Vielleicht hat sich Anna Gavalda von Louis Malles Filmklassiker inspirieren lassen, denn ihr neuestes Buch "Ein geschenkter Tag" hat eine ähnlich heiter-melancholische Grundstimmung wie seine "Komödie im Mai" und erzählt von ganz besonderen Familienbanden.
Schon die Autofahrt zu einer Familienhochzeit wird zu einer besonderen Zerreißprobe. Simon und seine Frau nehmen Lola, die jüngere Schwester Simons aus Paris mit aufs Land. Lola ist ihrer Schwägerin in herzlicher Abneigung zugetan und die Temperamente beider Frauen sind so unterschiedlich, dass es bereits auf der Fahrt einen wortreichen Schlagabtausch gibt, der sich noch zuspitzt, als die ältere Schwester der beiden zusteigt. Diese hat sich gerade von ihrem Mann getrennt und ist völlig aus dem Gleichgewicht.
Als die Geschwister angekommen sind, stellen sie fest, das Vincent fehlt. Er hat sich erfolgreich vor dem Fest seiner Cousine gedrückt. Ganz spontan lassen die drei Geschwister Simons Frau zurück und beschließen, ihren Bruder zu besuchen.
Vincent, der in einem halbverfallenen Schloss in der Touraine als Fremdenführer arbeitet, freut sich riesig über den unverhofften Besuch.
Anderthalb gestohlene Tage verbringen die vier in alter Verbunden- und Vertrautheit. Sie besuchen eine Dorfhochzeit, die soviel anders ist als das gediegene Fest, dem sie entflohen sind, picknicken auf den Feldern, streunen durch das alte Gemäuer. Sie beschwören gemeinsame Erinnerungen herauf und erneuern noch einmal ihren Bund, der - und das ist das große und sie alle gleichermaßen überraschende Geschenk - auch der erwachsenen Wirklichkeit standhält und ein Bollwerk in stürmischen Zeiten ist und bleibt.
Anna Gavaldas neue Erzählung "Ein geschenkter Tag" ist eine leichte Lektüre. Auf knapp 100 Seiten entfaltet Gavalda dennoch die ganze Magie ihres schriftstellerischen Könnens. Sie erzählt leichtfüßig und atmosphärisch, farbig und lebensklug.
Das sehr Besondere an diesem Buch ist, das Anna Gavalda nur einen flüchtigen Ausschnitt ihrer Protagonisten zeigt und sie dennoch unvergesslich für den Leser macht. In diesem Buch stehen Sätze, die man am liebsten in Stein gemeißelt sähe, die Wärme zwischen den Geschwistern hat etwas Rührendes und zugleich auch Ruppiges.
Man möchte in dieses Buch hineinkriechen wie in eine blühende Frühlingswiese.
Hundert Seiten zum Genießen!