Da hat wohl einer ein bisschen zu arg an der Ikone der Deutschen Geistesgeschichte gekratzt und soll dafür nun gebührend abgestraft werden. Dieser Eindruck muss einem zwangsläufig erwachsen, wenn man die mehrheitlich unsachlich geführte Diskussion über Martin Walsers neustes Buch zur Kenntnis nehmen muss. Selbst die für amazon bisher geschriebenen Rezensionen ändern daran mehrheitlich nicht viel: man verliert sich in Nebensächlichem, kokettiert mit Injurien und spielt zuletzt auf den Mann. Auf eine Persönlichkeit nota, die zu den grössten lebenden Autoren deutscher Sprache gehört. Warum also dieser gehässige Sturm im Wasserglas?
Mich jedenfalls hat "Ein liebender Mann" von Martin Walser schlichtweg begeistert. Aus zwei Gründen: Erstens sprachlich: Sein Stil hebt sich wohlwollend von der in der neueren deutschen Literatur sattsam wahrzunehmenden Fäkal- und Proletensprache ab. Wer wagt, hier von Pornographie zu sprechen, hat das Buch schlichtweg nicht gelesen oder interpretiert die Metaphern bewusst falsch. Nein, seine Sprache ist reine Poesie: zart, fantasiereich, rhythmisch fliessend, in der Farbe variantenreich und dem Idiom der Goethezeit wunderbar entsprechend. Niemals erliegt sie der Versuchung, das Mysterium der Liebe und der intimen Beziehungen zwischen Mann und Frau zu entmystifizieren. Ein zusätzliches Wunder in einer Zeit, die sich diesem Thema in Literatur, Film und Massenmedien üblicherweise und bestenfalls in Form eines vulgären Geschlechterkampfs widmet. Zweitens inhaltlich: Auf der Basis exakter Recherchen und einer immensen Kenntnis des Lebens Goethes und seines Werkes ist es Martin Walser wunderbar gelungen, den Dichterfürsten, den als unnahbare Geltenden, den Geheimrat, den Naturwissenschaftler aus einer anderen als der gewohnten Optik zu porträtieren. Goethe ist hier Mensch, schlicht Mensch. Bekannterweise ein erfolgsverwöhnter, als Exzellenz hoch angesehener Mensch, aber in erster Linie ein Mensch mit all seinen Widersprüchen, Zweifeln und Verletzlichkeiten. Der Schöpfer von Werther, Lotte, Wilhelm, Faust und Mephistopheles scheint eins zu werden mit seinen Figuren; er, der uns alle Höhen und Abgründe der menschlichen Existenz aufgezeigt und uns ermutigt hat, sie als Teil unseres Lebens anzunehmen, ist nunmehr als 74jährige Erzieher der Menschheit in Liebe zu der jungen Ulrike von Levetzow entflammt - und droht von diesem Feuer verzehrt zu werden. Er, der sein Auftreten, jeden Gesichtsausdruck, jede Körperhaltungen und jedes Wort seiner Konversation bis ins Letzte auf Wirkung narzistisch zu kontrollieren pflegt, erliegt wie vormals Faust dionysisch dem "Ruf des Weibes". Er erliegt bis zur Nacktheit, die keinesfalls als pornografische Metapher, sondern als Ausdruck jener Verzweiflung interpretiert werden muss, die nur jene kennen, die jemals tief geliebt und gerade dadurch die Anfechtungen wahrer Liebe erlitten haben. Welche Perversion, in dieser von Martin Walser erzählten Geschichte eines Menschen, der von seiner Geliebten durch 55 Lebensjahre getrennt ist, Altersenilität oder gar Pödopholie zu wittern. Nein, der Roman von Martin Walser ist ein grossartiges Manifest für die Unsterblichkeit jener Liebe, die weder Alter noch Standesunterschiede kennt. Gerade, weil man sich als Liebender in vielen Regungen der Romanfiguren wieder erkennt und immer wieder erkennen wird, ist der Roman ebenso menschlich ansprechend wie zeitlos. Er ist ausserdem ein wunderbarer Beitrag dazu, den Menschen Goethe neu zu entdecken und ihn verdienterweise von jenem Sockel zu stossen, der gewöhnlich jenen Übermenschen zugewiesen wurde, die uns heute wahrlich nichts mehr zu sagen haben.