Anna Achmatowa (1889-1966) ist neben Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam und Boris Pasternak die bedeutendste russische Lyrikerin dieses Jahrhunderts. Und eines ihrer bedeutendsten Werke das "Poem ohne Held", an dem die Achmatowa von 1940-1962 gearbeitet hat. Es gilt als ihr geistiges Testament, ein Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Dichtung. Wie überhaupt alle ihre Verse von großer Klarheit und großer seelischer Tiefe sind. Sie sind immer Ausdruck des Persönlichen, aber von überpersönlicher Bedeutung. Die Dichterin gestaltet Themen der Liebe und des Verlustes; Menschheitsthemen also, die durch die Exaktheit des Ausdrucks, durch die Bildhaftigkeit der Sprache und durch ihre komplizierte Einfachheit ein hohes künstlerische Niveau erhalten und zu Lyrik im besten Sinne werden.
Nachzuprüfen ist dies einmal mehr an dem sehr schönen bibliophilen Band "Ein niedagewesener Herbst". Das Ereignis dieses Buches aber sind nicht nur die wunderschönen Gedichte der Achmatowa - sozusagen als ein Querschnitt durch ihr Werk. Sie haben eine kongeniale Ergänzung, Deutung und verstärkte sinnliche Wahrnehmung durch zwei deutsche Dichter erfahren: Sarah und Rainer Kirsch. Beiden ist eine wohl vollendete Nachdichtung der Achmatowaschen Verse gelungen. Das war vor etwa zwanzig Jahren. Danach hat Sarah Kirsch diese Gedichte durch einen Zyklus von zwanzig federleichten, traumhaft schönen Aquarellen, die einerseits sehr eigenständige Werke sind und andererseits den Gedichte eine neue Verständnisdimension geben,illustriert.
So ergänzt die farbliche Komposition von Sarah Kirsch das kleine Gedicht von 1943 "Lässig Adieu zu den Mädchen", diese von Rainer Kirsch übertragenen Verse auf sehr schöne Weise. Oder das Ringen der Dichterin um das richtige Wort, den Vers, in "Das Gedicht", das den "zarten Klingelton des Reims" evoziert, vor dem ein "Klageruf", "ein Stöhnen" stand, ehe sich die "vordiktierten Zeilen / Einfach und schwarz aufs reine Weiß des Hefts" legen.
Drei Künstler, ein Werk - wenn man so will! 1965 hat Anna Achmatowa ein kleines Gedicht geschrieben, betitelt "Statt eines Nachworts": "Dort, wo man die Träume dichtet, / Hat's zu verschiedenen für uns nicht gereicht. / Wir träumten einen - doch in ihm lag leicht / Die Kraft des Frühlings, an der Eis zerbricht." Die Russin Anna Achmatowa hat Träume gedichtet, zwei deutsche Dichter haben sie vollendet übersetzt, und Sarah Kirsch hat ihnen eine neu Bildhaftigkeit gegeben.