"Booklist", die führende Zeitschrift amerikanischer Buchhändler und Bibliothekare, bezeichnete Ljudmila Ulitzkaja als "die beste zeitgenössische russische Autorin. Und es ist nicht schwer zu verstehen, warum." Dabei hätte der Lebenslauf der Ulitzkaja ja schon selbst einen nicht geringen Wert zu literarischer Berichterstattung, zu einem keinen Buch, einem Roman: Geboren 1943, zu Zeiten der Moskauer Evakuierungen, im sibirischen Jekaterinburg; studierte Biologin, später als Genetikerin tätig; suspendiert wegen der Verbreitung sogenannter Samsidat-Literatur. [Samsidat (auf deutsch: Selbstverlag) ist der Sammelbegriff von Büchern und sonstigen literarischen Veröffentlichungen, die in der ehemaligen Sowjetunion verboten waren: alternative, nicht systemkonforme Untergrundliteratur.]
Ulitzkaja erzählt alltägliche, meist im russischen Künstler- und Akademikermilieu situierte Geschichten, deren Heldinnen und Helden unspektakulär, aber nicht ohne Tiefe sind. In "Ein glücklicher Zufall" allerdings erzählt sie - wie der Untertitel schon verrät - Kindergeschichten.
"In dem Sommer, als Serjoshas Schwester Mascha zur Welt kam, sollte er aufs Land geschickt werden - nicht zum Großvater wie andere Kinder, sondern zum Urgroßvater. Urgroßvater lebte in einem entlegenen Dorf, und der Weg dorthin, den sein Vater mit ihm nahm, war kompliziert: erst mit dem Zug, dann mit einem kleinen Dampfer und anschließend lange zu Fuß." Russische und ukrainische Hinterlandschaften: die Gebiete aus den Erzählungen Ulitzkajas. "Am späten Abend erreichten sie das Dorf. Zu beiden Seiten der schmalen, mit dichtem, buschigen Grün bewachsenen Straße standen graue Hütten. Einige waren vernagelt. Mitten auf der Straße liefen dünnbeinige, lockige Tiere, und Serjosha sagte: 'Komische Hunde!'"
Glücklicher Zufall mit komischen Hunden!? Wie in der hier vorliegenden Geschichte "Die Nägel", gibt uns die Autorin - so auch in den fünf anderen Episoden - nicht unbedingt ein stetiges Gefühl davon, dass es nur schön ist, Kind zu sein. Wissen wir doch nicht erst seit Friedrich Kirchners "Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe", dass es im objektiven Dasein keine Zufälle gibt. "Glücklicher Zufall" und andere Kindergeschichten sind: neben dem voran genannten und dem danach zitierten: "Ein Papiersieg", "Der Flüster-Opa", "Die Wachsente" und "Das Kohlwunder".
"Der Vater lachte. 'Aber das sind doch Schafe! Und da ist auch der Schäfer!' Er zeigt auf einen Jungen, etwas älter als Serjosha, barfuss und mit einer warmen Mütze auf dem Kopf. Auch das war komisch."
Noch einmal der Berliner Philosoph Friedrich Kirchner und sein ursprünglich auf das Jahr 1886 zurückgehendes Wörterbuch: Demnach nennt man einen Zufall "alles, was durch keine Gründe und Ursachen bedingt zu sein scheint." Die Betonung liegt auf "scheint", da im echten Leben "alles Wirkliche durch Ursachen bedingt" ist.
Und daher ist auch "Die Hütte, in der Urgroßvater wohnte", von der uns Ljudmila Ulitzkaja berichtet, nichts als die wahre Realität. Sie, die Hütte, "stand ganz am Rande des Dorfes. Als sie eintraten, erstarrte Serjosha - hier drin sah es aus wie auf einem Bild in seinem Märchenbuch: Am russischen Ofen hing ein Schafpelz, wie ihn der Greis aus dem Märchen anzog, bevor er seine arme Tochter in den Wald brachte; selbst die Ofengabel stand am selben Platz wie im Märchenbuch. Und der Geruch war so besonders, dass er ihn sein Leben lang nicht vergaß: nach altem Schafpelz, Sauerteig, Äpfeln, Pferdegeschirr und anderem Fremden - ein Geruch, wie es ihn nirgendwo sonst auf der Welt gab."
Lassen wir uns verzaubern von dieser auch schon mal als die russische Astrid Lindgren bezeichneten Autorin. Das vorliegende Büchlein, das uns in ländliche Kindheiten vergangener Tage - und nicht nur russischer Landschaften (gefühlt kommt halb Europa in Betracht) - entführt, ist alles Mögliche, nur - ganz wie meinen Herr Philosoph Kirchner - kein Zufall. Ein Zufall nicht, aber Glück schon.