Über dieses Buch scheinen die Meinungen ja weit auseinander zu gehen. Ja, "The last Temptation" ließt sich anders als die beiden ersten Romane und der danach. Es stimmt wohl auch, dass Val McDermid hier ein Werk geschrieben hat, dass wie ein großer Hollywood Blockbuster wirkt, nur eben mit viel mehr Tiefgang. Der wird durch die einmalige Geschichte der beiden Hauptcharaktere erzeugt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, weshalb die Liebesgeschichte zwischen Carol Jordan und Tony Hill hier fehl am Platz sein soll. Ich finde, genau hier liegt die Stärke dieses Buches. Nur dadurch funktioniert die ganze Geschichte. Ich finde es schon beneidenswert mit welchem Feingefühl und Sinn für Dramatik und Tragik Val McDermid den Plot aufgezogen hat.
Mag sein, dass sie hier den Bogen mit Carol Jordan's Kompetenz etwas überzogen hat. Ich bezweifle, dass ein einziger Mensch derartige Leistungen vollbringen kann. Starke Ermittlerinnen sind ja mitlerweile Standard, aber Carol ist hier einfach zu perfekt.
Ich stimme auch zu, dass in diesem Buch sehr sehr viel Polizei-Verfahren auf einen niederprasselt und des öfteren Frustration bei mir ausgelöst hat. Die einzelnen Polizeistellen in den verschiedenen Ländern und das ganze hin und her ist mühseelig zu lesen. Andererseits gibt es Einblicke in eine Welt, die nicht nach Hollywood schreit, sondern aufzeigt wie kompliziert das Zusammenspiel der Polizei ist.
Der Plot wirkt konstruiert ? Keineswegs ! Gut, Carol's "Test" am Anfang vielleicht, aber sonst fand ich alles bemerkenswert schlüssig.
Doppelhandlung eine schlechte Idee ? Kann ich nicht sagen. Das gab's doch schon bei "The wire in the blood" und bei Band 4 "The torment of others". Bei letzterem hat mich die Nebengeschichte etwas gestört, da sie keinen Bezug auf den Hauptplot hatte.
Hier ist es etwas anderes. Stimmt, sie dient dazu Tony nach Berlin zu bekommen, aber seine Beweggründe sind äußerst logisch. Und sie heissen nicht allein Carol. Auch bevor Carol nach 2 Jahre wieder in sein Leben tritt und ihn zwingt seine Gefühle zu konfrontieren, fühlte sich Tony nicht wohl mit seinem neuen Leben an der Universität. Es ist leer und langweilig. Der neue Fall lässt ihn wieder aufleben und noch dazu ist es eine persönliche Angelegenheit für ihn, da er eins der Opfer kannte.
Dass sich Tony und Carol in Berlin plötzlich sehr nahe kommen ist psychologisch absolut einleuchtend. Die ganze Undercover-Sache ist geradezu symbolisch für die Beziehung der beiden:
Zum ersten mal seit 3 Jahren finden sie sich in einer Situation wieder, wo sie in gewisser Weise frei sind von ihrem Leben davor. Das gibt ihnen die Chance endlich zu zeigen was sie für einander empfinden. Die Polizisten um sie herum kennen ihre Geschichte nicht. Carol kann zu Tony gehen, ohne dass sie sich fragen muss, was irgendjemand darüber denken könnte. Tony ist der einzige Ort wo Carol sie selbst ist. Und endlich beschliessen die beiden, daraus etwas zu machen.
Und das wird tragischerweise zu ihrem Verhängnis, weil durch Tony ihre Tarnung auffliegt. Wieder sehr konstruiert ?
Versetzt man sich mal ernsthaft in Carol's Lage und was es für sie bedeuten muss, dass Tony ihr endlich all das anbietet was sie immer haben wollte, kann ich sehr gut verstehen, dass sie mal unaufmerksam ist. So perfekt sie auch scheint, Tony war schon immer ihr Schwachpunkt und ihr grösster Halt zugleich.
In dieser Hinsicht finde ich den Buchtitel auch äußerst passend für die ganzen Zweideutigkeiten, die man in der Geschichte antrifft.Ich finde alles wunderbar miteinander verbunden.
An den beiden Fällen an sich habe ich auch nichts auszusetzen. Die Serienmörder-Geschichte fand ich erschütternd wie immer. Sehr traurig wie viele solche Geschichten im Grunde sind.
Die Handlung rund um Tadeusz Radecki's Geschäfte fand ich auch gelungen. Ob die Charaktere nun realistisch rüberkommen kann ich nicht sagen, denn ich kenne zum Glück niemanden in diesen Kreisen ! Da müsste ich auf andere Bücher und Filme zurückgreifen, die wahrscheinlich die Dinge auch nicht absolut authentisch wiedergeben können. Mich hat beim lesen jedenfalls nichts gestört. Ich finde McDermid hat hier ordentlich nachgeforscht, um möglichst genau zu schildern wie solche Geschäfte ablaufen.
Das Ende beider Fälle kommt aber tatsächlich etwas kurz. Besonders die "Überführung" des Serienkillers. Hie erweckt es tatsächlich den Eindruck, als wollte McDermid nur schnell fertig werden.
Mit Carol's Vergewaltigung hat McDermid auf brutale Art gezweigt, wie schnell sich die Dinge wieder ändern können. Gerade als Tony und Carol scheinbar zueinander gefunden haben, werden sie grausam wieder getrennt und alles ist noch hundert Mal komplizierter als vorher.
Den Epilog finde ich viel zu kurz und er stimmt sehr traurig, obwohl er optimistisch wirken soll. Aber wer "The torment of others" liesst wird feststellen, dass Carol und Tony vielleicht für immer das verloren haben, was sie in diesem Buch scheinbar gefunden hatten.
Val McDermid versteht es auf brilliante Weise komplizierte menschlische Beziehungen und Taten darzustellen und dabei so realistisch zu sein, wie ich es bei anderen Autoren oft vermisse.