Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber Alamode Film gehört für mich ohne wenn und aber zu einem der innovativsten Filmverleihen der letzten Jahre. Und das aufgrund einer Besonderheit nahezu sämtlicher releaster Filme. Egal ob "Bombon", "Tzameti", "Die Affäre" oder den relativ neuen Veröffentlichungen wie "Wir sind was wir sind" (aktuell im Kino und unbedingt positiv herauszustellen), "Jack In Love" oder "Das Hausmädchen" - Alamode schafft es immer wieder, den anderen Film, abseits vom mainstreamdominierten Kino in den Fokus zu stellen. Filme, die unkonventionelle Themen zum Inhalt haben, deren Umsetzung zumeist auf einem wirklich hohen Niveau stattfindet, produziert von Ausnahmetalenten des weltweiten Filmgeschäfts. Mal spielerisch und amüsant, mal tiefgründig und dann wieder beängstigend und traumatisierend. Alamode Film präsentiert regelmäßige Perlen und ich freue mich immer auf die nächsten Veröffentlichungen.
Gefreut habe ich mich auch auf den neuen Film des dänisch/isländischen Regisseurs Dagur Kari Petursson, der sich 2003 mit seinem Debutfilm "Noi Albinoi" sofort an die Spitze des neuen skandinavischen Kinos katapultierte und zu Recht auf sämtlichen nicht nur europäischen Filmfesten gefeiert wurde. 2005 legte er mit "Dark Horse" mächtig nach, auch wenn dieser Film im Schatten seines Erstlingswerk blieb. 2009 stellte Dagur Kari nun "Ein gutes Herz" fertig und auch dieser Film reiht sich perfekt in sein bisheriges Schaffen ein. Wie die beiden erstgenannten Werke kann man auch "Ein gutes Herz" als eine Art Milieustudie interpretieren, hier spielt die triste Umwelt eine besondere Rolle, auch schafft Dagur Kari es erneut perfekt, eine Geschichte zu erzählen, die sich zwischen den Genres Drame, Tragödie und Komödie ansiedeln lässt.
Jaques, unglaublich intensiv vom Schotten Brian Cox gespielt (und bekannt u.a. durch "Matchpoint", "Adaption" und "Rushmore"), ist ein alter und äußerst mürrischer Barbesitzer, in einem runtergekommenen Bezirk New Yorks. In seine Bar lässt er eigentlich nur Stammgäste, diese haben sich an seine Vorgaben und Regeln zu halten, möchten diese nicht Opfer seiner griesgrämigen, teils misantrophischen Handlungs- und Sichtweisen werden. Frauen haben an diesem Ort nichts zu suchen. Warum er sich verhält wie er es tut, bleibt mehr oder weniger sein Geheimnis. Wer in seiner Bar trinkt, nervt den Barmann nicht, quatscht ihn nicht mit trivialem und uninteressantem Einerlei voll, verbreitet nur gemäßigt Freude und verlässt die Lokalität am besten genau zu dem Zeitpunkt, an dem das Ende eines durchzechten Abends befohlen wird. Jaques ist Herzkrank und nachdem er aufgrund eines weiteren Herzinfarkts ins Krankenhaus eingeliefert wurde, lernt er den jungen Obdachlosen Lucas kennen, der großartig vom New Yorker Paul Dano gespielt wird ("Little Miss Sunshine", "There Will Be Blood"). Lucas lebt zurückgezogen in einem Pappkartonhaus, als ihn ein erneuter Schicksalsschlag, die sinnlose Ermordung seiner Katze, zum einem Selbstmordversuch treibt, der Gott sei Dank nicht glückt, weshalb er im selben Krankenzimmer liegt wie Jaques. Die beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein, allerdings ist die Begegnung im Hospital der Beginn einer bizarren und zunächst ungleichen Freundschaft. Jaques überredet Lucas dazu, zu ihm in die Bar zu ziehen um ihn in die Kunst und die Fertigkeiten des Barkeepers einzuweisen, schließlich will er seine Kneipe nach dem Ableben in guten Händen wissen. Die Freundschaft intensiviert sich im Laufe des Films auf eine eigenartige Weise, in der man den Eindruck gewinnen kann, beide sind auf unterschiedliche Art und Weise aufeinander angewiesen. Eines Tages betritt eine Frau das Etablissment, die betrunkene Stewardess April (gespielt von der Französin Isild le Besco, "Die Unsanfte", "Backstage"), von der Lucas sofort begeistert ist. Allerdings verändert sich das ganze Scenario und die Männerfreundschaft mit dem Auftritt der schönen Frau.
Einige Kritik musste "Ein gutes Herz" ertragen, man warf Dagur Kari vor, er würde die einzelnen Personen nicht genügend vostellen, keinen Platz einräumen für die Biographie insbesondere der beiden ungleichen Männer, weshalb man unter anderem das frauen- und insgesamt menschenfeindliche Verhalten des kauzigen alten Mannes nicht nachvollziehen könne. Genauso wenig würde man über Lucas wissen, die Geschehnisse die schlußendlich zu seiner Obdachkosigkeit führten. Diese Kritik kann ich für mich persönlich nicht nachvollziehen, denn Filme sollten sich auch im Kopf des Betrachters abspielen können, Räume für Interpretationsmöglichkeiten sind für mich grundlegend entscheidend bei der Beurteilung von Filmen, ich habe es gern unkonventionell und liebe den Ausbruch aus vorgefertigten oder vrogeschriebenen Drehschemata.
"Ein gutes Herz" ist ein rührseliger kleiner Film über Freundschaft und Liebe, heiter, melancholisch, teils zynisch und bissig, mit Bill Buell ("Requiem for a dream"), Nicolas Bro ("Adams Äpfel", "Exit") und Henry Yuk ("Departed", "Sopranos") als großartige Nebenbesetzung, die dem beschriebenen und gezeigten Alltag der Bar erst die richtige Würze verleihen. Ein super Film.