Der hochangesehene Unterstaatssekretär Robert Chiltern wird von seiner Frau als der ideale Gatte verehrt, bis eines Tages Mrs. Cheveley auftaucht, ihres Zeichens alte Schulkameradin von Roberts Frau Lady Chiltern und in diesem Buch die große Intrigantin, und versucht Robert mit einem Geheimnis aus seiner Jugend (dem einzigen düsteren Punkt in seiner Vergangenheit!) zu erpressen. Lord Goring, ein guter Freund der Chilterns, versucht daraufhin Mrs. Cheveley zu kompromittieren in dem er sie als Diebin enttarnt.
"Ein idealer Gatte" ist wirklich ganz große Klasse. Es geht hier um den Unterschied zwischen Schein und Sein, um den Einfluss des Geldes auf die politische Glaubwürdigkeit. Es gilt als Wildes politischstes Stück, dennoch fehlt aber nicht sein Wortwitz und man muss ständig schmunzeln. Schon aufgrund von Lord Goring, von seinem Vater als Nichtsnutz beschimpft, da er keine Lust auf gesellschaftliche Zwänge hat, sei es Ehe oder Arbeit, und erst recht oberflächlich erscheint, sich dann aber doch als äußerst tiefgründig erweist. Immer wieder finden sich kleine Seitenhiebe in Richtung Gesellschaft, auf die politischen Umstände der viktorianischen Zeit in der nur der Erfolg zählt. Aber auch die kleineren Sticheleien unter den Mitgliedern dieser versnobten oberen Gesellschaft sind amüsant.
Oscar Wilde hat wohl auch sehr viel von seinen Idealen eingearbeitet in Lord Goring. Denn nur weil Goring eben nicht nach Erfolg und Ansehen strebt, aber auch nichts gegen die Zwänge der Gesellschafft unternimmt, sondern sie einfach nebenbei akzeptiert, kann er voll und ganz er selbst sein. Somit ist Lord Goring auch eine Art Schlüsselfigur hier, denn durch seine komplette Authentizität wirkt er auf jede andere Figur ein, so dass diese im Laufe des Stücks alle ihre Masken verlieren.
Auch das Nachwort bedarf des Lobes. Aufgeteilt in einen "Überblick über Wildes Leben", dem "biographischen Hintergund" dieses Stückes, die "Gesellschaftskritik und dem utopischen Sozialismus" in diesem Stück, dem "politischen Hintergrund", die "gesellschaftliche Maske und Ich-Auflösung", einen Punkt über "den Dandy als Utopie des autonomen Individuums" und einem Nachwort zur Übersetzung, dürften eigentlich bei sämtlichen Lesern keine Fragen mehr offen bleiben.
Ein so tolles Buch zu einem so kleinen Preis. Wer da nicht zuschlägt ist selbst schuld!