Tolstois Zitat aus -Krieg und Frieden- trifft im Kern die Handlung von Michael Hoffmans Film -Ein russischer Sommer- auf den Punkt. Wir begeben uns mit Hoffmans Hilfe in das Jahr 1910, Tolstois letztem Lebensjahr. Auf dem Gut Jasnaja Poljana lebt Tolstoi(Christopher Plummer) mit seiner Gattin, der Gräfin Sofia(Helen Mirren). Seit 48 Jahren sind die beiden ein Paar, und was für eins. Während Tolstoi sich zum Lebensende hin mehr um spirituelle Ideen kümmert, ist Sofia noch immer pragmatisch und streitfreudig. Das belastet die Beziehung enorm. Während Tolstoi seinem Freund Tschertkow(Paul Giamatti) vertraut, lehnt Sofia ihn komplett ab. Tschertkow hat die Tolstoijaner gegründet, eine Gruppe von Anhängern Tolstois, die sich dem Pazifismus und dem christlichen Anarchismus verschrieben haben. Tolstoi, zu diesen Zeiten schon weltberühmt, ist die Ikone der Tolstoijaner und wird zuweilen wie ein heutiger Popstar von der Presse und seinen Anhängern umschwärmt. Tschertkow will, dass Tolstois Werke allein dem russischen Volk gehören sollen. Dazu braucht er Tolstois Unterschrift unter ein neues Testament. Sofia ahnt Tschertkows Plan und weiß, dass ihr Gatte nicht abgeneigt ist. Sie will diesen Schritt ihres Mannes unbedingt verhindern, da sie um das Erbe für sich und die Kinder fürchtet.
In dieser Situation schickt Tschertkow den jungen Biografen Walentin Bulgakow(James McAvoy) zu Tolstoi. Er soll dessen Privatsekretär werden und nebenbei herausbekommen, was Sofia im Schilde führt. So begibt sich Bulgakow zwischen die Fronten. Sofort fühlt er sich zu seinem großen literarischen Vorbild hingezogen, aber auch Sofia lernt er kennen und schätzen. Als Bulgakow sich im Lager der Tolstoijaner dann noch in Mascha(Kerry Condon) verliebt, kann er weder mit seinem Verstand, noch mit seinem Herzen, entscheiden auf welche Seite er sich schlagen soll. Allerdings sorgt Tschertkows Drängen ziemlich schnell für eine Eskalation zwischen Tolstoi und Sofia. Jetzt ist es an Bulgakow, Farbe zu bekennen...
Nach Jay Parinis Roman hat Michael Hoffman das letzte Lebensjahr Tolstois in Szene gesetzt. Das ist überaus gut gelungen. Die Original-Schauplätze wurden in den Neuen Bundesländern nachgestellt. Dabei entstanden herrliche Landschaftsbilder einer längst vergangenen Epoche. Ihren großen Reiz zieht die Produktion aus zwei Dingen: Zum einen ist es die Authentizität des Geschehens. Das, was Hoffman uns zeigt hat so, oder so ähnlich, tatsächlich stattgefunden. Dabei ist vor allem die Figur Tolstois und seine Berühmtheit in der Öffentlichkeit, für uns heute kaum nachvollziehbar. Auch ohne Internet, Radio oder Fernsehen hatte dieser Mann den Status eines "Stars". Zum zweiten ist es die Besetzung des Films. Christopher Plummer, vor kurzem erst gnadenlos gut in Dr. Parnassus, spielt den Leo Tolstoi mit Herzblut und Charme. Das passt von A bis Z. Helen Mirren, als seine impulsive, im Geiste jung gebliebene Sofia steht ihm nicht nach. James McAvoy, Paul Giamatti und Kerry Condon vervollständigen die Riege erstklassiger Mimen.
Hoffman hat seinen Film mit unaufdringlicher, wunderbarer Musik unterlegt. Er führt uns zurück in die Vergangenheit. Dort dürfen wir ein Schauspiel beobachten, das uns, trotz Tolstois großer Berühmtheit, relativ unbekannt ist. Das ist literarisches, großes, einfühlsames Gefühlskino mit Realitätsanspruch. Mit einer Prise Humor(wie z.B. dem ständig niesenden Bulgakow), einem Schuss Tragik und jeder Menge alltäglicher Begebenheiten, versetzt uns Hoffman in die Lage, Tolstois letztes Jahr zu verstehen.
Mir persönlich hat dieser ruhige, interessante Film sehr gut gefallen. Für Freunde von opulenten Bildern, hervorragenden Schauspielern und ein paar dialoglastigen Szenen ist -Ein russischer Sommer- ganz sicher ein Hauptgewinn. Wer schnell und mit viel Aktion unterhalten werden will, der dürfte sich mit Hoffmans Streifen nicht identifizieren können. Sie müssen, und dürfen, das mal wieder für sich selbst entscheiden. Ach ja...verpassen sie den Abspann nicht, dort gibt es noch ein paar wunderbare, bewegte Originalbilder aus Tolstois Leben zu sehen.