Ein Mann und eine Frau. Das Komplizierteste und doch Elementarste, Reduzierteste. Vielleicht beschränkt sich deswegen der Ohrwurm, den wir am Anfang hören, auf Ur-Laute: "daaa... daaa... daaa... da ba da ba da, da, ba da ba da...". Der Mann und die Frau scheinen schicksalhaft zusammenzugehören und können doch nicht zusammenkommen, immer größer werden die Gesichter, immer schneller die Schnitte, doch immer füllt sie die rechte und er die linke Bildseite. Bis sie einander endlich auf einem Bahnhof in die Arme nehmen und die Kamera die beiden umkreist, vermutlich von dem in Frankreich (und nicht nur dort!) sehr verehrten "Vertigo" abgeguckt.
Diese Szene stammt nicht aus "Ein glückliches Jahr" von Claude Lelouch, sondern aus dem Film, der schon das Elementare, um das es auch beim "Jahr" gehen wird, im Titel trägt: Ein Mann und eine Frau", ebenfalls von Lelouch. "Jahr" legt einfach seine Credits über den zitierten Film, lässt auch nicht etwa durch einen Rahmen im Rahmen auf den Film im Film schließen. Wer "Ein Mann und eine Frau" nicht kennt (in Frankreich aber eher unwahrscheinlich), merkt es gar nicht. Dies passt sehr gut zu einem Film, in dem es um Verwirrspiele, falsche Identitäten, Vorspiegelung falscher Tatsachen gehen wird, allenthalben. In einem verwaschenen Schwarzweiß, wie es die Nouvelle Vague liebt, und mit viel Großaufnahmen und (nie zu hektischer) Handkamera gehen wir schließlich mit Simon (Lino Ventura) auf eine etwas nervöse Suche. Er wird per Neujahrsamnestie aus dem Gefängnis entlassen, man hatte dort "Ein Mann und eine Frau" vorgeführt, für die Knackis zu schnulzig, aber Simons schwermütiger Blick scheint etwas darin zu erkennen. Er scheint auch die Frau seines Lebens zu suchen und sie für lange Jahre aus den Armen verloren zu haben. Er schlägt einen Mann im Hause einer Frau (seiner Freundin?) nieder und begibt sich an einen weiteren Ort der Verwirrung und der falschen Identitäten: In einer Travestie-Bar imitiert ein Mann Mireille Matthieu (die sogar tatsächlich als sie selbst zu Gast ist und "La Bonne Année" singt, wie der Film im Original in Anspielung auf das Neujahr heißt, von dem sich erst noch erweisen muss, ob es ein "frohes neues Jahr" wird). Nach 15 Minuten wird der Film farbig, wir sehen, wie Simon mit einem Freund und Partner einen komplizierten Raub eines Juweliergeschäfts plant. Ventura, der Mann, der auch mal harte Gangster gespielt hat, ist hier kein Gewaltverbrecher, sondern der melancholische Dieb mit Augenringen und unendlich traurigem Blick. Man weiß kaum, ob er seinen "Job" noch mag, und einmal sagt er, man wird Ganove, so wie man zu jedem anderen Job gelangt. Er könnte auch Versicherungsvertreter oder Buchhalter sein. Leidenschaft ist da schon lange nicht mehr, aber dennoch geht er mit großem Geschick und viel Cleverness an die Aufgabe heran. Es gibt ihm nicht den Kick, aber er hat halt nichts anderes gelernt und möchte sein "Handwerk" wenigstens hochprofessionell erledigen. Hierzu spielt er ein langes Spiel mit - aaah, immer wieder - einer falschen Identität. Mit Gummimaske, verstellter Stimme und Körperhaltung gibt er einen alten, gebrechlichen, reichen Mann, der mehrmals von dem Juwelier immer teurere Stücke für seine angeblich todkranke Schwester kauft, bis er den Geschäftsführer soweit hat, unvorsichtig zu werden. Jeder dieser Auftritte ist ein Genuss. Zum einen, weil wir mal sehen können, wie perfekt man das allein durch Latex und Schauspielkunst vor dem CGI-Zeitalter hinbekommen konnte. Zum anderen, weil der Film sehr scharf herausarbeitet, was hinter dieser Oberklassenmentalität des Geschäftsführers letztlich steckt. Die ausgesuchte Höflichkeit und Servilität beim Abwickeln der Geschäfte lässt peu à peu immer mehr eine perfide Mischung aus Blasiertheit und bald kaum noch zu kaschierender, sabbernder Gier erkennen. Der Juwelier kriecht dem vermeintlich alten Mann "hinten rein", weigert sich aber einmal entschieden, bei einem Schmuckstück über den Preis zu verhandeln, weil das nicht "der Stil des Hauses" sei (und weil er fühlt, dass der Kunde das Stück auch so kauft, was Simon natürlich zusagt und sein Opfer genau dorthin kriegt, wo er es haben will). Simon hat erkannt, dass das Geschäft gut gesichert ist, uneinnehmbar, und so versucht er eben, den Feind zu umarmen, wenn er ihn schon nicht besiegen kann. Er macht das sehr geschickt. Doch wie war das eigentlich am Anfang? Sehen wir in Farbe eine Rückblende, wurde er später geschnappt, oder ist Schwarzweiß die Rückblende, und er dreht gleich nach der Entlassung das nächste Ding? Kleiner Tipp: Ein Vergleich mit Otto Premingers "Bonjour Tristesse", einem der meistgeliebten und gelegentlich zitierten Filme der Nouvelle Vague, weist den richtigen Weg. Mehr verrate ich nicht!
Außer, dass eine Frau eine wichtige Rolle spielt. Françoise (Françoise Fabian) hat neben dem Juwelier ein Antiquitätengeschäft. Simon bekommt bei den zwangsläufigen Beobachtungen viel von ihr mit (eine Hommage an den besonders in Frankreich hochverehrten Hitchcock und "Das Fenster zum Hof"?) und verliebt sich in sie. Er kann nicht widerstehen, ein bißchen Schicksal zu spielen, in der wahren und der falschen Erscheinung bei ihr aufzutauchen und für sie ein wertvolles Möbelstück zu kaufen und als der andere gleich wieder von ihr wegzukaufen. Er trifft sich mit ihr ohne Gummimaske, aber mit der Maske des biederen Industriellen, er möchte sie näher kennenlernen. Zunächst verpatzt er alles durch einen zu offensichtlichen Annäherungsversuch, aber später ist sie doch sehr angetan von seiner ehrlichen Art. Diese spielt der Film in einer herrlichen Lästerei gegen das blasierte Gerede französischer Intellektueller (und französischer Cinéphiler) aus, wenn Simon bei einem Abendessen auf Françoises "Kreise" trifft. "Aber Sie lesen doch Rezensionen, oder?" "Nein." "Und wie entscheiden Sie sich dann für einen Film?!?" "So wie für eine Frau. Ich lasse es drauf ankommen." Wunderbar! Kino ist Liebe, Frauen sind Liebe, Liebe ist Impuls, Sich-Geben, es drauf ankommen lassen, sich hineinstürzen. Ironischerweise redet die Clique auch über den Film "Ein Mann und eine Frau", nicht kapiert habend, worauf es ankommt. Ein Mann und eine Frau, mehr braucht es nicht, es ist riskant, aber es lohnt das Risiko, immer. Der Film wird noch gelegentlich darauf zurückkommen, was ein Mann ist, was eine Frau ist, ob eine Frau wie ein Mann leben kann - letztlich bleibt aber nur die Erkenntnis, dass man es einfach mal drauf ankommen lassen sollte. Für dieses Bekenntnis zur Leidenschaft (das immer ohne Kitsch, aber nie ohne Hoffnung auskommt) kann man den Film schon lieben. Er ist zwar von einem sehr gemächlichen Tempo, und in einigen Szenen tendieren die Dialoge zwischen Simon und Françoise ein kleines bißchen in das Gestelzte, das der Film andernorts so überaus effektiv denunziert. Man sagt doch nicht: "Wie definierst Du eine Frau?", sondern etwas Einfacheres wie: "Eine Frau, was is'n das für Dich?" Gelegentlich ist der Film ein bißchen (vermutlich sehr bewusst) spröde inszeniert. So sehen wir immer wieder verwaschene Farben und Menschen hinter Glasscheiben (was aber auch, "Fenster zum Hof" sei vielleicht Dank, das Beobachtende, Abwartende, Distanz-halten-Müssende der Protagonisten zum Ausdruck bringt). Aber das alles entfaltet eine traurig-schöne, poetische Sogwirkung.
Ventura gibt eine intensive Darstellung des desillusionierten Gauners, dessen Traurigkeit in jede Falte des Gesichts eingeschrieben ist, und dem wir dennoch "ein glückliches (Neu-)Jahr" wünschen. Ob er es bekommen wird, und ob er es mit Françoise bekommen wird? Vielleicht ist ja auch Partner Charlot (Charles Gérard) seine einzig wahre Liebe. Latent homosexuelle Anspielungen in dem Verhältnis des Gauners oder Polizisten zu seinem Partner zu suchen, wird zwar gelegentlich inflationär betrieben. Hier aber scheint es mir deutliche Hinweise zu geben. Simon behandelt den Mann nicht immer freundlich, beschimpft ihn als angeblich zu blöde für Simons subtilen Psycho-Plan, aber scheint doch sehr an ihm zu hängen. Wie die beiden ein Weihnachtsessen auf dem Balkon zu sich nehmen, inklusive zweier Kerzen auf dem Tisch, weil sie nur einander haben (mit Françoise hat sich da bei Simon noch nichts entwickelt), das ist eine sehr intime Zweisamkeit, wie zwischen Liebenden statt zwischen Kumpeln inszeniert. Ob Simon Charlot ans Messer liefern wird, wird später noch ein Thema sein. Und die Rahmenhandlung spielt wie erwähnt in einem Travestieschuppen. Männer als Frauen, in jeder Hinsicht? Letztlich ist das Spekulation. Wegen der deutlichen Hinweise auf das elementare Thema "Ein Mann und eine Frau" bin ich noch etwas irritiert, Charlot scheint mir für Simon eher nur ein unvollständiger Frauenersatz zu sein. Das alles spricht beileibe nicht gegen den Film, er lädt dazu ein, ein bißchen zu spekulieren, und er vermeidet eindeutige Antworten. Ein schöner, ruhiger, trauriger, cleverer, nachdenklicher Film, der berührt und der dem Zuschauer genügend Freiraum und Luft zum Atmen lässt.
Die Qualität der DVD ist nicht perfekt, aber annehmbar, der Film läuft in Deutsch oder Französisch (dann mit nicht ausblendbaren englischen Untertiteln), Extras gibt es keine.