1997 ging ein Aufatmen durch den deutschsprachigen Raum: die Sprache der Dichter und Denker hatte endlich eine neue Stimme gefunden, Zoe Jenny veröffentlichte, gerade erst 23 Jahre alt, ihren Debütroman „Das Blütenstaubzimmer" und versetzte damit die Kritikerwelt in Erstaunen und Begeisterung. Was man sich für die deutsche Sprache erhofft hatte schien endlich zu geschehen, da meldete sich „ein Talent, das zum Schreiben geboren ist" zu Wort, in einer Sprache, die „ohne Konjunktive, ohne Ironie, ohne jedes Begründen und Kommentieren" auskam. Endlich gab es Beistand, für die gesunkene deutsche Schreibkultur. Von nun an würden nicht mehr allein Namen, wie Günther Grass und Martin Walser dienen müssen, um auf zweifelhafte Weise als selbst schon Altgewordene die deutsche Moderne hochzuhalten. Von nun an müsste nicht mehr auf Ausnahmeerscheinungen wie einen Patrick Süsskind gebaut werden, man müsste nicht mehr, wie bei Robert Schneider auch die im Vergleich zum monumentalen Erstling mickrigen, wie ein Versehen wirkenden Nachfolger hochloben. Die deutsche Sprache hatte eine neue, eine attraktive, eine junge und innovative Stimme. Die deutsche Sprache war gerettet.
Mittlerweile hat die Inflation die deutsche Literatur fest im Griff, jeder neu auf dem Markt erscheinende deutsche Autor ist der neue deutsche Autor, jede neue Stimme die neue deutsche Stimme, vielversprechende Newcomer werden so in den Himmel gejagt, dass sie nur noch abstürzen können. Die Popkultur hat Einzug in die geheiligten Hallen der Literatur gehalten, Star sein ist die Devise. Und das Wunder der Jugend griff um sich. Verlage scheinen nicht mehr die Manuskripte, sondern eher den Lebenslauf des Autors unter die Lupe zu nehmen, vornehmlich das Alter, dazu vielleicht noch ein beiliegendes Foto, den herzeigbar soll er schon sein, der neue Star am Popliteraturhimmel und woran könnte ein mäßig mitreißendes Buch mehr gewinnen, als an der Tatsache, dass bereits das Alter darauf verweist, dass das erst der Anfang war, und wenn einer so jung so anfängt, was kann da noch kommen.
Allzu oft leider allzu wenig und da ist man doch dankbar, dass es noch Schreiber wie Zoe Jenny gibt, die an der Wurzel des ganzen sitzen, die es schon gab, bevor alles aus dem Ruder lief. Zumal, wenn die Betreffende dann auch noch nachlegt, mit einem zweiten Roman, der sich nicht nur nicht verstecken zu braucht, vor dem Vorgänger, sondern die damals noch vagen Hoffnungen endgültig zu bestätigen scheint.
Umso trauriger, dass Zoe Jenny jetzt „Ein schnelles Leben" geschrieben hat, ein Buch dem an Originalität fehlt, was es an Schnelligkeit zu bieten hat. Zoe Jenny hat ihr Talent nicht verloren in den fünf Jahren, seit sie an die Öffentlichkeit trat, ihre Sprache ist noch immer klar, eindringlich, bestechend. Doch scheint es ihr an Ideen zu mangeln. Dass sie sich beim ältesten Thema der Literatur überhaupt bedient, könnte man ihr noch verzeihen. Dass sie es in die Moderne, ihre Zeit, von der sie bisher so Eindrucksvoll zu erzählen wusste, verlegt, versteht sich von selbst. Dass sie dabei aber auf eine Geschichte zurückgreift, wie man sie in einer Bravo-Foto-Love-Story vorzufinden erwartet, vom behüteten, wunderschönen türkischen Mädchen, dass sich ausgerechnet in einen am Rande der rechten Szene lebenden Deutschen verliebt, ihm ihre Unschuld schenkt, mit ihm davon läuft, ist fahrlässig, vielleicht sogar dumm. So oft hat man das schon gehört und so schlecht hat man das schon umgesetzt gesehen, dass man automatisch die Augen verdreht und das Buch eigentlich nur noch in der Hoffnung liest, diese Autorin, diese deutsche Hoffnungsträgerin müsse etwas besonderes daraus gemacht haben. Dass ihr das nicht gelungen ist, ist eine Enttäuschung. Wenn man eine moderne Romeo und Julia Geschichte erzählen will, dann reicht es nicht, das Grobgerüst in die Moderne zu verlegen. Wer den Liebenden von einst neue Namen (Aishe und Christian) gibt, der sollte ihnen auch eine neue Identität geben, eine neue Geschichte. Hier aber gibt es den Bruder, der sich aufführt wie eine ungehobelter Rabauke, den die Hauptperson aber dennoch liebt und dessen Züge ein wenig zu auffallend an Julias Cousin Tybalt erinnern, nicht zuletzt, weil er ähnlich diesem durch die Hand des Geliebten verletzt wird.
Der Geliebte: ein anderer Name allein, verhindert nicht in ihm den Romeo zu sehen, wenn er wie dieser ungewollt und doch unabänderlich zwischen die Fronten gerät, wenn er als wäre das nicht genug den Feind anfleht es gut sein zu lassen. Man kann nicht umhin, ein „seis zufrieden" aus seinem Mund zu erwarten und dass ist der Ähnlichkeit dann doch zu viel. Nicht einmal die Hauptperson, schafft es sich über die Charakterzüge von Shakespeares Heldin zu erheben: behütet, naiv, wird sie von der Liebe überrollt und ist bereit dafür alles in Kauf zu nehmen.
Es ist nichts verwerfliches daran, eine alte Liebesgeschichte, zumal eine, die noch immer so aktuell ist, aufzugreifen. Es ist erst recht nichts verwerfliches daran, über kulturelle Differenzen zu schreiben. Und es ist ganz bestimmt nichts verwerfliches daran, sich an eine schwierige Aufgabe zu wagen, Mut ist es ja gerade und auch Wagnis, die im Pop der deutschen Literatur allzu oft vermisst werden. Aber man sollte eine solche Aufgabe nur angehen, wenn man mit ganzem Herzen dabei ist und damit das Rüstzeug hat, sie zu meistern.
Zoe Jenny aber scheint eher aus Mangel an Ideen auf Altbewährtes zurückgegriffen zu haben und es ist ihr nicht gelungen, dem alten Stoff neue Farbe zu geben. Ihre Geschichte ist nett zu lesen, nicht zuletzt, weil sie eine schnelle Geschichte ist und Zoe Jenny wie gesagt ihre Sprache nicht verloren hat. Selbst die schönste Sprache ist aber ohne Inhalt nur leeres Geschwätz.
Die deutsche Sprache braucht Stimmen wie die von Zoe Jenny, die für Höheres als Pop taugen, aber jede gute Stimme braucht einmal eine Pause, damit sie erhalten bleibt. Jetzt wäre wohl der rechte Zeitpunkt dafür.