rücken wird sie mich mitnehmen. Gemeinsam reisen wir ins Innere der Nacht, die eine Höhle ist, aber so weit, daß man keine "Zeit haben wird, bis an ihr Ende zu kommen. Aber wahrscheinlich schläft Ata, tief in ihren Decken und Kissen versunken, und denkt überhaupt nicht daran, das Haus zu verlassen. Tatsächlich wäre sie die letzte, die gehen würde, sie wird auch bleiben, wenn ich und Zafir schon längst woanders sind. Sie wird im Haus zurückbleiben wie in einer Festung. Wird wie immer für die Mahlzeiten und die frische Wäsche sorgen und der Mutter abends die Haare kämmen. Sie wird mein Zimmer und das Zafirs genau so belassen, wie wir es zurückgelassen haben. Ich bin aufgewacht, weil ich wieder von dem fremden Mädchen träumte, besser gesagt, von ihrem Schatten, den ich damals vor dem Fenster gesehen habe. Ein in die Tiefe stürzender Schatten. Sie hatte sich kurz nach der Pause einfach vom Dach der Schule gestürzt. Wir rannten alle an die Fenster und starrten hinunter, wo sie reglos, wie eingepflanzt, mit dem Gesicht nach unten am Boden lag. Ich habe kein Blut gesehen, aber an der Art, wie der Körper dalag, flach und innerlich zerquetscht, ahnte ich, daß aus diesem Körper kein Atem mehr kam. Zwischen Strumpf und Hosenbein konnte man einen Streifen ihres nackten Beines erkennen. An diesen Streifen heller Haut erinnere ich mich genau, nicht aber an ihr Gesicht, als sie noch lebte. Irgendwelche Männer hatten dann die Konturen ihres zerschmetterten Körpers mit Kreide nachgezeichnet, bevor sie ihn abtransportierten. Das alles ist schon ein Jahr her. Niemand spricht mehr darüber, auch ich denke kaum noch daran. Aber manchmal träume ich davon, wie der Körper vom Dach fällt und im Hof dumpf aufprallt. Ich höre das trockene, kratzende Geräusch, das die Kreide am Boden macht. Ich habe das Mädchen nicht gekannt, sie war eine Klasse über mir, und unsere Wege kreuzten sich nur zufällig. Vielleicht bin ich ihr manchmal auf der Treppe begegnet und habe ihr zugenickt. Es erschreckt mich, daß jemand so einen Plan in sich haben kann, während er dabei lacht und lebt und ganz gewöhnlich aussieht. Ich bedauerte, nie mit ihr gesprochen zu haben. Noch Wochen danach machte es mir angst, daß sie durch das gleiche Tor gegangen war, sich in denselben Zimmern aufgehalten, täglich dieselben Menschen gesehen, dieselbe Luft geatmet hatte und dann von einer Sekunde auf die andere einfach weg war. Niemand wußte, warum sie es getan hatte. Es gab dafür keinen ersichtlichen Grund. "Das ist wie eine Krankheit", hatte Zafir zu mir gesagt, "die einen haben sie und bringen sich eben um. Sie können gar nichts dagegen tun, es ist, wie wenn sie einem Gesetz folgten." Aber das glaube ich nicht. Es gibt kein Gesetz, daß man sterben muß, bevor man angefangen hat zu leben. "Geh weg!" habe ich im Traum gerufen, während ich auf sie hinunterstarrte, wie sie mit verrenkten Armen und Beinen im Hof lag. Aber im Traum hat sie sich umgedreht und gelacht. "Verschwinde endlich", rief ich, aber ihr Lachen stieg nur noch lauter zu mir hoch. Ich war oben und sie unten. Sie war tot und ich lebte; aber sie lachte. Ich hielt mir die Ohren zu. Ihr Lachen verfolgte mich. Noch während ich träumte, wollte ich aufwachen. Ich sah mich selbst von tief unten aufsteigen und mich hochziehen an einer endlos langen Leiter. Es war so anstrengend, daß ich, als ich endlich aufwachte, völlig verschwitzt war und der Stoff des Nachthemdes an meiner Brust klebte. Ich hatte einen trockenen Mund. Hastig tastete ich nach dem Lichtschalter, wie aus Angst, es könnte für immer dunkel bleiben. Langsam blättert die Nacht von den Bäumen, vor dem Fenster kann ich jetzt die Silhouette der Silberweide erkennen. Ich höre das Geschrei der Krähen. Sie versammeln sich in den Bäumen, hocken in den Baumkronen und verstecken sich. Irgendwo knackt eine Wasserleitung. Ata ist immer die erste, die aufsteht. Ihr Badezimmer befindet sich genau über meinem Zimmer. Meistens wache ich auf wegen diesen Wassergeräuschen. Sie beruhigen mich, es ist, als ob sich das Haus, nachdem es die Nacht hindurch tot gewesen war, wieder aufrichtet. Die Leitungen und Wasserrohre durchziehen das Haus wie Adern, die sich am Morgen wieder auffüllen. Ein Geräusch mündet in das andere, in den großen morgendlichen Strom von Stimmen, Schritten, Wasserplätschern und sich öffnenden Türen. Bald werde ich selber, verbunden mit den anderen, ein Teil dieses Stromes sein, der durch das Haus zirkuliert. Nachdem ich geduscht habe, kommt Zafir ins Badezimmer. Er setzt sich auf den Badewannenrand und sieht mir dabei zu, wie ich vor dem Spiegel das Gesicht eincreme. Erfragt mich, ob ich mit ihm im Auto zur Schule fahren will, obwohl er genau weiß, daß ich nein sagen werde. Er weiß, daß Sezen mich abholt. Aber es genügt ihm nicht, mich nach dem Unterricht nach Hause zu fahren. Am liebsten würde er mich überallhin begleiten. "Ich will nicht, daß du in dieser Stadt alleine herumläufst." Er übertreibt. Er sagt, die ganze Stadt sei voller Mörder, Verbrecher und Vergewaltiger. Wenn er in der Zeitung über irgendein Verbrechen liest, kommt er und zeigt es mir. "Siehst du?" sagt er dann vorwurfsvoll, die Zeitung wie einen Beweis in der Hand.
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