In seinem seit langer Zeit besten Werk verbindet Martin Walser das, was auch seine schärfsten Kritiker ihm immer schon attestiert haben, sprachliche Virtuosität, mit einem Goethe-Porträt, das fasziniert. Zwar argwöhnt das Feuilleton zu Recht, im Grunde schreibe Walser ja immer dieselbe Geschichte, nämlich seine eigene, und das vornehmlich als Spiegelreflex von real erlebten Liebesbeziehungen. Im nur als La-Mettrie-Essay zu ertragenden
Augenblick der Liebe sah man ihn zwischen der Lust auf Sex mit einem jungen Ding und ehelicher Treue, im satirisch
fliehenden Pferd und vielen Werken davor und danach war es im Grunde nicht viel anders.
Nun ist Walser allerdings ein Geniestreich gelungen, indem er den bekanntlich libidinös äußerst beschlagenen, aber auch zerrütteten Meister aller literarischen Klassen zum Kristallisationspunkt von Herzensergießungen macht, die in Walsers eigenen vergangenen und gegenwärtigen Regungen ihren Ursprung haben. Dabei gelingt dem Autor, quasi so ganz nebenbei und mit erstaunlicher Leichtigkeit, ein überaus stimmiges Goethe-Porträt. Ob das nun wirklich Goethe ist, der da vor dem geistigen Auge des Betrachters ersteht, ob sich Walsers Liebeserfahrungen wirklich so eins zu eins auf den Weimarer Geheimrat und vor allem in die doch ganz andere Zeit übertragen lassen, da mögen Zweifel sich regen, aber doch nur ganz unerhebliche, denn nicht nur das gesellschaftliche Umfeld, das Ambiente und die Schauplätze stimmen; der männliche Leser kann letztlich auch keinen Zweifel daran haben, dass, wenn der Meister sich wirklich so in die blutjunge Ulrike verliebt hat und wenn sie sich wirklich so nahe gekommen sind, wie Walser uns glauben macht, dass dann genau die Stürme in ihm getobt haben müssen, die Walser mit so grandioser Sprachfinesse nicht nur beschreibt, sondern geradezu beschwört, heraufbeschwört. Man glaubt ihm sogar, dass Goethe - der Text legt das mehrfach nahe - ausgerechnet in die verspielte Ulrike tatsächlich das erste Mal wirklich und wahrhaftig verliebt war, dass alle anderen Liebesgeschichten nichts als ihm wie junge Katzen zugelaufene Gelegenheitsamouren waren, gegen die einer wie der berühmte Werther-Dichter sich eben nicht wehren konnte, dass jetzt also zum ersten Mal er begehrt und nicht bekommt, während es sonst doch allzu oft umgekehrt war. Ob es sich wirklich so zugetragen hat? Egal. Walsers Goethe-Interpretation macht einfach Vergnügen, weil ihre mal zarte, mal beißende Ironie ständig schmunzeln lässt und weil sie - der Titel verspricht hier wahrlich nicht zu viel - eine Menge über Männer und Liebe verrät, egal ob sie Goethe, Walser oder Otto Müller heißen.
Und darum geht es: Goethe, fast 74, und seine Urlaubsbekanntschaft Ulrike, die schnippische und tänzelnd-leichte Neunzehnjährige, verstehen sich, und zwar viel zu gut. Jeden Tag flanieren sie über die Promenaden des Kurortes Marienbad, dem Goethe wie die vornehmen von Levetzows den Vorzug vor dem aus der Mode gekommenen Karlsbad gegeben hat. Die Eintracht, das blinde Sich-Verstehen, könnte nicht größer sein. Doch dann drängt sich auf der Verlobungsfeier des Arztes Dr. Rehbein (ebenfalls mit einem blutjungen Mädchen) ein schmucker junger, dynamischer und buchstäblich steinreicher Herr namens de Ror zwischen ihn und Ulrike: Im Ballsaal tanzt der kühne Schmuckhändler wie ein junger Gott und erobert das Herz der zauberhaften jungen Dame im Sturm. Goethe sieht alle Felle davonschwimmen und versinkt in eine larmoyante Depression, während er sich ausmalt, wie der wilde Vornamenlose Ulrike im abgedunkelten Kämmerlein besteigt. An Schlaf ist nicht zu denken, höchstens an Tod.
Das Gefühl des Fiaskos ebbt wie bei allen Verliebten so schnell ab, wie es kam, nachdem der Nebenbuhler verschwunden ist. Doch dann stürzt der 73-Jährige während eines Maskenballs im Beisein der Angebeteten unglücklich im Garten und sieht mächtig ramponiert aus. Er, den doch alle für sein jugendliches Äußeres zu preisen pflegen, bekommt sein Alter unangenehm zu spüren. Aber Ulrike kümmert sich rührend um den Geprellten und Gestrauchelten. Es kommt sogar zu einem vierstündigen Ausflug: Es geht bergauf. Goethe ist selig. Er wagt das Äußerste: Ulrikes zu pompösen Auftritten neigende Mutter Amalie wird über einen Mittelsmann mit einem Heiratsantrag versehen. Kurz danach: Abreise. Ein schmerzlicher Abschied, eine Entlassung des alten Meisters in die Ungewissheit. In der Kutsche Richtung Eger und Jena entstehen die berühmten Marienbader Elegien, mit denen Goethe literarisch kompensiert, dass aus dieser Liebe wohl nichts wird. Hier wird Walser ganz er selbst: Denn auch er ist, wie Jörg Magenau in seiner
Walser-Biografie zu berichten weiß, ein Meister darin, seine Innenwelt literarisch zu verarbeiten und zu verpacken.
Im dritten und letzten Buch des "liebenden Manns", in dem Walser den stillen Niedergang der Liebschaft schildert, greift der Autor, auch das ein gelungener Kunstgriff, auf die Technik des Briefromans zurück, zu dessen größten Vertretern Goethe mit seinem Werther wurde. Zu Hause in Weimar sinkt die Hoffnung auf den Nullpunkt. Eifersüchtig wacht Schwiegertochter Ottilie, die sich Goethe näher fühlt als ihrem weniger schillernden Ehemann, Goethes schwerfälligem Sohn August, darüber, dass die Skandalgeschichte, über die bereits alle Welt spricht, ein Ende hat. Briefe schmuggelt Goethe, der sich als gefügig verstellt, mit Bestechungsgeldern an seinen Sekretär hinaus. Von der inzwischen in ihr Straßburger Internat zurückgekehrten Ulrike kommen jedoch nur sporadisch Antwortschreiben, höfliche, liebenswerte, die dennoch im Missverhältnis zu Goethes gefühlsdurchtränkten Passionsepisteln stehen. Ein Desaster der Brief von Ulrike, in dem sie vage andeutet, dass sie den schmucken de Ror in Straßburg sehen werde: Panik, Atemnot, Unfähigkeit weiterzulesen, fast ein Herzstillstand sind die Folge. "Wenn ich der Einzige bin, der Deine Einzigartigkeit erlebt", lässt Walser den grausam Verliebten schreiben, "dann musst Du doch mein sein. Das ist die schönste [...] Märchenvorstellung: Jeder Mensch ist einzigartig, aber nur für einen einzigen Menschen. Und der bist Du für mich. [...] Bin ich einzigartig für Dich? Ich bin's nicht. [...] Diese Asymmetrie ist die Schere, die das Unglück misst. [...] Es gibt das Paradies: Zwei für einander. Es gibt die Hölle: Einer fehlt."
Das ist noch eine moderate Passage. Wenn der Literaturgigant mal wieder gedanklich Amok läuft, dann klingt das so: "Wenn du noch einmal wartest, gehörst du erschossen, von dir selbst. Sag es dir, wenn du noch einmal wartest auf sie, etwas erwartest von ihr [...]." Diese Unruhe, diese Gefühls-Achterbahn, dieser bis in jede Faser seiner Existenz dringende Ausnahmezustand der Seele - auch wer dergleichen nie erlebt hat, bekommt eine Ahnung davon, welche Stürme in Männern toben, wenn sie wirklich, wirklich, wirklich verliebt sind. Das Ende ist dabei so betrüblich wie banal: Die Liebe läuft aus wie aus einer lecken Milchtüte. Mit einer Pointe, die leider ziemlich vulgär ausfällt und das sprachliche Gesamtgefüge, das der Klassik viel Respekt zollt, beschädigt, lässt Walser den Roman ausklingen, als sich das Stimmungspendel seiner Hauptfigur auf einem neuerlichen, wenn auch nicht gerade neuen Tiefpunkt befindet: Nachdem er per Zufall herausgefunden hat, dass die Familie von Levetzow in Weimar Station macht, ohne ihn aufsuchen zu wollen, ist er einmal mehr demoralisiert. Doch an dieser Stelle nun hat Walser (und der Leser vielleicht auch) genug von der Goethe'schen Gefühlsachterbahn.
Wie eigentlich immer geht es Walser auch diesmal nicht um den Plot, sondern nur um das Innenleben seiner Hauptfigur, seines Alter Egos, das diesmal eben Johann Wolfgang von Goethe heißt. Dass er kein wirkliches Ende findet, ist die logische Konsequenz dieser Erzählanlage und unterstreicht: "Ein liebender Mann" ist kein großer Roman, kein Opus magnum wie man es von Walser ja immer vergeblich erwartet hat, aber sein Autor hat trotzdem Großes, Großartiges zu Papier gebracht.